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Vincent Klink: Immer dem Bauch nach

© Vincent Klink

Sternekoch, Gourmetphilosoph, Basstrompeter, Verleger, Gärtner, Lebenskünstler – Vincent Klink ist eine Ausnahmegestalt unter Deutschlands Spitzenköchen. Dass er auch ein exzellenter Autor ist, hat der gewichtige Schwabe in seinem Buch Sitting Küchenbull gezeigt, wo er über die Speisen und Gerüchen seiner Kindheit, über Hobby-, Fernseh- und Sterneköche, einfache Zutaten und himmlische Genüssen schrieb: wortgewaltig, sinnlich, humorvoll und ganz schön gepfeffert – mit einem an Wilhelm Busch erinnernden «rustikalen Humor».
In einer Besprechung auf NDR Kultur hieß es: «Immer das große gesellschaftliche Ganze im Blick und trotzdem voller Hingabe für Metzelsuppe und Risotto. Mehr davon. Wir sind unersättlich.» Hier kommt «mehr davon» für die Unersättlichen: Immer dem Bauch nach – die kulinarischen Reisen des Vincent Klink.

Die Futterstellen des Südens

«Es gibt viele Gründe, sich zu ruinieren. Mich treiben Hunger, Durst und die Neugierde nach anderen Aromen in die Fremde.» Die bevorzugte Fremde, das ist für Klink eindeutig der Süden, speziell die Futterstellen des Südens. Er meidet konsequent die Länder, in denen der Tag mit einem opulenten Frühstück beginnt. «Wozu brauche ich ein Frühstück, wenn mir vom abendlichen Boeuf Bourgignon, von Meeresfrüchten und olivenölschwangerer Pasta und Vino noch der Ranzen spannt?»

Urlaubsspaß nur, wenn’s billig ist – dafür ist der Chef des Stuttgarter Restaurants Wielandshöhe nicht zu haben (und war es auch als junger Mensch nicht, als er mit wenig Geld in der Tasche durch Europa reiste): «Da könnte ich mich ja gleich in ein Aldi-Regal legen und endlich mal heilfasten.»

Und so begleiten wir Klink, wie er mit einem Indianerkanu 1988 die Lagune von Venedig erkundet. In Chioggia, dem größten Fischereihafen der Adria, gehen ihm die Augen über. Kleine Seezunge, Tintenfische aller Art, Dorsch, Sardinen, Rotbarben, Seespinnen, Gambas, alles, was das Herz begehrt. Hier erfasst den Gourmet die reine bukolische Stimmung, hier entringen sich seiner Brust «echte Lustschmatzer». De Krönung: Als er auf Poveglia sein Boot an Land zieht, entdeckt er in einem Gärtlein einen alten Mann inmitten unglaublich schöner Artischockenpflanzen. Diesen Abend hat Klink nie vergessen – und nicht das, was er damals dort aß: saftige Carciofi-Köstlichkeiten, in goldgelbes Olivenöl getunkt, ein Kanten Brot, ein einfacher Wein.

Autoreninfo

Vincent Klink, Jahrgang 1949, betreibt in Stuttgart das Restaurant «Wielandshöhe». Einem größeren Publikum wurde er bekannt durch die...
mehr über den Autor
Barrique im Remstal

Als Klink Anfang der 80-er Jahre als Gegengewicht zu seinen geliebten Pasteten einen kräftigen Weißwein suchte, «der sich nicht beim ersten Schluck von der Pastetenscheibe begraben ließ», hielt er Ausschau nach einem Winzer, mit dem er einen Barriquewein, also einen Wein aus dem Holzfass herstellen wollte (einen Weißwein wohlgemerkt!). Diesen Winzer fand er in Jürgen Ellwanger aus dem Remstal nahe Stuttgart. Ellwanger nahm das Ansinnen sportlich: «Ha, wir könnten mal ein Fässle ausprobiere, auch wenn’s schief geht, wird das bestimmt kein Flurschaden.»

Die ersten Ergebnisse waren ernüchternd. Was Vincent Klink in all seiner Leidenschasft nicht abhielt, seinen Gästen den Wein (bzw. die Idee hinter diesem Wein) schmackhaft zu machen: «Dieses wunderbare Holz, diese knorrige Eiche, dieser Duft nach Schreinerei … Der gesamte Duft eines großen Sägewerks war eine Wucht, als hätte man alle Palisaden des Wilden Westens verküfert. Größeren Geist gab es nie auf Flaschen.» Und dann kam der Jahrgang 1985, eine Sensation: «Endlich hatte ich einen gerbstoffreichen Weißwein für meine Krustenpastete von der Wildsau, vom Reh und vom Hasen.»

Seine kulinarischen Reisen führten den leidenschaftlichen Koch und Esser aber beileibe nicht nur nach Italien, Frankreich oder Spanien. In Bangkok futterte er sich für eine Reportage über die traditionellen Garküchen einmal quer durch die Köstlichkeiten des Landes; dabei gelang ihm ein denkwürdiges Kunststück: Pro Abend mindestens fünfzehn Gerichte gegessen – und dennoch abgenommen! Andere kulinarische Exkursionen führten ihn nach Island und Grönland (vergammelte Robbe!), in die USA und in den Jemen. Und überall war er offen für Neues. (Einen Text gibt es übrigens, und das ist eine echte Überraschung, in dem weder gegessen noch getrunken wird: der Bericht vom Besuch auf Thomas Bernhards Vierkanthof.)

«Ein geübter Fresser» oder The Brotherhood of Mampf

Essen verbindet, Liebe geht durch den Magen, heißt es. Vielleicht ist es das, was Vincent Klink für viele Menschen so anziehend macht. «Die Leute spüren, dass ich ein geübter Fresser bin. Nicht nur hier, in jedem der von mir bereisten Länder habe ich durch meine kulinarische Unerschrockenheit das Vertrauen meiner Gastgeber gewonnen und dadurch oft die Schranken der Konvention überwunden. Globalisierung hat viele Perspektiven, mir die liebste, friedfertigste und menschlichste ist das gemeinsame Essen bei Tisch oder wenigstens in ausrangierten Campingstühlen.»