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Ulla Lachauer: Magdalenas Blau

Was für eine Frau! So eigenwillig, stark, humorvoll und lebensfroh. Und wie sie genießt: Maiglöckchenduft in der Nacht, das frühmorgendliche Lied der Amseln, die ersten Äpfel, den frischen Wein ... Würde jemand sie fragen, wer sie sei, hätte sie die Antwort parat: «Eine, die mit dem Hut herumgeht und sagt ‹Bitte einen Schlag Welt! Noch einen Schlag Welt, bitte!» Ulla Lachauer hat das Leben der blinden Gärtnerin Magdalena Weingartner, geborene Eglin, aufgezeichnet: eine Geschichte von Freiheit und Glück.

Mit allen Sinnen sehen

Geboren wird sie 1933 in Freiburg. Sie «hat was mit de Äugle», sagt man bald: Grauer Star. Nach zwei Operationen fällt das rechte Auge ganz aus, das linke behält einen kleinen Rest Sehkraft. Doch von Anfang an lässt sich das Mädchen mit dem schwarzen Strubelkopf und der braunen Haut nicht unterkriegen. Schneebälle wirft sie nach Gehör. Welche die größten Radieschen sind, kann man ertasten. Das Quietschen der Straßenbahn, der Duft aus Bäckereien und die knallgelben Flecken von Briefkästen werden zu Landmarken, anhand derer sie sich die Stadt erschließt.

All ihre Sinne sind hellwach auf Empfang geschaltet. Deshalb geraten ihre Erinnerungen auch so farbig und frisch. Beim Bombenangriff am 27. November 1944 wird Magdalena verschüttet und rettet sich. Selten wurden die Feuer, das Chaos und die erstickende Atmosphäre in den Schutzräumen eindringlicher beschrieben als hier.

Nie, nie nie gibt Magdalena auf. «Gegen Blindheit lebst du an, indem du den Alltag bewältigst», das ist ihre Devise. Nach dem Krieg macht sie auf dem Blindengymnasium in Marburg eine Ausbildung zur Telefonistin – und erfährt, dass die Nazis einige ihrer blinden Mitschülerinnen sterilisiert haben. In dieser Zeit lernt sie Konrad kennen, den angehenden Volksschullehrer. «Konrad, der Fels, und Magdalena, der Störsender» raufen sich zusammen, ein alemannisch wortkarges Sich-Zueinanderhintasten. Mit ihm zieht sie nach Tonberg, einem weltfernen Dorf auf 1000 Meter Höhe im tiefen Schwarzwald. «Acht Schwarzwaldhäuser, jedes mit einem Misthaufen und keine Straßenlaterne», das ist von nun an ihr Zuhause.

Magdalenas blaues Wunder

«‹Mach nichts kaputt, Magdalena!›, rief es aus dem Fenster. Ich musste immer damit rechnen, dass mich jemand von da oben beobachtete. Dabei bewegte ich mich im Garten ganz, ganz vorsichtig. Ich roch an den Blüten, fasste sie an. Besonders liebte ich dieses Zarte, Seidige von Mohn. An einem Frühsommertag hab ich angefangen, Grünzeug zu essen. Begonien-Blüten mochte ich unheimlich gern, weil die so schön sauer waren. Das war, was ich mir holen konnte, alles andere wurde mir zugeteilt. Oft hab ich mich mit Blumen geschmückt, dieses Gefühl auf der Haut, das war das Größte. In gewisser Weise bin ich wie eine Wilde aufgewachsen …»

Magdalena Weingartner erzählt gern, genau und anschaulich. Dass aber ihr Bericht nicht nur zum Porträt einer ungewöhnlichen Frau wurde, sondern darüberhinaus ein beeindruckendes Zeitdokument, ist auch das Verdienst der Schriftstellerin Ulla Lachauer. Der Zusammenarbeit der beiden Frauen verdanken wir das höchst lebendige Bild der Welt, wie sie jemand erfährt, der sie nicht so sehr sieht, sondern mit allen Sinnen geradezu in sich einsaugt.

(>Aus: Rowohlt Revue 92, Autor: Mark Tietze)