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Es war vielleicht «das paradoxeste Paradox» im Leben des Václav Havel: «Ich verdächtige mich, dass mir irgendwo ganz tief innen dieses ganze paradoxe Leben eigentlich schrecklich viel Spaß macht.» Nicht nur für seine Landsleute wird er für immer eine moralische Instanz bleiben, «eine Lichtgestalt, in der Wort und Wahrheit, Geist und Macht, Politik und Moral zueinander finden» (FAZ). Am 18. Dezember 2011 starb Havel im Alter von 75 Jahren. Seine 2007 bei Rowohlt erschienenen Erinnerungen Fassen sie sich bitte kurz sind die Bilanz eines bewegten Lebens zwischen Bühne und Politik, Gefängniszelle und Staatsbankett.
Wie schon in Fernverhör (Rowohlt, 1986) hat Havel sich auch hier den Fragen des Journalisten Karel Hvižd'ala gestellt und diese lebhaft, aufrichtig und oft erfrischend undiplomatisch beantwortet. Dass wir aber über den Menschen Havel, der am 5. Oktober 1936 als Spross einer bekannten Prager Unternehmerfamilie geboren wurde, so viel Neues erfahren, liegt auch an der ungewöhnlichen Komposition des Buches: Es verknüpft Interview, Tagebuch und Arbeitsnotizen aus seiner Zeit in der Burg, der Präsidentenresidenz.
Seine Liebe zum Theater entdeckte er früh. Im Prager Theater am Geländer avancierte er vom Bühnenarbeiter zum Dramaturgen und Hausautor. Mit Stücken wie Das Gartenfest, Audienz, Largo Desolato oder der Vanek-Trilogie widersetzte er sich mit den Waffen des absurden Theaters der totalitären Anmaßung. In seiner Heimat schikaniert und geächtet, im Westen für seine Theaterarbeiten gefeiert und mit Literaturpreisen überhäuft, entschied er sich für den steinigen Weg: Widerstand leisten, «in der Wahrheit leben».
Von seinen ersten Einaktern und Dramen bis zur Exponierung im Prager Frühling als Vorsitzender des «Klubs unabhängiger Schriftsteller» war sein Weg an die Spitze des zivilen Widerstands gegen den herrschenden Neostalinismus in der ÈSSR vorgezeichnet. Mit seinem «Offenen Brief» an den Staatspräsidenten und KP-Generalsekretär Gustav Husák und der Mitbegründung der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung Charta 77 avancierte Havel für die Systemhardliner zum gefährlichsten Dissidenten. 1979 wurde er wegen «Subversion» und «staatsfeindlichen Aufruhrs» verhaftet und zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Dort entstanden die in aller Welt bekannt gewordenen Briefe an Olga, dort wurde seine Gesundheit irreversibel geschädigt. Zehn Jahre später die Wahl zum Vorsitzenden des neu gegründeten Bürgerforums: «Havel na hrad!», «Havel auf die Burg!», skandierten in jenen bewegten Wochen Hunderttausende auf den Straßen des Landes. Keine sechs Wochen später hatte er als erster nicht-kommunistischer Staatspräsident das oberste Staatsamt seines Landes inne.
Ausführlich spricht Havel in Fassen Sie sich bitte kurz über die Hochs und Tiefs seiner Karriere. Seine «politischen Freundschaften», die Haltung zur Vertreibung der Sudetendeutschen, den Zerfall der Tschechoslowakei in Tschechien und die Slowakei (für Havel wohl der deprimierendste Moment seiner politischen Karriere). Weitere zentrale Themen in den Gesprächen mit Karel Hvižd'ala: Havels Ja zur Nato-Politik in Jugoslawien und zu den beiden Irak-Kriegen, seine Polemik gegen «tschechische Kleinkariertheit», Mafiakapitalismus und Amoralität, der Dauerclinch mit Václav Klaus.
Auch die privaten Seiten des Dichters, Bürgerrechtlers und Präsidenten lernen wir hier kennen. Offen spricht er über den Krebstod Olga Splíchalovás, seiner ersten Frau, im Januar 1996 – und über die schamlose Boulevard-Kampagne, als er ein knappes Jahr nach Olgas Tod seine Heirat mit der siebzehn Jahre jüngeren Schauspielerin Dagmar (Dása) Veskrnová bekannt gab.
Um was sich ein Präsident nicht alles zu kümmern hat – zumindest einer, der sich selbst einen Pedanten und Ordnungsfanatiker nennt? Passender Blumenschmuck und die korrekte Ausrichtung des Tischbestecks: wichtig! Die Wahl des richtigen Flugzeugs für einen Staatsbesuch: erst recht! «Ich bitte Herrn D., rechtzeitig für das große Flugzeug zu sorgen, aber das gute, nicht das blöde …»
Anderes Beispiel – Mr. President is not amused, not at all: «1. Auf den Tischen stand kein Salz und Pfeffer. Das mag den Teufel scheren. 2. Es wurde ein anderes Essen serviert, als beim Verkosten abgesprochen wurde: die Knödel waren kalt, ausgetrocknet und aus Fertigpulver, es fehlte die Soße. (…) Dass das Scheiße war, haben mir auch die Herren Mertilik, Zeman, Klaus und andere bestätigt. Es war der bisher größte Skandal, den ich auf der Burg erlebt habe …»
Václav Havels Schwächen? Seine Eitelkeit, sagen nicht wenige seiner Kritiker. Die Pedanterie bei Nebensächlichem, Übermoralisieren, sein Hang zu dramatischen Gesten und leeren Ritualen, überhaupt seine Idee einer Ästhetisierung der Politik. Darüber konnte Havel am Ende seiner Dienstzeit nur milde lächeln: «So muss ich mir schließlich die Frage stellen, ob das alles – dass ein so ruhiger Mensch ein so abenteuerliches Leben durchmachen musste – nicht nur dadurch verursacht ist, dass das Leben überhaupt, auch das allergewöhnlichste und unauffälligste, ein unglaubliches Wunder ist. Ein Märchen, manchmal schön, manchmal spannend, manchmal schrecklich.»
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