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Volker Zastrow: Die Vier

Vier SPD-Landtagsabgeordnete verhinderten im November 2008, dass ihre Partei- und Fraktionsvorsitzende Andrea Ypsilanti an der Spitze eines rot-grünen Bündnisses mit Duldung der Linkspartei zur hessischen Ministerpräsidentin gewählt wurde. Ein Eklat, ein Skandal – vor allem aber ein politisches Lehrstück. Volker Zastrow, Politikchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, rekonstruiert das «Nein» der hessischen Abweichler in all seinen Facetten. Die Vier: akribisch recherchiert, spannend, temporeich und von einer psychologischen Tiefenschärfe, die an einen Gesellschaftsroman erinnert. «Eine beispielhaft gründliche Recherche.» (Die Zeit)

Dass frei gewählte Abgeordnete in einer strittigen politischen Frage ihrer Partei die Zustimmung verweigern, sollte in einer demokratisch verfassten Gesellschaft eigentlich nicht zum Skandal taugen. Eigentlich. Schließlich gilt: Gewissensfreiheit vor Fraktionsdisziplin. Als aber am 3. November 2008 Dagmar Metzger, Silke Tesch, Jürgen Walter und Carmen Everts öffentlich machten, ihrer Parteichefin Andrea Ypsilanti die Wahl zur hessischen Ministerpräsidentin zu verstellen, brach ein Sturm der Empörung über die vier Abweichler herein. Das «Projekt der sozialen Moderne» in und für Hessen (samt «neuer Politik», «neuem Verhältnis zur Macht», «neuer Kultur» etcetera) war zu Ende, bevor es begonnen hatte.

Vier gegen Ypsilanto

Bedroht war die Wahl Ypsilantis, seit die Darmstädter SPD-Abgeordnete Dagmar Metzger öffentlich erklärt hatte, eine mit den Stimmen der Linkspartei ins Amt gehievte rot-grüne Minderheitsregierung nicht mittragen zu können. Für die sogenannte linke Mehrheit hätte Ypsilanti 57 Stimmen benötigt (SPD 42, Grüne 9, Linkspartei 6), um an CDU und FDP (55 Stimmen) vorbeizuziehen. Nur ein sozialdemokratischer Abgeordneter neben Metzger müsste Nein zu Ypsilanti sagen, schon wäre die Option Rot-Grün für Hessen gestorben - das war die Machtkonstellation bis in die ersten Novembertage 2008. Bekanntlich waren es dann gleich vier Abgeordnete, die sich der Parteitagslinie der SPD widersetzten. Weder «Viererbande» noch «phantastische Vier», sondern ein politisches Zweckbündnis, geeint allein in der Absicht, die Ypsilanti-Wahl zu blockieren. Dass zwei der vier Parlamentarier, nämlich Jürgen Walter und Carmen Everts, die ganze Zeit über mit mehreren Handlungsszenarien jonglierten (für oder gegen Ypsilanti, mit oder ohne die Linkspartei) und sich buchstäblich bis Stunden vor der entscheidenden Pressekonferenz noch sämtliche Optionen offenhielten, das hat Volker Zastrow in diesem «Politthriller» eindrucksvoll belegt.

Wer waren die vier Nein-Sager?

Dagmar Metzger. Die Darmstädter Abgeordnete ließ von Anfang an keine Zweifel daran, dass sie sich an ihr Wahlversprechen gebunden fühlte und «die Andrea» in keinem Fall gemeinsam mit den Abgeordneten der Linkspartei wählen würde. Für die gebürtige Berlinerin, in deren eigener Familiengeschichte triste Erfahrungen mit Mauerbau und Stasi-Repression eingebrannt waren, war das eine Sache des Prinzips. Metzger hatte in eine alt-sozialdemokratische Politikdynastie Darmstadts eingeheiratet: Lothar Metzger, der Großvater ihres Mannes, war der erste Oberbürgermeister Darmstadts nach dem 2. Weltkrieg; in diesem Amt folgte ihm sein Sohn Günther nach, einer der Mitbegründer des pragmatischen Seeheimer Kreises. In der Fraktion und in weiten Teilen der Partei bezahlte Dagmar Metzger ihre Konsequenz mit einer dramatischen Isolierung, «in einer Art, für die sich in der Geschichte der Bundesrepublik kein Beispiel nennen lässt».

