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Valentin Platareanu/Alexandra Maria Lara: Und bitte!

© Edith Held

Es ist der 23. Juli 1983. Im Schritttempo rollt der weiße Lada auf den letzten Grenzposten zu, der sie noch von der Freiheit trennt. Dann der erlösende Moment: «Und bitte!» Mit diesen Worten werden das Paar aus Rumänien und seine vierjährige Tochter nach Westberlin durchgewunken. Und bitte! lautet auch der Titel des Buches, in dem Valentin Platareanu und seine Tochter, die Schauspielerin Alexandra Maria Lara, ihr Leben zwischen Ost und West, zwischen Rumänien und Deutschland Revue passieren lassen.
Valentin Platareanu befand sich als Schauspieler und Direktor des Bukarester Nationaltheaters auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er und seine Frau Doina sich zur Flucht in den Westen entschlossen. «Wir gehörten zu den Privilegierten in Rumänien, das unter Ceausescus Diktatur bitterarm war. Uns ging es gut, nur eines besaßen wir nicht – die Freiheit. Wir gaben alles auf, damit unsere Tochter in Freiheit aufwachsen konnte.»


Sie habe sich oft gefragt, schreibt Alexandra Maria Lara im Vorwort, ob sie jemals wirklich verstehen werde, was damals geschehen sei. «Was es wirklich bedeutet zu fliehen – seine Heimat, Familie und Freunde zurückzulassen; wie groß der Druck und das Gefühl von Unbehagen sein müssen, um einen solchen Schritt in Erwägung zu ziehen; wie viel Mut man braucht, um ihn dann auch in die Tat umzusetzen; mit welchen Ängsten und Situationen man konfrontiert ist; woher ein Mensch die Kraft nimmt, noch mal ganz von vorn zu beginnen –, davon kann nur jemand erzählen, der das alles selbst erlebt hat. Mein Vater ist ein Meister des Erzählens – auf Rumänisch mit einer Wortgewandtheit, die einem den Atem rauben kann, und auf Deutsch mit seinem unverwechselbaren Charme, dem sich niemand zu entziehen mag.»

Genossen, Spitzel, Securisten

Eigentlich sind es drei Leben, von denen Valentin Platareanu in seinem Buch berichtet. Das erste spielt in Rumänien, wo ein junger Mann zum Künstler wird, als Schauspieler Erfolge feiert und als Theaterdirektor selbst unter widrigen Umständen großes Theater auf Bukarester Bühnen bringt. Das zweite Leben setzt mit der Flucht nach Deutschland ein; auch wenn sich die Platareanus keinen Illusionen und Flausen hingegeben haben, erfahren sie im «freien Westen» doch rasch, dass Freiheit ihren Preis hat; der Versuch, in Deutschland Fuß zu fassen und ein neues Leben zu beginnen, kostet Kraft und Mut. Das dritte Leben ist ihr heutiges: Valentin, der sich mit der Gründung der Schauspielschule Charlottenburg seinen Lebenstraum erfüllte; und Alexandra, die mit Filmen wie «Der Tunnel», «Der Untergang», «Nackt», «Jugend ohne Jugend» oder «Vom Suchen und Finden» zu einer großartigen Schauspielerin reifte.

Man kann diese Familiengeschichte> auch als ein Stück Autobiographie der Alexandra Maria Lara lesen; vieles, was man aus dem Leben der hochdekorierten Schauspielerin nicht wusste (und nicht wissen konnte), erfährt man hier – nicht aus einer reißerischen Schlüssellochperspektive, sondern aus dem Blickwinkel eines liebenden Vaters. Und bitte! ist aber vor allem die Geschichte eines leidenschaftlichen Theatermanns, der in sich unter den oftmals grotesken Bedingungen einer kommunistischen Diktatur als Künstler zu verwirklichen suchte. Überall hatte die 1948 gegründete Securitate, ein Geheimdienst nach russischem Muster, ihre Augen und Ohren; auf perfide Weise verstanden es die Securatisten, Menschen einzuschüchtern und zu verfolgen. Es wurde denunziert, verhaftet, zur Zwangsarbeit verurteilt, in die Verbannung geschickt, gefoltert, hingerichtet.

«Mit fünfzehn entdeckte ich dann etwas, was die Angst vertreibt, mir Mut gibt und mir bis heute über alle Unglückszeiten hinweghilft: das Theater.» Er studiert an der Akademie für Theater- und Filmkunst in Bukarest, wo ihm, dem Sohn des renommierten Chefchirurgs am Bukarester Brancovan-Hospital, eine Dozentin gleich am ersten Tag verächtlich klarmacht, dass es für einen wie ihn im kommunistischen Rumänien wenig zu holen gäbe: «Ich weiß nicht, warum du hier bist, Valentin. Welche Rollen willst du schon spielen? Auf der Bühne brauchen wir Arbeiter, Matrosen und richtige Kerle. Keine Bürgersöhne!» Platareanu lääst sich aber nicht einschüchtern; sein erstes Geld verdient er als Radiosprecher, bald kommen die ersten Theaterengagements.

