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William H. Gass: Der Tunnel

Der Roman Der Tunnel ist William H. Gass’ literarisches Meisterwerk, eine «Great American Novel», ausgezeichnet mit dem National Book Award – und in der Kritik heiß umstritten: die Geschichte eines Naziforschers, der in sich den Faschisten entdeckt. Der Erzähler William Frederick Kohler ist Professor an einer Universität im Mittelwesten, sein Forschungsgebiet das Dritte Reich. Soeben hat er sein Opus Magnum vollendet, «Schuld und Unschuld in Hitlers Deutschland». Was noch fehlt, ist die Einleitung, ein Kinderspiel – eigentlich. Was er dann wirklich schreibt, ist das komplette Gegenteil zu seiner sauber argumentierenden, historisch fundierten Geschichte des Dritten Reichs. Chaotisch, düster, eine Abrechnung mit sich selbst, voller Lügen, Wutausbrüche und Scharaden …
Wir haben mit dem Übersetzer Nikolaus Stingl über seine viel gelobte Arbeit an Gass' Monumentalroman gesprochen.

DAS INTERVIEW

Zunächst einmal die Frage, die sich aufdrängt, wenn man diesen Ziegel von einem Buch zur Hand nimmt: Wie lange haben Sie an diesen 1092 Seiten übersetzt?
Etwa dreizehn Monate.

Diesen Roman muss man nur einmal durchblättern, um eine erste Ahnung von der Monsterarbeit zu bekommen, ihn zu übersetzen. Es gibt, grob geschätzt, mindestens ein halbes Dutzend unterschiedlicher Textsorten; sogar (nach)dichten mussten Sie. Deshalb die Frage: Ist es mehr Lust oder Last, Romane wie «Der Tunnel» zu übersetzen?
Es ist beides. Es macht schon sehr viel Mühe, aber man wird dafür, finde ich, auch reich belohnt. Ich habe es jedenfalls meistens gern getan.

Gass soll mit der Niederschrift seines Opus Magnum 1965 begonnen haben, 1995 erschien Der Tunnel dann in den USA. Wieso dauerte es noch einmal 16 Jahre bis zur deutschen Ausgabe?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich vermute aber, es hat hauptsächlich mit der formalen und inhaltlichen Zumutung zu tun, die das Buch darstellt.

Autoreninfo

William Howard Gass, geb. 1924 in Fargo, North Dakota, wuchs in Ohio auf. Studium der Literaturwissenschaften, 1954 Promotion an der Cornell...
mehr über den Autor
Vom «Faschismus des Herzens»

«Brillanter kann Verzweiflung nicht sein», schreibt Richard Kämmerlings in der WELT über Gass' Roman. Können Sie sich beim Übersetzen all das Perverse (wie Culps faschistoid-sexistische Limericks), das Größenwahnsinnige etc. vom Leibe halten, was uns Lesern mit der Figur des William Frederick Kohler zugemutet wird?
Ich versuche es, so gut es geht, aber das ist nicht immer ganz leicht. Ich glaube, ich hatte noch nie mit einem Buch zu tun, das mir so zugesetzt hat. Letztlich geht es aber darum, Sprachliches zu transportieren, und dafür braucht man, wie ich finde, eine gewisse Distanz.

Gass soll seinen Roman an den Prinzipien der Zwölftonmusik orientiert haben. Gibt es einen musikalischen Bauplan, dem Sie in der Übertragung folgen mussten?
Ich halte das, ehrlich gesagt, für eine etwas bemühte Analogie. Ich wüsste nicht, wie man die Prinzipien der Zwölftonmusik – Reihe als Grundstruktur, grundsätzliche Gleichberechtigung aller Akkorde etc. – auf die Literatur übertragen können sollte. Eine Verwandtschaft zur Musik sehe ich allenfalls in der sehr stark rhythmisch und klanglich durchgearbeiteten Sprache des Buches. Ich habe mich bemüht, das nachzuvollziehen.

Lust an der Provokation

Literarisch brillant, aber politisch und moralisch eine einzige Provokation, das ist die einhellige Resonanz auf Gass' Buch. Schrie nicht manchmal alles in Ihnen danach, endlich den letzten Satz des «Tunnels» zu übesetzen und zu sagen: Finito, Gott sei Dank?!
Ich habe schon drei Kreuze gemacht, als ich damit fertig war, aber nicht so sehr wegen der politsichen und moralischen Provokation, sondern weil es ein großes und schwieriges und deshalb eben auch schwierig zu übersetzendes Sprachkunstwerk ist.

Wenn Sie spontan sagen müssten, wer «schwerer zu übersetzen» ist, Pynchon oder Gass – was ist Ihre Antwort?
Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen, aber Pynchon ist jedenfalls sehr viel lustiger. Schallend gelacht habe ich bei Gass nie, bei Pynchon dagegen öfter. Einfach zu übersetzen ist beides nicht.