Seit fast einem halben Jahrhundert ist John Updike der diensthabende Chronist der weißen amerikanischen Middle Class. Seine Bewunderer, unter ihnen der Literaturkritiker des Spectator, würden für ihn und seine Erzählkunst durchs Feuer gehen: «Updike ist ein Autor von magischer Heiterkeit, von einem tiefen, natürlichen Charme. Seine Prosa knistert vor festlicher Energie; seine Brillanz wird so nachlässig aufgetragen, dass wir sie für selbstverständlich halten.» Das hätte John Hoyer Updike höchstpersönlich nicht festlicher ausschmücken können.
John Updike, am 18. 3. 1932 in Shillington, Pennsylvania, geboren, hatte das Glück, früh dem Richtigen aufzufallen. William Shawn, der Herausgeber des New Yorker, wurde auf Updikes satirische Gedichte in einem Studentenmagazin der Harvard University aufmerksam und verpflichtete ihn kurzerhand als Kolumnist und Literaturkritiker. Nach drei Jahren im Herzen der rasenden Metropole ließ Updike New York (aber nicht den New Yorker) hinter sich, um als freier Schriftsteller in Ipswich, Massachusetts, seinen Traum zu leben. Dort, in der amerikanischen Provinz, hatte er freien Blick auf «sein» Thema. Er brauchte nur noch zuzugreifen.
Updike hat sich einmal als einen der letzten lebenslänglichen Berufsschriftsteller Amerikas bezeichnet. Einmal im Dienst, immer im Dienst – ein Ausbund an Fleiß und Zielstrebigkeit: pro Jahr in der Regel ein Buch, Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays, Interviews. «Gelassene Selbstreflexion, psychologische Neugier, unterhaltsame Ironie», also das, was Der Spiegel den größten Autoren der US-Literatur attestiert, gilt in hohem Maße für Updike, wie sein jüngst erschienener Erzählband «Wie war’s wirklich» einmal mehr demonstriert.
Die meisten dieser short storys kreisen um die wehmütigen Erinnerungen alter Männer an das erotische Getümmel der 60-er Jahre. An ihre Highschool-Romanzen, an die Frauen, die sie hatten, und die sie nicht hatten. Schon in seinem Skandalbuch «Ehepaare» beschrieb er Ehebruch und Partnertausch wie eine faszinierende leichtathletische Disziplin erforscht: Hochsprung, Dreisprung, Seitensprung. Niemand hat den Paarungswilligen in den weißen Vorstädten genauer auf die unkeuschen Pfoten geschaut als Updike – und seine elegant-beschwingte Art, über Sex zu schreiben, sucht ihresgleichen.
Updikes Männerfiguren sind älter und zynischer geworden und träumen doch ihre testosterongeschwängerten Träume von Freiheit und Abenteuer bis zum letzten Atemzug. Vermutlich finden erfahrene Updike-Leser in dessen Alterswerk nichts wirklich Neues– und werden doch fasziniert sein von der schlafwandlerischen Sicherheit, mit der er uns und sein handelndes Personal durch die Höhen und Niederungen des Lebens führt: Familie, Kinder, Autos, Sex, Ehebruch, Langeweile, Gebrechen, Tod.
Sein Vorrat an Themen, behaupten Updikes Kritiker, sei recht übersichtlich. Aber hinreißend virtuos, wie er mit ihnen umgehe, kontern seine Bewunderer. «Erinnerungen an die Zeit unter Ford»: vordergründig eine vergleichende Untersuchung über die US-Präsidenten James Buchanan (Amtszeit 1857–1861) und Gerald Ford, tatsächlich eine geraffte «Geschichte des Geschlechtsverkehrs»: von der Prüderie über den Orgasmuszwang zum Aids-Trauma. «Gertrude und Claudius»: ein so origineller wie prunkender Hamlet-Roman. «Bech in Bedrängnis»: eine feurige Satire auf den Literaturbetrieb. «Golfträume», eine Meditation des Altmeisters (Handicap 18!) über Golf als Metapher für das Leben mit seinen Aufs und Abs, Birdies und Bogeys.
