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Klären wir eine Frage gleich zu Beginn: den Buchtitel. Es ist nicht so, dass nicht auch andere Titelideen von Max-Goldt-hafter Klasse denkbar gewesen wären, Überschriften wie: Schlagbaum mit Dreitagebart, Am Nordpol wächst kein Heidekraut, In Rio sterben Jogger früh, Stoned in Serekunda, Zick Zack Zuckerhut oder Wanderer, kommst du nach Strptltczsch. Aber irgendwie hat sich dann In Rio steht ein Hofbräuhaus durchgesetzt. Klingt ein bisschen wie ein Ballermann-Mitgrölschlager, anders gesagt: Der Titel ist, wie es so schön heißt, «im allerbesten Sinne populär …»
Nein, Wigald Boning ist nicht schon sein ganzes Leben über alle Kontinente und durch alle Welt gegondelt. «Als Weltreisender bin ich ein Spätentwickler. Ich stamme aus einem bürgerlichen Reihenhaushalt und verbrachte meine Kindheit im Oldenburg der siebziger Jahre. Im Normalfall unternahmen wir Bonings jährlich zwei Reisen: Die Osterferien wurden zumeist für einen Pensionsaufenthalt im Harz, dem Teutoburger Wald oder der Lüneburger Heide genutzt, den Sommerurlaub verbrachten wir in der ersten Hälfte der Dekade in Großenbrode an der Ostsee und ab 1975, wohl wohlstandswachstumsbedingt, auf Mallorca.» Mallorca, das hieß für den damals achtjährigen Wigald «Palmen! Melonen! Haie!» Haie auf Malle? Das hätten Sie nicht gedacht!
Seine Tätigkeit als «Dienstleister in Sachen Fernsehhumor», mehr aber noch seine sportlichen Aktivitäten (siehe Bekenntnisse eines Nachtsportlers) führten den einst notorischen Harz-, Ostsee- und Malletouristen doch noch hinaus in die weite Welt. «Um wenigstens meine Eindrücke mit den Daheimgeblebenen teilen zu können, habe ich mir angewöhnt, das Erlebte per Klapprechner zu notieren und als Elektropost zu verschicken. Diese Briefe in die Heimat sind im hiermit vorliegenden Band zusammengefasst.»
Starten wir mit dem «Fulda Challenge», einem ziemlich eigenartigen Event am Yukon River im Nordwestzipfel. Im Jahr zuvor soll es bis zu minus 60 Grad kalt gewesen sein, bei Wettbewerben, die eine Art moderner Zehnkampf für Promis darstellen. Dazu zählen u.a. nächtliche Schluchtenüberquerung am Seil (in 15 Metern Höhe), Einzelzeitfahren bergauf im Toyota Camry, Halbmarathon durch Eis und Schnee, Hundeschlittenrennen, Ski-Doo-Rennen, Radrennen in Eiseskälte, Herumrasen im Luftkissenboot, solche Sachen eben: survival of the fittest, you know. Alles zusammengenommen eine ziemlich sinnfreie Angelegenheit, aber extrem unterhaltsam. (Der hübsche Titel «Am Yukon trinkt man Menschenschnaps» ist übrigens kein Fake: Im Sourdough Saloon in Dawson City wird ein Schnaps serviert, in dem ein Männerzeh schwimmt. Wer das Gesöff runterkriegt, hat sich den Ehrentitel «echter Yukoner» verdient …
Wigald Boning ist im Team Germany II mit Birgit Fischer gelandet, der «Paradekapitänin des real existiert habenden Sozialismus und 245-fachen Goldmedaillengewinnerin im Kajakfahren» (genau genommen sind es «nur» 8 goldene und vier silberne Plaketten, die sie zur erfolgreichsten deutschen Olympionikin der Sportgeschichte gemacht hsben). Frau Fischer («Meine Majorin») ist echt hardcore, findet Herr Boning: Zu Hause schläft sie stets auf einer Luftmatratze (Bett, Schlafzimmer – wozu?); dann ihre nackten Sportleroberarme, «Heizungsrohre, ach was sage ich, Grizzlybärenextremitäten, nur mit weniger Haaren dran.» Team Germany II schlug sich wirklich achtbar. Und Team Germany I mit Eisschnelllauflegene Gunda Niemann-Stirnemann («Gunda Gnadenlos») und Zehnkampflegende Frank Busemann? Na ja, klar, die waren auch dabei, aber … Schwamm drüber.
