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Willi Winkler: Der Schattenmann

© picture-alliance / dpa, epa keystone

Im Oktober 1932 wird der 17-jährige François Genoud im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg dem NSDAP-Führer Adolf Hitler vorgestellt. Sechzig Jahre später sitzt er in Venezuela in der Küche von Magdalena Kopp, der Frau des in Frankreich inhaftierten Terroristen Carlos, und plauderte aus dem Nähkästchen: «Ich rauche nicht, ich trinke nicht und esse kein Fleisch – wie mein Chef.» Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wer sein «Chef» sei, hebt er den Arm zum Hitlergruß. François Genoud, 1915 in Lausanne geboren und 1996 in Pully von eigener Hand gestorben, ist eine «der merkwürdigsten, ungreifbarsten und unappetitlichsten Gestalten der Nachkriegszeit» (Der Bund). Ein Schweizer Bankier, der als radikaler Antisemit für Hitler schwärmte, an Texten der NS-Ikonen Goebbels und Bormann bestens mitverdiente, algerische Nationalisten ebenso unterstützte wie palästinensische Terroristen aus dem Umfeld des PFLP-Chefs Wadi Haddad und dessen Gefolgsmann Carlos unterstützte. Für Willi Winkler ist er Der Schattenmann: ein «freischaffener Nazi» mit einer historischen Mission.

Stimmen zum Buch:

«Winkler beschreibt seinen Protagonisten mit dem sprachlichen Vermögen eines Feuilletonisten, mit der Exaktheit eines Historikers und dem sanften Sarkasmus eines mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts Vertrauten. Zugleich erhellt er Zusammenhänge, die bisher im Dämmerlicht des Extremismus ruhten.» (Spiegel Online)

«Willi Winklers Buch hat alles, was ein guter Agententhriller braucht: Spione, Handel mit Nazi-Büchern, Revolutionäre, Flugzeugentführungen, Geldwäsche und scheinbar ehrbare Bürger. Und mitten in der Geschichte: die neutrale Schweiz. » (Deutschlandfunk)

Der Bankier des Terrors

Bis 2015 muss jeder, der aus Goebbels’ Tagebüchern, Hitlers Tischreden oder den Ehebriefen der Bormanns zitieren will, den Rechtsnachfolger um Erlaubnis fragen und brav Tantiemen überweisen. Nachlassverwalter seit den 1950-er Jahren ist eben jener Genoud, der einen lebenslänglichen Treueeid auf sein Idol Adolf Hitler geschworen hat. Ein historisches Paradoxon? Nein, internationales Urheberrecht! Er unterstützte bei den Nürnberger Prozessen die Familien von Angeklagten und verhalf Nazi-Kriegsverbrechern zur Flucht ins Ausland. Für Genoud galt: einmal Nazi, immer Nazi. Als der Organisator der «Endlösung», Adolf Eichmann, 1960 von einem israelischen Kommando gekidnappt und in Jerusalem vor Gericht wurde, ließ er sich nicht lumpen und bezahlte Genoud dessen Verteidiger. Und auch um den Gestapo-Mann Klaus Barbie, den «Schlächter von Lyon», kümmerte er sich fürsorglich.

François Genoud verstand sich als Antikolonialist; das erklärt seine vogelwilden Bündnisse mit antagonistischen politischen Positionen – Goebbels und Carlos, NSDAP und PFLP, das ging bei ihm bestens zusammen. Bei einer Orientreise in den 1930-er Jahren hatte er den Mufti von Jerusalem, Hadj Amin al-Husseini, kennengelernt, einen fanatischen Antisemiten und Hitler-Verehrer. Über Genouds Genfer Banque Commerçiale Arabe wurden im Lichte der internationalen Öffentlichkeit die Geld- und Waffengeschäfte der algerischen FLN abgewickelt. Das «Geschäftsmodell Genoud» funktionierte wie geschmiert. Wo immer es gegen «die Zionisten» ging, war der Schweizer Biedermann dabei. Ob Freiheitskämpfer oder Terroristen, Genoud machte hier keine Unterschiede.

Als Wadi Haddads Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) zu Bombenattentaten und Flugzeugentführungen als Mittel des politischen Kampfes griff, konnte sie sich der Unterstützung des Schweizer Bankiers sicher sein. Was er auch tat, er selbst blieb stets unangreifbar – zumindest unangegriffen, selbst als er im Februar 1972 eine Lösegeldzahlung von fünf Millionen Dollar für einen entführten Lufthansa-Jet arrangierte – der Brandstifter als Biedermann. Einen wie ihn steckte man nicht in den Knast; bis an sein Lebensende konnte sich Genoud der Protektion mehrerer Geheimdienste des «freien Westens» sicher sein.

Autoreninfo

Willi Winkler, geboren 1957, hat in München und St. Louis studiert und Bücher von John Updike, Anthony Burgess und Saul Bellow übersetzt. Er war...
mehr über den Autor
«Die Wahrheit ist, ich liebte Hitler» (François Genoud)

Er wurde überwacht, aber nie angeklagt. Es geht eben nichts über gute Freunde. Hans Rechenberg, Pressesprecher im NS-Wirtschaftsministerium, auch er ein ewig Unbelehrbarer, avancierte zum Wirtschaftsberater in Algerien; dem BND schickte er wertvolle Lageberichte aus Nordafrika. Und Ex-SS-Untersturmführer Paul Dickopf, einer von Genouds best buddies, brachte es im Januar 1965 zum Präsidenten des Bundeskriminalamtes; dass er drei Jahre später Interpol-Chef wurde, hatte er nicht zuletzt seinem Schweizer Intimus zu verdanken, der als Stimmbeschaffer im arabischen Lager nützliche Dienste leistete.

Als Informant des Schweizer Geheimdienstes genoss er praktisch diplomatische Immunität. Er wickelte seine Geldgeschäfte diskret ab, trat freundlich und verbindlich auf, war ein gesuchter Gesprächspartner. «Er war eine Art Terrorkaplan, ein freundlicher älterer Herr, der die jungen Bombenwerfer seelsorgerisch und finanziell betreute. (…) So gelang es ihm, obwohl Doppel- und Tripel-Agent, ein klandestines Leben im vollen Licht der Öffentlichkeit zu führen.» Ihm war zeit seines Lebens mit dem Strafgesetzbuch nicht beizukommen. Nie verstieß er gegen Gesetze seines Heimatlandes – und: Er hatte kein Blut an den Händen, anders als PFLP-Chef Haddad oder der Venezolaner Carlos, der mit einem deutsch-arabischen Kommando kurz vor Weihnachten 1975 in Wien die OPEC-Konferenz stürmte und 80 Minister als Geiseln nahm..

Umgeben von seinen Getreuen,, schied der ewige Nazi François Genoud im Frühjahr 1996 auf die gleiche Weise aus dem Leben wie Heinrich Himmler, Hermann Göring und andere seiner verehrter Vorbilder: mit tödlichem Gift. Wenige Wochen zuvor hatte er seine Weltsicht in einem bemerkenswerten Satz zusammengefasst: «Hitler war wie Gandhi ein Mann des Friedens.»