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V. Wieprecht/R. Skuppin: Das Lexikon der Rituale

© fotolia

Viele halten Volker Wieprecht und Robert Skuppin für «Deutschlands beste Radiomoderatoren». Als Duo bei Radio Eins haben sie mit ihren Sendungen Der Tag und Die schöne Woche eine riesige Fangemeinde gewonnen. Vor dem Mikro agieren sie im pointenreichen Pingpong nach der bewährten Masche Guter Bulle/Böser Bulle: Der eine bissig und scharf, der andere nett und verständnisvoll. Darüber hinaus betreiben sie eine Multimediaagentur; ihre Kneipe Waschmaschinewsky in Berlin-Friedrichshain aber ist verschwunden, wie so vieles andere Erhaltenswerte auch.
Dass Wieprecht/Skuppin nicht nur als «Radiogiganten» (Freitag) einen pointiert witzigen Ton treffen, stellen sie nach ihrem Bestseller Das Lexikon der verschwundenen Dinge jetzt auch mit ihrem neuen Buch unter Beweis: Das Lexikon der Rituale .

Tatort, Taufe, Tagesschau …

Kaum zu glauben, wie viele Dinge wir tagtäglich rituell verrichten, ohne uns dessen bewusst zu sein. Rituale, Gewohnheiten, Gepflogenheiten regeln unser Leben. Sie «spenden Sicherheit und Zuversicht, sie regeln den sozialen Verkehr und zeigen an, wer Vorfahrt hat.» Eigentlich ist das Leben ein einziges Ritual. Das dürfte bei den Neandertalern kaum anders gewesen sein, nur konnten unsere Vorfahren mit den markanten Schädeln zwecks profaner Daseinsbewältigung weder die tägliche Tagesschau noch den sonntäglichen Tatort nutzen.

Volker Wieprecht und Robert Skuppin gehen in ihrem amüsanten und kenntnisreichen Lexikon Sinn und Unsinn, Reiz und Risiko von Ritualen auf den Grund: von A wie Absacker, Abschied, Arztbesuch und Aufguss bis Z wie Zähneputzen und Zigarette danach Quer durch alle Lebensbereiche, mal durchaus nützlich, mal rundum bizarr – ein Sammelsurium menschlicher Gewohn- und Torheiten.

Was wären wir ohne Rituale? Wahnsinnig vermutlich, meinen die Autoren. Und wer will schon freiwillig in den Wahn abdriften? «In diesem Sinne: Guten Tag! Sollte Ihnen das eine oder andere Ritual auf die Nerven gehen,, machen Sie es wie Strawinsky – lassen Sie es richtig krachen. Oder brennen Sie die Wohnung nieder; denn wie Antoine de Saint-Exupéry ganz richtig sagte: ‚Ein Ritual ist in der Zeit, was im Raum eine Wohnung ist.» Falls das jetzt nicht klar rüberkommt, hier eine ritualhafte Auffälligkeit bei Robert Skuppin, beobachtet von seinem Kompagnon Wieprecht: «Er schiebt den Reis zu den Bohnen, die Bohnen rüber zum Fleisch, das Fleisch ein Stückchen hin und her, schneidet was ab, legt das dann jeweils noch mal nach links und rechts. Und das macht ihm eine irre Freude.» Das nennt man: ein Ritual.

Greifen wir also beherzt in die Lostrommel mit den 59 Ritual-Kugeln …

Autoreninfo

Arztbesuch. Comeback. Zigarette danach.

Arztbesuch. Die Welt ist ganz schön krank. Ist das Wartezimmer eines Arztes voll, dann gilt der als erfolgreich. In China war das früher anders. Dort hatte ein Arzt mit vollem Wartezimmer versagt, schließlich war es seine Aufgabe, die Menschen gesund zu erhalten. Der deutsche Arzt dagegen verdient an der Krankheit seiner Patienten … (…) Der Arztbesuch ist ein Ritual, das uns an etwas erinnern soll. Patient: Herr Doktor, können Sie mir helfen? Arzt: Ich verschreibe Ihnen ein paar Moorbäder. Patient: Und die helfen? Arzt: Nein, aber Sie gewöhnen sich schon mal an das Liegen in der feuchten Erde» (…)

Comeback. Sylvester Stallones Humor wird dem Vernehmen nach nur von Cher übertroffen. Sie kennt ihre ästhetischen Mängel und arbeitet hart daran. Sechs Stunden dauert es, bis ihr Gesicht vor die Kameras darf. Und das war 1998, noch im vierten Jahrzehnt ihrer Karriere. Sie berichtete zeit ihres Lebens freizügig über ihre Schönheitsoperationen und Burnouts, ihre desaströsen Ehen und ihren sexuellen Appetit: Wenn ihr bei Konzerten einer gefiel, sagte sie zu ihren Zofen: ‚Zieht ihn aus, wascht ihn und bringt ihn in mein Zelt.’ Gefragt, wie all die Ups und Downs, die Wendungen und Verwicklungen ihrer Karriere überstanden habe, erzählt sie einen Witz. ‚Wer überlebt den Atomschlag? – Kakerlaken und Cher. (…)

Zigarette danach. In dieser Welt folgt alles den beiden Prinzipien von 1.) Ursache und Wirkung und 2.) erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das führt im Falle der «Zigarette danach» zu einem Paradox. Dem Namen nach scheint es sich um einen Akt in Folge des Akts zu handeln. In Wirklichkeit fungierte die postkoitale Kippe oft als die eigentliche Ursache des nackten Treibens: Irgendwas musste man ja tun, um endlich wieder rauchen zu können, da nahmen Süchtige einen sogenannten Orgasmus billigend in Kauf. (…)

Das ganze Leben ist ein Ritual ...

… und wir sind nur die Kandidaten, tralalala. Und jetzt als finaler Service die 59 Rituale des Buches (schwarz-auf-weiß und selbstverständlich nicht zum Anklicken!): Absacker, Abschied, Arztbesuch, Aufguss, Begräbnis, Begrüßung, Brautstraußwerfen, Comeback, Dinner, Candle-Light, Elefantenrunde, Essensrituale, Friedenspfeife, Friseurbesuch, Frühjahresputz, Geburtstag, Grillabend, Haberfeldtreiben, Halloween, Händewaschen, Initiationsrituale, Jagd, Kinderrituale, Körperpflege, Krönung, Leben wie Immanuel Kant, Lotto, Magie, Maibaum, Militärparade, Mitbringsel, Mittagsschläfchen, Neujahrsansprache, Olympischer Fackellauf, Ostereisuchen, Polterabend, Qualitätssicherung, Reifeprüfung, Richtfest, Schiffstaufe, Schultüte, Schützenfest, Silvester, Smalltalk, Sonntagsrituale, Stammtisch, Tag der offenen Tür, Tagesschau, Taufe,, Teezeremonie, Torjubel, Trinkgeld, Urlaub, Vorspiel, Weihnachtspost, Weinprobe, X für ein U vormachen, Yetisuche, Zähneputzen, Zigarette danach.