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Vladimir Nabokov: Das Modell für Laura

© Horst Tappe Foundation

Als Vladimir Nabokov am 2. Juli 1977 in einer Lausanner Klinik starb, hinterließ er ein unvollendetes Manuskript: The Original of Laura, Untertitel: Dying Is Fun («Sterben macht Spaß»). Die Niederschrift sei tatsächlich ein Wettlauf mit dem Tod gewesen, erklärte sein Sohn Dmitri, 75: «Mein Vater fühlte, dass er bald sterben wüde, aber er wollte unbedingt vor dem Tod an der Ziellinie sein.» Weil er dieses letzte Rennen verlor, verfügte Vladimir Nabokov die Vernichtung des Textes. Nicht anders, als Franz Kafka es von seinem Freund Max Brod wünschte, ohne dessen Eigensinn wir heute weder den Landvermesser noch Josef K. oder den Amerika-Reisenden Karl Roßmann kennen würden. Eine ziemlich kafkaeske Vorstellung …

Dmitri Nabokov – ein Abenteurer, aber kein «Feuerteufel»

138 eng beschriebene Karteikarten aus Bristol-Papier hatte Nabokov in seiner akkuraten Handschrift gefüllt, so wie er es stets getan hatte (nach Ansicht von Nabokov-Experten dürften die Kärtchen rund ein Drittel des geplanten Ganzen ausmachen). Er hatte die Angewohnheit, seine Werke erst dann auf Karteikarten zu fixieren, wenn er sie im Kopf vollständig entwickelt hatte – aber das in einer atemberaubend kühnen Technik: von mehreren Seiten gleichzeitig voranschreibend. Es war dieses Wissen um das Fragmentarische, Unfertige, Unvollendete, das den Puristen bewog, die Verbrennung des Manuskripts anzuordnen – als eine Art finales literarisches Testament. Aber weder Véra, Vladimirs Frau und Wegbegleiterin seines Werks seit der Heirat 1925 in Berlin, noch Sohn Dmitri sahen sich in der Lage, dem «Nero-Befehl» zu folgen und Laura einzuäschern.

«Ich möchte nicht als Feuerteufel in die Literaturgeschichte eingehen», sagte der seit einigen Jahren an der seltenen Nervenkrankheit Polyneuropathie leidende Dmitri Nabokov im Interview mit Vanity Fair. «Hätte mein Vater wirklich gewollt, dass dieser Roman nicht erscheint, hätte er ihn selber zerstört. Dass ich 31 Jahre lang hamlethaft gezögert habe, liegt an den widerlichen und idiotischen Spekulationen, die über einige Bücher meines Vaters kursieren.»

Und so schlummerte Laura, wohlbehütet wie Staatsgeheimnisse oder Kronjuwelen, in einem Schweizer Banksafe. Der Inhalt jener 138 Karteikarten zählte zu den bestgehüteten Geheimnissen der Literaturwelt; nur wenige wussten, woran der perfektionistische Literaturtitan in seinen letzten Lebensmonaten gearbeitet hatte. Angeheizt durch gelegentliche Äußerungen Dmitri Nabokovs (Laura, «das konzentrierteste Destillat der Kreativität meines Vaters») und raunende «Enthüllungen» von Nabokovianern in den einschlägigen Internetforen schossen die Spekulationen ins Kraut.

Autoreninfo

Geboren am 22.04.1899 in St. Petersburg. Er entstammte einer großbürgerlichen russischen Familie, die nach der Oktoberrevolution von 1917 emigrierte....
mehr über den Autor
Laura vor den «Lolitologen» schützen

Das Modell für Laura ist, was Wortartistik, Motivik und die Subtilität der intertextuellen Bezüge angeht, ein typischer Nabokov, wie Malte Herwig im August 2008 in der ZEIT schrieb. Und nicht nur das: «Die Veröffentlichung dieses um ein Haar vernichteten, lange geheimen Romanfragments im Herbst nächsten Jahres im Rowohlt Verlag lässt eine literarische Sensation erwarten.» John Updike hatte in einer Rezension seines großen Kollegen einmal angemerkt, jeder Satz müsse doppelt gelesen und bedacht werden: «Seine Sätze sind außerhalb des Kontextes schön und doppelt schön innerhalb.»

Nabokovs letzter Roman handelt von einem eigenartigen Paar: dem «übermäßig fetten» Neurologen Philip Wild und seiner notorisch untreuen Frau Flora, die Affären bündelweise pflegt. Als ein zurückgewiesener Liebhaber Floras, ein Maler, ihrem Mann ein Buch mit dem Titel Meine Laura zuschickt, beschäftigt der alte Wild sich ernsthaft mit bizarren Selbstmordplänen – ein Freitod auf Raten, eine Selbstauslöschung als reversibler Prozess. Vorzustellen ist das Ganze als eine Art buddhistisches Selbstexperiment: In trancehaften meditativen Sitzungen arbeitet Wild daran, sich von den langsam abfaulenden Zehen aufwärts langsam absterben zu lassen: durch den Triumph mentaler Selbstauslöschung zur Ekstase.

Wie sehr die körperlichen Schmerzen in der Endphase von Nabokovs langer Krankheit sich in den Passagen niedergeschlagen haben, wo in einer Art fiebrigem Delirium das Reich jenseits des physischen Todes beschritten wird, darüber kann man nur spekulieren.

Zu den spannendsten Seiten der Laura zählt die Meditation über die Möglichkeit, aus der Beschreibung sexueller Intimität Literatur zu machen. Dass Nabokov für die literarische «Kopulationserotik» selbst bedeutender Kollegen wie Henry Miller wenig übrig hatte, ist bekannt. Und natürlich wird sofort nach der Veröffentlichung von Laura die Jagd auf schlüpfrige Kindfrau- und Nymphchen-«Stellen» losgehen – das kann nach Lolita einfach nicht anders sein. Anders gesagt: Wie kann man Laura vor den «Lolitologen» schützen?

Die (Kartei)Karten sind verteilt, das Spiel kann beginnen

Reizvoll dürfte es sein, Das Modell für Laura als eine spielerische Variation von Nabokovs Roman Fahles Feuer zu lesen. Auch dort geht es um ein poetisches Fragment, vom dem Experten des Werks von John Shade behaupten, es bestehe aus disparaten Entwürfen, die nie und nimmer einen zusammenhängenden Text ergäben. Bis die Verbindung von Shades Gedicht und Kinbotes Kommentar ein neues Textverständnis, einen neuen Text zaubert.

Neben der Leseausgabe erscheint auch eine «Luxusedition», der neben dem Buch die 138 Karteikarten als Faksimiles beiliegen. Was läge näher, als sich seine eigene Laura zusammenzupuzzeln? Die Karten sind verteilt, das Spiel kann beginnen. Do it youself!