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Wolf Schneider: Deutsch für junge Profis

Wolf Schneider schreibt in Deutsch für junge Profis das Handbuch des guten Stils für die Welt von heute; im Zeitalter von Mails, Blogs und Twitter sind die Kommunikationsformen ziemlich unübersichtlich geworden. «Was ein guter, starker Satz ist – das hat sich in tausend Jahren nicht geändert. Es gilt für die Bibel und den Blog, den Zeitungsartikel wie den Geschäftsbericht.» Mit seinem neuen Buch wendet sich Deutschlands «Sprachpapst» und Stilkritiker Nr. 1 an junge Textprofis, die vor allem eines möchten (und müssen): Leser erreichen. Dazu reicht es nicht, die Grammatik zu beherrschen. «Ja, stimmen soll sie. Aber gewonnen ist damit noch nichts.» Die wahre Kunst ist zu lernen, wie man für Leser schreibt. In 32 kleinen Lektionen lernen wir das Wichtigste über das Schreiben guter, schöner, lesbarer Texte.

Sprachverhunzer, aufgepasst!

Wolf Schneider, als «Lehrmeister der guten Sprache» (FAZ) und «Seniorchef der deutschen Sprachkultur» (Der Spiegel) gerühmt, hat nicht nur Generationen angehender Journalisten im Umgang mit ihrem vornehmsten Arbeitsmittel geschult: einem «anschaulichen, saftigen, eleganten Deutsch». Schneider mokiert sich über metaphorischen Extremnonsense, zerfleddert Groteskes im Beamten-, Marketing-, Politiker und Wissenschaftsdeutsch und wirft sich mit heiligem Zorn auf die mächtige Allianz der Sprachverhunzer, insbesondere jene Spezies, die uns noch die überflüssigsten, dämlichsten Anglizismen als der Moderne letzten Schrei andrehen möchten. Anders gesagt: Speak German! Nothing beats it …

«Deutsch ist eine der tiefsten, ausdrucksstärksten Sprachen auf Erden. Deutsch ist die Sprache des Protestantismus, des Marxismus und der Psychoanalyse.» Einzigartig auch das Arsenal an Komposita: Katzenjammer, Weltschmerz, Schadenfreude, Fingerspitzengefühl, Götterdämmerung. Viele von ihnen – siehe the schweinehund, the heldentenor, the zeitgeist oder the überlebenskampf – bereichern längst andere Kultursprachen. Seit der Duden in Grammatik und Stilistik sich jeder Normierung verweigert, indem er Sprache abbildet und nicht mehr vorschreibt, ist eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, wie Die Zeit pointiert festhält: «Wenn etwas nur lange genug unkorrekt gebraucht wird, ist unsere große Hure Duden zur Stelle und kassiert es als korrekt.»

Autoreninfo

Wolf Schneider, geboren 1925, ist Ausbilder an fünf Journalistenschulen, Lehrer für lesbares Deutsch in Wirtschaft, Medien und Behörden und Autor...
mehr über den Autor
Gemailt, gebloggt, gesimst, getwittert. Aber gelesen?

Eines ist klar: Auch ein Meister ist nicht vom Himmel gefallen. Das soll nicht heißen, dass es so etwas wie Originalgenies nicht gäbe. Heißen soll es, dass auch Sporachmeister an ihren Texten feilen; was Texte zu großer Literatur macht ist, dass man die abgefeilten Späne nicht mehr sieht, dass der Akt des Feilens in der Form aufgegangen ist. «Als Bert Brecht der Satz gelungen war «Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin», hatte er ihn möglicherweise herausgearbeitet aus einem Versuch wie diesem: «Man stelle sich vor, dass kriegerische Handlungen in Ermangelung hinlänglicher Teilnehmerzahlen gar nicht stattfinden könnten.»

Ein paar Beispiele, die zeigen, was (angehende) Textprofis von Wolf Schneider lernen können:

Feurig beginnen. «Wir trafen Jesus in der Mittagspause kurz vor der Kreuzigung.» So begann der stern seinen Bericht über ein Passionsspiel in Florida. Und wer nach diesem ersten Satz den zweiten nicht liest, der ist nicht von dieser Welt.»

20 Sekunden. Im Durchschnitt ist das Maß des Gelangweiltseins erst nach 20 Sekunden (oder rund 350 Zeichen) voll. In diesen 20 Sekuden oder maximal 3540 Zeichen oder in zwei, drei Sätzen lässt sich vile erzählen. Zum Beispiel so: «Gestern war einer dieser Tage, an denen ich verstanden habe, warum Frauen ihren Männern Strychnin ins Essen rühren.» (Katja Kessler, 115) «Wo bleiben die Sondersendungen der Nachtstudios? Warum schweigen die Philosophen? Welcher Bischof ruft zum Dankgebet? Der amerikanische Präsident kündigt eine Welt ohne Kernwaffen an. Und keiner hört hin.» (FAZ, 204)

Nur einen Bruchteil sagen. «Kaum macht man mal die Glotze an, wird ein Ei aufgeschlagen.» So verspottete die Süddeutsche Zeitung die Überzahl der Kochsendungen im Fernsehen … Also griff die zeitung kühn und böse ein Detail,das Ei, heraus und ließ es für das Ganze sprechen: Pars pro toto, der Teil anstelle des Ganzen – ein klassisches Stilmittel …

«Ich denke – also bin ich hier falsch …»

Pfeffer und Pfiff. «Brot für die Welt – die Wurst bleibt hier!» Das war einer der vielen Sponti-Sprüche – der fröhlichsten Hinterlassenschaft der Studentenbewegung von 1968. Oder dieser: «Allein schlafen verschärft die Wohnungsnot.» Und der: «Planung bedeutet, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen.» Dazu die Selbstironie: «Zu allem bereit und zu nichts zu gebrauchen», ebenso wie die Verspottung der anderen: «Ich denke – also bin ich hier falsch.» Ja: Ironie, Bosheit, Wortwitz sind bewährte Mittel, Leser zu fangen und für sich zu gewinnen. Man muss nur die beiden Grenzen kennen …

Lasst Verben tanzen! Klassischer Missbrauch des Passivs im innerbetrieblichen Jargon: (im Original) Hier wird seitens (!) des Betriebsrats sowie der Geschäftsführung die Notwendigkeit gesehen, die betriebliche Gesundheitsförderung auf ein breiteres Fundament zu stellen … (auf Deutsch) Betriebsrat und Geschäftsführung sind sich einig, dass die Gesundheit im Betrieb stärker gefördert werden soll …

Wie gesagt: 32 Lektionen, die man – ich und Sie und er und sie – sich nicht entgehen lassen sollten. Und wenn es draußen auch wie aus Kübeln gösse und nur ein kleines Flämmchen Restvernunft noch glömme – lasset uns ins Freie strömen und danksagen, dass es eine sprachliche Finesse wie den Konjunktiv gibt! (Will heißen: Natürlich ist auch etwas über den Zustand des Konjunktivs hier zu lernen …)