Zu den härtesten Herausforderungen, denen sich Boning bei Dreharbeiten für «Megaclever», die von der Nordwestdeutschen Klassenlotterie gesponserte Wissenschaftsshow, freiwillig – aber nichtsahnend! – aussetzte, war ein teuflisches Experiment am Rande des Red Bull Air Race in einem Kunstflieger, hoch oben im Luftraum zwischen Rio de Janeiros Copacabana und Zuckerhut. Kunstfliegen gelte als Sportart, in der «so gut wie nichts passiert», hatte man ihm gesagt. Wie beruhigend. Wenn was passiert, hat man es eh hinter sich, das Leben, weshalb also sich vorher unnötig ängstigen?
Und das war das Experiment, um das es ging: «Bei welcher Kunstfigur kann der Mensch nicht mehr das altbekannte ‹Haus vom Nikolaus› auf ein Blatt Papier zeichnen: beim Looping, bei der Zeitenrolle oder beim Außenlooping?» Für Boning bedeutete das: Brandschutzanzug, Helm, Intercom, Fallschirm, Kotztüte, Todesangst. Der Pilot jagt das Höllengeschoss eine Handbreit an der Schulter der berühmten Jesusfigur auf dem Zuckerhut vorbei, «ehe die wildtrudelnde Maschine 600 Höhenmeter tiefer abrupt abgefangen wird …» (Übrigens, die richtige Antwort lautet «Außenlooping».) Und die Überschrift? Stammt von dem Taxifahrer, der Boning Richtung Airport kutschierte und zum Abschied den coolen Satz sagte: «Rio ist wie Gisele Bündchen mit Mundgeruch …»
Weitere Reisen führen Boning u.a. in die Türkei («Kismet Disko»), wo auf Einladung des Goethe-Instituts den Türken neue/progressive/experimentelle Musik des deutschen Komponisten Hans-Joachim Hespos nahegebracht werden soll. Nach Bangkok, wo er neue Showformate sichtete und zu seinem Erstaunen Unmengen Fans (Fans von ihm, Wigald Boning!) begegnete – ob zu ihnen auch der wohl bekannteste Dicke Deutschlands zählt, der Ex-Fußballmanager von Bayer 04 Leverkusen, ist allerdings nicht bekannt: «Häufiger Interviewpartner der Thaizeit ist übrigens Reiner Calmund. Bangkok sei seine absolute Traumstadt, vor allem wegen des leckeren Essens. Er bringe es auch fertig, sich mit allen Leuten problemlos in einer Mischung aus Kölsch und Englisch zu verständigen: ‹Do missch mal tweny saschimi …»
Auf der Queen Mary 2 («ein Hotel, das sich mit 22 Knoten bewegt, Hiltonklasse») fühlt er sich wie ein «Schiffshund im Smoking». Er ist samt Familie an Bord, um aus seinem Weltbestseller Bekenntnisse eines Nachtsportlers vorzutragen: von Hamburg nach New York. Ob man ihn aber angesichts folgenden Resümees noch einmal als kulturschaffenden Kreuzfahrer auf den Luxusliner mitnehmen wird?! «Dies ist der Prototyp einer überalterten Zweidrittelgesellschaft: Im Innern des Schiffs, fernab des Tageslichts, schuftet die Jugend (1000 Mann Besatzung), und Oma und Opa (2000 Passagier) verprassen ihre Rente. Bis zur Meuterei.»
In Tiflis (sprich: Tbilissi) fotografierte der Mann mit der fotogenen Brille alleinstehende (oder allein stehende?) Telefonzellen, in der Stadt der Liebe (sprich: Paris) lässt er sich von einer deutschen Studentin blind (sprich: mit verklebten Augen & schwarzer Brille) durch die Stadt führen. In Gambia lernt er hautnah, was die Befindlichkeitsfloskel T.I.A. bedeutet («This is Africa», aber hallo!), und im Zillertal, wie man als Reisegruppe zünftig-zoffig Silvester feiert. In Afghanistan eröffnet er, der Ex-Zivi und Ex-Pazifist, unter dem Schutz der Bundeswehr eine Schule, und im Samba-Express versucht er einigermaßen heil (sprich: alkoholfrei) die «karibische Ostsee» zu erreichen …
Das alles ist, wie immer bei Wigald Boning, wunderbar lustig, schlau, exzentrisch. Macht Lust aufs Reisen! «Wie sagte der völlig zu Unrecht verstorbene Max Frisch? ‹Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung.›»