Wo die besten Freunde einander nicht trauen

Es sind die Jahre, in denen Valentin seine Eltern verliert, beide sterben im Abstand weniger Jahre an Krebs. An dem Tag, als sein Vater stirbt, am 10. Mai 1968, entscheidet Platareanu, die Abendvorstellung im Theater nicht ausfallen zu lassen. Das Erfolgsstück «Nic Nic» steht auf dem Programm, mehrere Hundert Menschen wollen es sehen. «Nic Nic haben wir seit der Premiere vor zehn Jahren insgesamt über achthundert Mal aufgeführt, und die Figuren sind mit uns älter geworden. Dieser Abend sei meine allerbeste Vorstellung gewesen, meinen später die Kollegen. Das erzähle ich heute manchmal meinen Studenten in der Schauspielschule. „Wenn etwas Schreckliches in eurem Leben passiert und ihr habt an diesem Tag Vorstellung, dann spielt für jemanden, den ihr liebt“, sage ich ihnen.»

Im April 1970 heiraten Valentin und Doina, acht Jahre später kommt ihr einziges Kind zur Welt, Alexandra. In dieser Zeit reift der Gedanke, Rumänien zu verlassen. Der Personenkult um Ceauºescu nimmt immer bizarrere Züge an, die Menschen hungern, Partei und Geheimdienst bestimmen den Pulsschlag des Landes. Immer mehr Menschen, die den Platareanus wichtig sind, kehren von Auslandsreisen nicht mehr zurück. Und den Theatermann Platareanu zermürbt das ständige Herumschlagen mit der Zensur: Repertoirestücke wurden abgesetzt oder ständig umgearbeitet werden (etwa weil ein Swimmingpool nicht wie im Text dem Parteisekretär gehören darf und folglich zu einem öffentlichen Bad für die arbeitende Bevölkerung werden muss´). Am Ende fehlte es an den einfachsten materiellen Voraussetzungen künstlerischer Arbeit: Holz für die Bühne, Requisiten, Schminke, Geld für die Schauspieler und Theaterarbeiter.

«Alexandra, ich verspreche dir, dass ich dich bis an mein Lebensende lieben und beschützen werde», hatte der überglückliche Vater der Kleinen ins Ohr geflüstert, als er sie das erste Mal in den Armen hielt. Vier Jahre später ist es soweit: Doina und Valentin Platareanu brechen alle Brücken hinter sich ab. Aus einer genehmigten Urlaubsreise wird die akribisch vorbereitete Flucht in den Westen: über Bulgarien und die Tschechoslowakei und die DDR via Westberlin.

«Ach, Valentin, die Kamera ist regelrecht verliebt in Alexandra»

Platareanu erzählt vom Glück, endlich freien Boden unter den Füßen zu haben. Und vom Schmerz, den es bedeutet, die Fremde gegen alls Vertraute, Wärmende eingetauscht zu haben. Aber die Platareanus beißen sich durch: Eine Westberliner Bekannte stellt ihnen Wohnraum zur Verfügung, Freunde helfen mit Geld und Möbeln aus. Als mittellose Neuankömmlinge nehmen so gut wie jeden Job an, der ihnen angeboten wird. als Reinigungskräfte in einem vietnamesischen Restaurant, am Fließband eines Industriebetriebs, als Gärtner bei einem Kunstsammler in Dahlem, als Pförtner. Ein paar Monate später wird ihr Asylantrag anerkannt, 1989 dann der Einbürgerungsantrag. Es ist das Jahr, als in Rumänien nach einem Volksaufstand der Albtraum Ceausescu zu Ende geht (auch wenn das Ende des live in alle Welt übertragene Ende des Tyrannenpaares die aus Rumänien Geflüchteten erschüttert: morgens Militärgericht, Todesurteil, nachmittags öffentliche Erschießung von Nicolae und Elena Ceausescu, «wie Hunde»).

Am qualvollsten ist für Doina und Valentin Platareanu die Scham, der in Rumänien zurückgebliebenen Familie und den Freunden die Fluchtpläne verschwiegen zu haben. «Bitte verzeiht uns, was wir euch angetan haben», schreiben Doina und Valentin in einem Brief. «Diese schwere Entscheidung haben wir einzig und allein wegen Alexandra getroffen, denn ihre Zukunft ist uns sehr wichtig. Wir wollten ihr ein freies Leben ermöglichen, egal welchen Verlust wir dafür in Kauf nehmen müssen.»

Schritt für Schritt kehrt Platareanu kehrt in die Welt des Theaters zurück, die er so liebt. Zuerst sind es so gut wie unbezahlte Aushilfsarbeiten, Kaffee kochen, Requisiten sortieren, Eintrittskarten abreißen. Später steht er als Statist auf der Bühne, bekommt kleinere Rollen – für eine Aufwandsentschädigung, Hauptsache Theater. Es sind bewegte, mühevolle Jahre, bis er endlich am Ziel ist: 1992 gründet er mit seinem Freund Henner Ott die Schauspielschule Charlottenburg, wo er später auch seine Tochter Alexandra unterrichten sollte: für Valentin (nach anfänglicher Skepsis) das Glück auf Erden, für Alexandra Maria Lara der Beginn einer Weltkarriere sein.

Valentin Platareanu Kindler 304 S.
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