Und «Brasilien»? Dieser Roman hat das Feuilleton verwirrt wie kein anderer aus Updikes Feder. «Softporno-Langweiler», «Altherrenprosa», «ranzige Brasilienschwarte». Altherrenprosa? So ungestüm muss der literarische nachwuchs erst einmal werden.» (Der Spiegel)
Von Hasen und Betthasen? Ach so, von Udikes legendärer Rabbit-Tetralogie ist die Rede. John Updikes Tetralogie um Harry Angstrom, genannt Rabbit, verdanken wir eine der markantesten Romanfiguren der Literatur des 20. Jahrhunderts. «Hasenherz» (1960), «Unter dem Astronautenmond» (1971), «Bessere Verhältnisse» (1981) und «Rabbit in Ruhe» (1990) entwerfen mit immensem Detailreichtum eine Geschichte des amerikanischen Privatlebens, eine Comédie humaine des modernen Amerika. Pünktlich zur Jahrhundertwende hat der große Meister den Hasenfreunden eine Zugabe spendiert – «Rabbit, eine Rückkehr».
«Rabbit, ein weißes amerikanisches Kleinbürgerarschloch»: Man muss es nicht so derb ausdrücken wie der Rezensent der taz, aber im Prinzip ist das schon korrekt. Denn Harry Angstrom ist auf den ersten und auch auf den zweiten Blick wenig beeindruckend: Als Ehemann stets auf der Flucht wie Richard Kimble, als Vater ein Versager, als homo politicus ein reaktionärer Stammtischbruder, als Unternehmer eine Katastrophe. Und doch hat dieser Rabbit das Zeug zum all american hero.
Harry Angstrom ist 26, als wir ihn zum ersten Mal treffen: Einer, der Haken schlagend durchs Leben wildert, ein notorischer Schürzenjäger. Seinen Spitznamen Rabbit verdankt er der eher zierlichen Nase in seinem amerikanischen Durchschnittsgesicht. Apropos Nase und Hase: Streng genommen hätte aus «Rabbit, run» im Deutschen «Kaninchen, lauf» werden müssen. Das wäre als Romantitel aber vielleicht etwas albern gewesen. So wurde aus dem Karnickel ein Hase, und siehe, es war gut so.
Der Tristesse des Familienalltags mit Ehefrau Janice und Sohn Nelson überdrüssig, vagabundiert er durch die Betten seiner Vorstadtsiedlung. Mit dem Einstieg ins Geschäft seines Schwiegervaters mausert er sich zum Toyota-Händler und klopft beherzt bei der Upper Middleclass an– nichts ist unmöglich! Tennis, Golf, Alkohol, fettes Essen und Ehebruch à la carte – das ist sein Leben. Als er mit 56 endlich begreift, dass es an der Zeit ist, kürzer zu treten, bekommt er die Quittung: Als Rabbit, der ehemalige Basketball-Crack, sich mit den Kids an der Ecke noch einmal unter dem Korb tummeln will, erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt.
«Man sieht mit an», bemerkt Dieter E. Zimmer, «wie das Banale Funken schlägt. ‹Something fierce is going on in homes›, hat Updike einmal gesagt, etwas Wildes, Böses, Grimmiges, Ungestümes, Verbissenes geht in den Familien vor sich … Schuld wird verteilt und umverteilt, die Liebe reicht nicht, die Rücksicht reicht nicht, das Geld reicht nicht, die Atemluft reicht nicht, und alles wiederholt sich Generation um Generation.»
Während im Vordergrund Rabbit über die Bühne stolziert, immer auf der Suche nach einer schnellen Liebesnacht oder einem Jahrhundertschlag auf dem Green, laufen im Hintergrund des amerikanischen Großepos stets die große Politik wie ein Film mit: die spießigen fünfziger Jahre, Kuba-Krise und Mondlandung, Hippieaufruhr und sexuelle Revolution, Vietnamkrieg und Ölschock, Reaganomics und der Fall der Berliner Mauer, Nixons Watergate und Clintons Monicagate.
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