Silke Tesch. Ihr Leben war und ist gezeichnet von einem Schicksalsschlag: Als kleines Mädchen wurde sie bei einem fatalen Unfall von einem Lastwagen erfasst, dessen Fahrer auf regennasser Straße die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte.Das linke Bein der Achtjährigen musste unterhalb des Knies amputiert werden. Durch die Folgen einer Lebertransplantation, der sich ihr Mann unterziehen musste, waren die Teschs gezwungen, ihren Dachdeckerbetrieb aufzugeben. Kurz darauf ging Silke Tesch in die Politik – und startete durch: acht Jahre Mitglied des Kreistages Marburg-Biedenkopf, im April 2003 Wahl in den hessischen Landtag, wo sie sich als mittelstandspolitische Sprecherin der SPD einen Namen machte. Bis heute treibt sie die Scham um, Dagmar Metzger nicht von Anfang offen und öffentlich zur Seite gestanden zu haben.

Jürgen Walter. Als Ypsilantis Stellvertreter war er gleichzeitig ihr größter Konkurrent in den eigenen Reihen. Sie war es, die Walter beim Parteitag der hessischen SPD am 2. Dezember 2006 in Rotenburg in offener Feldschlacht die bitterste Niederlage seiner politischen Karriere beibrachte, als sie sich bei der Nominierung zum Spitzenkandidaten für die Hessische Landtagswahl gegen den smarten Rechtsanwalt durchsetzte. Ypsilanti und Walter, in gegenseitiger Abneigung verbunden: Sie hielt Walter für einen opportunistischen Hasardeur, er Ypsilanti für intellektuell nicht satisfaktionsfähig: «Andrea, du bist meines Erachtens unglaublich machtgeil, völlig skrupellos und, mit Verlaub, ein wenig doof.» Keiner beherrschte wie Jürgen Walter die Kunst des Lavierens und Taktierens; rasche Positionswechsel, wechselnde Begründungen, flexible Optionen, all das gehörte zum Aktionsarsenal des Mannes, der so gern hessischer Wirtschaftsminister geworden wäre.

Carmen Everts. Die Frau, von der Zastrow schreibt, sie habe nur «für die Politik gelebt», unverheiratet und kinderlos. Die promovierte Politikwissenschaftlerin (Spezialgebiet: politischer Extremismus) argumentierte gern mit diskurstheoretischen Versatzstücken wie der Differenz zwischen «Gesinnungsethik» und «Verantwortungsethik». Eine Frau für dramatische Gesten und schicksalsschwangere Sätze («Ich will mein Leben zurück»), in Nibelungentreue Jürgen Walter verbunden, mit dem sie seit Schulzeiten befreundet ist. kurz: «ein politisches Paar».

«Wortbruch hat viele Facetten» (Andrea Ypsilanti)

Als mit der Pressekonferenz im Hotel Dorint die Bombe hochging, richtete sich die Wut der «Genossen» gegen die drei Nachzügler, nicht aber gegen Dagmar Metzger, die schon Monate zuvor klar Position bezogen hatte. Von «Verrat», Profilierungssucht» und «Charakterlosigkeit» war die Rede, von «Terror der Minderheit gegen die Mehrheit», und «politischem Amoklauf». Die Bundestagsabgeordnete Helga Lopez sprach offen aus, was viele ihrer Genossen insgeheim dachten: «Vielleicht stimmten die Silberlinge ja…» Willi van Ooyevn von der Linkspartei bereicherte das Repertoire der Schmähungen noch um die Denunziation von Metzger & Co als Handlanger der «Stahlhelm-Fraktion der CDU».

Volker Zastrow hat sich in seiner Reportage für eine überzeugende Dramaturgie entschieden. Das kunstvolle Arrangement des Materials hält Spannung und Tempo der Erzählung hoch, ohne Gründlichkeit und Seriösität aufs Spiel zu setzen. Sein Buch beginnt mit der Pressekonferenz, der Nervenschlacht beim Schritt in die Öffentlichkeit, und es endet mit ihr. Die drei Teile des Buches heißen «Ein mal vier», «Vier mal eins» und «Zwei mal zwei»: von der Außenwirkung als Gruppe über die biografischen Erkundungen der handelnden Personen zur Aufspaltung in die Paarungen Metzger/Tesch und Walter/Everts. Und am Ende haben wir als Leser kapiert, wie Realpolitik wirklich funktioniert.

