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Wer sie nicht kennt, hat etwas verpasst. Volker Wieprecht und Robert Skuppin sind nicht mehr und nicht weniger als «Deutschlands beste Radiomoderatoren» (Jörg Thadeusz). Als Duo bei Radio Eins haben sie mit ihren Sendungen Der Tag und Die schöne Woche eine riesige Fangemeinde gewonnen. Vor dem Mikro agieren sie nach der bewährten Masche Guter Bulle/Böser Bulle: Der eine stets scharf und bissig, der andere nett und verständnisvoll. Darüber hinaus betreiben sie eine Multimediaagentur; ihre Kneipe Waschmaschinewsky in Berlin-Friedrichshain aber ist verschwunden, wie so vieles andere Erhaltenswerte auch.
Dass Wieprecht/Skuppin nicht nur als «Radiogiganten» (Freitag) einen pointiert witzigen Ton treffen, stellen sie mit ihrem Lexikon der verschwundenen Dinge unter Beweis. Dass uns die Welt entgleitet, weil nach und nach viele liebgewordene Objekte, Alltagsgegenstände und vertraute Phänomene plötzlich nicht mehr da sind, ist keine neue Erkenntnis. Aber was für eine schöne Idee, dieser verschwundenen (oder verschwindenden) Welt ein eigenes Buch zu widmen! Schließlich haben viele dieser Phänomene «klaftertiefe Narben im kollektiven Erfahrungsgewebe» hinterlassen. Damit wir anderen Melancholiker des Vergänglichen uns dort nicht verlieren, sind die Objekte lexikalisch geordnet, schließlich will man doch rasch herausfinden, ob zum Beispiel Eumel und Gilb ein Mahnmal des Gedenkens gesetzt wird (ja!). Oder der Postfiliale, dem Trockenshampoo, dem Trimm-dich-Pfad, dem Fernsehtestbild, dem Käseigel (ja, ja, ja, alles dabei!).
Das Lexikon der verschwundenen Dinge beginnt mit einem ganz großen Namen und einer an Zauberei grenzenden Aktion. Der Magier David Copperfield hat 1985 mir-nichts-dir-nichts die New Yorker Freiheitsstatue verschwinden lassen, immerhin «225 Tonnen Eisen, Kupfer und Gedöns». Natürlich hat Copperfield das gute Stück wieder zurückgehext. Andere liebgewordenen Dinge und Phänomene, Objekte und Verhaltensweisen sind aber auf Nimmerwiedersehen über den Jordan gegangen. «Verstehen Sie dieses Buch als eine behagliche Tauchfahrt zum Atlantis Ihrer und unserer jüngeren Schaffensperiode. Als eine Expedition ins mythische Walhall, die Rauf- und Saufkammer nordischer Kämpfer, die jene Schlacht verloren, in der wir alle eines Tages vernichtend geschlagen werden: das Leben.» Wow! Lust auf ein paar Kostproben? Bitte sehr:
Autos: Ente, Käfer, R4. «Der echte Käfer hatte 34 PS, den typischen Boxer-Motor-Sound und keine Tankanzeige. Es gab dennoch ein untrügliches Anzeichen dafür, daß der Sprit bald alle war: Im Käfer verbreitete sich ein impertinenter Benzingestank. Dann mußte man den Benzinhahn umlegen und hatte noch knapp fünf Liter zum Weiterfahren. (…) In heutigen Autos mit ihren klinisch sauberen Sitzen kommt man sich eher vor wie in einr Zahnarztpraxis. Es wimmelt nur so von High-Tech-Instrumenten, da, wo einst Zigarettenanzünder glühten, leuchten heute Navigationssysteme vor sich hin. Die sind auch notwendig, denn wer würde einem Porsche-Cayenne-Fahrer schon freiwillig den Weg erklären? (…) Der 2CV von Citroen wurde 1934 unter folgender Vorgabe der Ingenieure entwickelt: ‚Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fäßchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf hundert Kilometer verbraucht. (…) Der R4 mit der inzwischen legendären Revolverschaltung war derart konsequent schlicht und praktisch gestaltet – Kritiker sprachen von der ‚höchsten Evolutionsstufe des Regenschirms’ –, daß Renault ihn in der Werbung gar zum ersten wartungsfreien Auto erklärte …»
Bonanza. «Sonntagsabends um 18.10 Uhr kamen sie auf ihren Pferden direkt ins Wohnzimmer geritten: Adam, Hoss, Little Joe und Ben Cartwright, ihr Vater. (…) Fasziniert zeigte sich das Publikum von den engen Familienbanden auf der Ponderosa-Ranch. Während die Achtundsechziger den Generationenkonflikt in Straßenschlachten austrugen, ließen die Rancher aus dem Wilden Westen die deutschen Fernsehzuschauer an ihrem harmonischen Miteinander im Mehr-Generationen-Haus teilhaben. (…) Alle drei Söhne waren von verschiedenen Frauen, von denen jede auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Die Jungs hatten den Absprung von der Ponderosa-Ranch nie geschafft, wohnten immer noch bei ‚Pa’. Sie verlobten sich nie, heirateten nie; jede Frau, die einem von ihnen schöne Augen machte, starb aus ungeklärten Gründen oder verschwand auf mysteriöse Weise. (…) Es entstand der Verdacht, die Cartwrights hätten eine der ersten Schwulen-WGs gegründet.»
So schreiben Wieprecht & Skuppin. Das macht Freude – und weckt schönste Erinnerungen! Ach so, klasse Bilder gibt’s natürlich auch, zum Beispiel auf Seite 59: Gitti Fröhlich mit dem ersten Tussenschredder (6 Bilder pro Minute!). Oder auf Seite 61, visuell der einsame Höhepunkt des Lexikons: «Yul Brunner in seiner ergreifendsten Rolle als schöne Imkerin». Alles zusammen nennt man: ein Must-have!