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Volker Hage: Max Frisch

© picture-alliance/dpa

«Provokateur, Architekt, Macho, Vorbild, Patriot, Spieler, Klassiker … ein Mann der hundert Eigenschaften»: Die Zeitschrift Literaturen widmet in ihrer 100. Ausgabe (Glückwunsch!) anlässlich von Max Frischs 100. Geburtstag am 15. Mai 2011 dem großen Schweizer ein 30-seitiges Spezial (Titel: «Alles Frisch»). SPIEGEL-Literaturkritiker Volker Hage porträtiert in einer neuen rororo-Bildmonographie den streitbaren Schriftsteller, der mit seinen Tagebüchern, Theaterstücken und Romanen zu einem Klassiker der modernen Literatur avancierte. Es ist Zeit, manches von Frisch neu zu lesen, anders zu lesen. Denn: «Mit Max Frisch ist man nie am Ende. Das ist der Zauber seines Werkes.» (Volker Weidermann)

Es wird in den kommenden Wochen viel zu lesen, zu sehen und zu hören sein über Max Frisch. Volker Hages Monographie ist der perfekte Leitfaden für eine schnelle und gründliche Orientierung. Nüchtern und sachlich im Ton, vermittelt Hage uns auch ein Bild von der Privatperson Max Frisch, ihren Leidenschaften, Kämpfen und Enttäuschungen. Seine Frauen (Trudi von Meyenburg, Ingeborg Bachmann, Marianne Oellers, Alice Locke-Carey, Karin Pilliod), seine Kinder, seine politischen Stellungnahmen (wie «Schweiz ohne Armee?»), seine Reisen, seine Ehrungen, all das findet sich in diesem schmalen Band in gebotener Kürze.

Max Frischs wichtigste Werke – zu denen streng genommen auch seine bedeutendste Hinterlassenschaft als Architekt zählen müsste, das Zürcher Freibad Letzigraben (prämierter Entwurf 1942, Eröffnung 1949) – im Schnelldurchgang (Zitate: Volker Hage):

Die Theaterstücke und Tagebücher

Biedermann und die Brandstifter. «Eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Bühnenwerke überhaupt (verkaufte TB-Ausgabe bis Ende 2010: 2,4 Mio., d.R.), am 29. März 1958 vom Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt. Bis heute wird die Parabel vom Bürger, der die Brandstifter aus Feigheit (und zugleich voller Faszination) in sein Haus aufnimmt, immer wieder aufs Programm gesetzt. (…) Bei Frisch mehrten sich schon bald die Zweifel, ob die Publikumsgunst nicht vielleicht auf einem Missverständnis beruhe: auf einer strikt antikommunistischen Lesart.»

Andorra. «Gezeigt wird die mörderische Konsequenz von rassistischer Gesinnung, Duckmäusertum und Dünkel am Beispiel der Andorraner, die den Jungen Andri für einen Juden … Er wollte kein Illusionstheater, er wünschte die Distanz des Publikums zum Bühnengeschehen, ganz im Sinne Brechts, der eine rational gesteuerte Einfühlung beim Zuschauer angestrebt hatte.» (

Tagebuch 1946-1949. «Es sind unersetzliche Augenzeugenprotokolle … Die Zerstörungen, denen er sich gegenübersah, nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Seelen, hielt Frisch in einer klaren, einfachen Sprache fest; der 35 Jahre alte Autor war nun auf der Höhe seiner stilistischen Kraft.»

Tagebuch 1966-1971. «Wieder hatte er eine bewegte Zeit gewählt: Der weltweite Protest vor allem der Studenten gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam prägten die Jahre nach 1966. Mit der Kulturrevolte ging auch eine neue Infragestellung der Kunst einher. Sie sollte sich legitimieren … Der Pariser Mai und der Prager Frühling (dem bald ein frostiger Herbst folgte) fielen in die Jahre bis 1971, auch die erste Mondlandung. (…) Porträts sind überhaupt die Glanzstücke des Tagebuchs 1966- 1971, vor allem jene von Kollegen: Günter Grass, Ilja Ehrenburg, noch einmal – aus der Erinnerung und umfassender als im ersten Tagebuch – Brecht.»

Die Romane

Stiller. «Der Inhalt des Romans lässt sich nicht referieren, ohne dessen Konstruktion zu erklären: eine der ausgeklügeltsten der neueren Literatur – und dabei doch ganz einfach. «Ich bin nicht Stiller!» So lautet der erste Satz des Romans. Er ist zugleich wahr und falsch. (…) Immer ist hervorgehoben worden, darin werde die Identitätsproblematik abgehandelt. Gewiss; doch genauso gut handelt es sich um die Geschichte eines Geheimnisses, um die Abwandlung des Doppelgängermotivs, um einen Künstlerroman (Stiller ist von Beruf Bildhauer) und vor allem: um eine hinreißende Liebes- und Ehegeschichte.».»

Homo Faber. «Der Ingenieur Walter Faber hat mit dem Bildhauer Stiller mehr Ähnlichkeit, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Auch er wird genötigt, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die er nicht wahrhaben will. Faber hält sich nämlich für einen rationalen, aufgeklärten Menschen, dem man nichts vormachen kann. (…) Was passiert? Ausgerechnet Faber, der kühle Kopf, wird in einen Strudel schicksalsträchtiger Ereignisse und Begegnungen hineingezogen. Er, der nur in der Gegenwart leben möchte, wird durch die mächtige Regie des Zufalls mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert.»

Mein Name sei Gantenbein. «Der Roman ist das vertrackteste und faszinierendste Buch, das Frisch geschrieben hat. Hier wird die Erzählproblematik auf die Spitze getrieben. Und es kommt dabei heraus: ein Werk, das diese Problematik bis in seine Struktur hinein aufnimmt und spannenden Lesestoff bietet. Wie kaum ein Buch dieser Jahre nimmt Mein Name sei Gantenbein die Erneuerungslust auf und bleibt zugleich nicht im Experiment stecken. Der Roman ist kein Modeprodukt. Er verwandelt Literaturtheorie in überzeugende Form.»

Alles Frisch!

Typische Max-Frisch-Sätze klingen so, und sie faszinieren heute noch genauso wie zur Zeit ihrer Niederschrift: «Ich probiere Geschichten an wie Kleider.» - «Man kann die Wahrheit nicht erzählen. Das ist’s. Die Wahrheit ist keine Geschichte, sie hat nicht Anfang und Ende, sie ist einfach da oder nicht, sie ist ein Riß durch die Welt unseres Wahns, eine Erfindung, aber keine Geschichte.» - «Jeder Mensch erfindet sich eine Geschichte, die er dann, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält, oder eine Reihe von Geschichten, die sich mit Ortsnamen und Daten durchaus belegen lassen, so daß an ihrer Wirklichkeit nicht zu zweifeln ist.»

Volker Hage rororo 160 S.
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