Genau hierin sieht Gustav Seibt in seiner Besprechung für die Süddeutsche Zeitung das Maßstabsetzende an Zastrows «romanhafter Recherche»: «Er entwirft nicht nur ätzende und plausible Bilder vom Betrieb in Politik, Parteien und Medien, dem Kommunikationschaos in dramatischen Momenten, dem Schwirren von Gerüchten, Missverständnissen und Täuschungen in Handy-Telefonaten, Mails und SMS, von der Dynamik auf Parteiversammlungen und in den Ortsgruppen – selten hat man so akribisch dargestellt bekommen, wie Politik an der Basis funktioniert; darüber hinaus dringt Zastrow vor bis in die Seelen seiner Figuren, ihre Schwächen, Eitelkeiten und Verletzungen, sogar bis in kindliche Schrecken.»

Einen solchen Blick aus nächster Nähe auf politische Protagonisten in Momenten dramatischer Entscheidungen werfen zu können, verdanken wir der Akribie des Autors. Monatelang führte Volker Zastrow ausführliche Interviews, arbeitete sich durch Aktenberge, erhielt Einblick in unzählige Mails und SMS. Trotz allem hätte auch Die Vier eines der zahllosen drögen, stocklangweiligen Bücher zum Thema Politik, Macht & Moral werden können. Aber weil es Zastrow gelingt, das immense Material so zu arrangieren, dass wir uns wie im Kino fühlen, schauen wir gebannt hin - geführt von einer Kamera, die uns an das Kampfgetümmel heranzoomt, an die Säle und Hinterzimmer der Macht und ihre Exekutoren.

Karl May und die Toskana-Fraktion

Er werde «kein angenehmer Autor» sein, kein Gefälligkeitsschreiber, das hatte Zastrow seinen Gesprächspartnern klar zu verstehen geben. Er werde nur schreiben, was er selbst für richtig halte. Neben dem einfühlsamen Porträt von Silke Tesch, der stillen Heldin von Zastrows «Politthriller» (bild.de), gehört der süffisante Exkurs über den Frankfurter SPD-Vorsitzenden Gernot Grumbach, als Ex-Juso-Chef ein natürlicher Gefolgsmann der «roten Heide» (Heide Wieczorek-Zeul) zu den Glanzlichtern des Buchs; Spaßfaktor: extrem hoch! Grumbach hatte übrigens, das nur zum besseren Verständnis des folgenden Zitats, sein Germanistikstudium mit einer Arbeit zum Spätwerk von Karl May abgeschlossen …

«Grumbach verkörperte mit seinem löwensenfbraunen Sakko über schwarzem Rollkragenpullovern aus untergegangenen Perlonarten und einem Gesichtsausdruck wie Löschpapier die Unsterblichkeit des sozialdemokratischen Nebenbeamtentums. Aufgesetzt langsam gehend, schob er sich bei Parteiveranstaltungen sacht durch die Reihen, auf den leisen, weichen Sohlen seiner riesigen schwarzen Mokassins, des einzigen Accessoires, das ihn noch mit Karl May zu verbinden schien. (…) Er war links, gewiss, aber er liebte den bürgerlichen Lebenszuschnitt, den Bildungsroman, das Feuilleton. Sie alle hatten den Geist der späten sechziger, frühen siebziger Jahre, damals noch saftig, perlend und frisch, in sich aufgenommen und bewahrt; Grumbachs Wohnung war wie ein Museum dieser Ideale. Der Geist der Bewegung war, in unzähligen heißen Frankfurter Sommern und gut geheizten Frankfurter Wintern, in den vielen Büchern zu Futtergebirgen für Staubmilben getrocknet …» usw. usf.

Sicher gibt es bedeutendere, für den Alltag und die Zukunft der Bürger in diesem Lande entscheidendere Fragen als jene, ob Roland Koch oder Andrea Ypsilanti die Geschicke Hessens von der Wiesbadener Staatskanzlei aus lenken. Umso wichtiger zu begreifen, wie Politik im Kleinen wie im Großen funktioniert. Man sollte Die Vier lesen, weil Volker Zastrow hier ein Lehrstück zur Aufführung bringt – ein Lehrstück über die Niedertracht denunziatorischen Denkens und die Wichtigkeit von politischer Moral und individueller Courage für eine lebendige Demokratie.

Volker Zastrow Rowohlt Berlin 416 S.
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