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Ursula Poznanski: Fünf

© thinkstockphotos.de; iStockphoto/Frank Leung

Eine Leiche am Fuße einer Feldwand. Ganz sicher kein Kletterunfall – «es sei denn, sie wäre mit gefesselten Händen geklettert». An den Fußsohlen der toten Nora Papenberg, die als Texterin einer Werbeagentur arbeitete, sind Schriftzeichen eintätowiert: N47°35.285.E013°17.278. GPS-Koordinaten, die das Ermittlerteam des Salzburger Landeskriminalamts zu einem grausigen Fund führen: eine in Plastik vakuumverpackte Hand. Garniert mit einem zynischen Gruß des Täters: «Herzlichen Glückwunsch – du bist fündig geworden. TFTH: Thanks for the hunt» – Danke für die Jagd. Eine makabre Inszenierung, ein psychopathisches Kunstwerk … Ursula Poznanskis Roman Fünf gehört zu den fesselndsten und originellsten Thrillern, die man in den letzten Jahren lesen konnte. Ein großer Wurf.<7b>

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«Morgennebel hüllte sie ein wie ein feuchtes Leichentuch …»

Fünf ist eine Geschichte, der bis zur letzten Seite eine ganz eigenwillige Atemlosigkeit innewohnt. Keine einfache Kost, denn die zu Beginn vermeintlich klar umrissene Konstellation von Gut und Böse löst sich nach und nach auf und macht einer wachsenden Verunsicherung Platz, die zugleich ein Höchstmaß an Spannung erzeugt. Natürlich beschreibt Fünf die Suche nach einem Mörder oder einer Mörderin, aber was so klassisch mit der Entdeckung einer Frauenleiche beginnt, entwickelt sich in ungewohnten Bahnen. Dies liegt vor allem auch an den außergewöhnlichen Mitteln, derer sich das Böse bedient. Man ahnt, dass nicht Gier, sondern eine maßlose Wut die treibende Kraft sein muss.

Geocaching – wer davon noch nie gehört oder gelesen hat, weiß nach dieser Lektüre mehr. Diese moderne Art der Schatzsuche ist die Methode, die gewählt wurde, um die Polizei – ja was eigentlich? In die Irre zu führen, auf den Weg zum nächsten Opfer zu verweisen, in Verzweiflung zu stürzen? Auf jeden Fall ist das Ermittlerduo Beatrice Kaspary und Florin Wenninger mehr als herausgefordert und erliegt zugleich ein wenig der Faszination dieses Spiels, bei dem im wahren Leben Menschen irgendwo eine Dose – gefüllt mit netten Kleinigkeiten und einem Notizbuch – verstecken, im Internet die Koordinaten bekanntmachen und darauf hoffen, dass sich andere mit ihrem GPS-Gerät auf die Suche machen. Wer einen solchen Cache findet, tauscht einen Gegenstand gegen einen anderen, loggt den Fund ein und versteckt die Dose an derselben Stelle.

Der Täter hat offenbar Spaß an dem makabren Spiel mit GPS-Koordinaten und Leichenteilen. Er treibt die Ermittler mit mörderische Energie vor sich her – wie eingekreiste Tiere, die panisch nach einem Fluchtweg suchen: durch Salzburg und das Salzburger Land, immer auf der Suche nach einer handfesten Spur. Und einem Zeugen, der nicht sofort nach ihrer Befragung zu Tode kommt. «Ich werde Ihnen verraten, wie es sein wird. Erst werden Sie lügen. Danach werden Sie die Wahrheit sagen. Und am Ende werden Sie sterben …»

Autoreninfo

Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren, studierte sich einmal quer durch das Angebot der dortigen Universitäten und landete schließlich als...
mehr über die Autorin
Hetzjagd zu N 47°26.195; E 013°12.523

Ein guter Kriminalroman oder Thriller – die Grenzen sind sicher fließend – lebt heute meist nicht nur vom Verbrechen. Es bedarf auch einer spannenden Figurenkonstellation auf Seiten derjenigen, die ermitteln, aufklären, jagen, verzweifeln und am Ende gewinnen. Beatrice Kaspary (die vielleicht – aber nur vielleicht –ein wenig in ihren Kollegen Wenninger verliebt ist) steckt in einer persönlichen Krise; ihr Ex-Mann, der Vater ihrer Kinder Mina und Jakob, ist verbittert, setzt sie nach der Trennung massiv unter Druck. Sein erklärtes Ziel: das Sorgerecht für die Kinder. Aber nicht nur das bedrückt Beatrice in diesen dramatischen Tagen. Irgendwann wird ihr nämlich klar, dass der Mörder auch etwas aus ihrem eigenen Leben wissen muss – ein traumatisches Erlebnis, das sie wohl bis an ihr Lebensende quälen wird.

Am Ende einer nervenzerfetzenden Ermittlung ist klar, dass sich die Opfer gekannt haben und dass irgendetwas sie verbunden hat. Es geschah an einem drückend heißen Sommertag in der Nähe des Mondsees – ein Tag, dessen Schrecken die Beteiligten nie mehr loslassen würde. Fünf Menschen werden für ein entsetzliches Unglück büßen, an dem sie mehr zufällig als schuldhaft beteiligt waren.

«Ihr wisst alles und findet nichts …»

Geheimnisse und Rätsel, die einen beim Lesen auf Trab halten, gibt es reichlich in Fünf. Die österreichische Autorin Ursula Poznanski hat Erfahrung damit, wie man Spannung erzeugt und hält. Bislang hat sie sich einen Namen als Kinder- und Jugendbuchautorin gemacht; ihr Thriller Erebos wurde in 23 Sprachen übersetzt: ein Bestseller. Wie sich Spiel in tödlichen Ernst wandeln oder Verbrechern als Methode für ihr Tun dienen kann, scheint der Autorin für ihre Sujets unendlich ausbaufähig zu sein. Sehr fantasievoll, sehr spannend und im Internetzeitalter auch sehr modern.

Fünf ist ein Buch, das einen zusätzlichen Reiz dadurch gewinnt, dass die ganz altmodische Form der Schatzsuche mit den technischen Möglichkeiten des Internet verschmilzt und zugleich in grauenvoller Weise pervertiert wird. Genau dies macht die schöne neue Welt häufig so beängstigend.

(Aus: Rowohlt Revue 93, Autorin: Kathrin Gerlof)