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Ulla Lachauer: Der Akazienkavalier

© Matrix Buchkonzepte; (Autorenfoto)

Gärten sind Seelenlandschaften und Schicksalsorte, Glücksquell und Trostspender. In wessen Leben gibt es eigentlich keinen Garten, an dem wichtige Erinnerungen hängen, bleibende und flüchtige, schöne und traurige? Für Ulla Lachauers Sippe ist es der uralte Birnbaum, um den sich alle versammeln, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt, wenn man im vertrauten Kreis einfach mal wieder in Erinnerungen schwelgen möchte …

Der Akazienkavalier beginnt mit einer schönen Geschichte über einen rohen Befreiungsakt. Sie spielt an dem Tag, als Ulla Lachauer die jahrelange Terrorisierung durch den wuchernden, monströsen, alles verschlingenden Ficus beniamini in ihrer Küche mit einem Fuchsschwanz ein für allemal beendete (und die in 30 cm lange Teile zerstückelte Ficus-Leiche nachts klammheimlich im Hinterhof entsorgte). Dabei war das Problem längst bekannt: Der laut Botaniklehrbuch zur Familie der Maulbeerbaumgewächse zählende Ficus war mit infernalischer Beharrlichkeit gewachsen, während die Küche nicht nur nicht mitwuchs, sondern für die Lachauers immer enger und niedriger wurde. «Wir waren in Begriff, närrisch zu werden …»

Von Paprika züchtenden Exilungarn und blinden Gärtnerinnen

Blumen, Pflanzen, Gärten – für Ulla Lachauer eher eine Liebe auf den zweiten Blick. Sie erzählt in ihrem neuen Buch berührende, beglückende Geschichten von Menschen, die in ihren Gärten ihr Glück fanden. Sie erzählt vom Familienbirnbaum der Feuerborns und von der Obsession der Blumenscheins, auch in der Schwäbischen Alb, ihrer neuen Heimat, Paprika und Weintrauben anzubauen – ein Stückchen Ungarn eben, das Land, aus dem sie 1946 auf Anordnung der Siegermächte vertrieben wurden.

Wir lernen Veronika Zimmermann kennen, die von Kindesbeinen an blind ist. Und doch gelernt hat, Farben, die sie nicht sehen kann, ebenso genau zu beschreiben wie den Geruch von Kälte. Durch ihre Freundin, die Exilrussin Ludmilla, hat sie gelernt, den zum Lehrerhaus in Happach gehörenden Garten selbst zu bestellen. «Bis dahin hatte sie zur kultivierten Natur eher das Verhältnis einer neugierigen Wilden …» Blumen, Bäume und Nutzpflanzen haben es gut bei ihr. Manchmal presst sie ihr Ohr einfach auf die Erde, lauscht dem Krabbeln und Knistern, dem Springen der Ginsterschoten. Es gibt nur wenige Tage, an denen ihr Garten sie vermissen muss: Wenn ihre Hände von der Gartenarbeit so rissig sind, dass Veronika die Brailleschrift nicht mehr lesen kann. Und Lesen ist für die temperamentvolle Frau, die sich so leicht in den «siebten Sartrehimmel» träumen kann, ein absolutes Muss.

Bernsteinwälder im Baltikum, Maienduft in Odessa

Ein wunderschönes Buch voller besonderer Menschen und ungewöhnlicher Schicksale. Wie der aus Kasachstan ausgewanderte Anästhesist, der sich in Deutschland als «Gartenmann» durchschlägt, also für fremde Leute (und für ein karges Salär) gärtnert. Wie der Dichter Wulf Kirsten, den man mit Fug und Recht einen Spezialisten für «bezeichnungsfeste» Naturlyrik nennen kann. Oder wie der Schauspieler Walter Sittler, vor dessen Arbeitszimmer sich ein winziger Wüstengarten befindet – eine sandige Miiniaturlandschaft, über der «eine Gans mit riesenhaften Füßen schwebt, auf ihrem Rücken ein grüner Wicht, Nils Holgersson».

Wir spazieren durch einen Bernsteinwald in der Kurischen Nehrung, lassen uns durch ostpreußische Wolkengärten treiben. Wir teilen Lachauers Verblüffung über das Wunder von «buon Enrico», wildem Spinat, auch über die strategische Bedeutung von Seidelbast (alias Beißbeeren, Pfefferbusch, Quälerhals etc.) für die professionelle Bettlerei.

Zu den schönsten Geschichten zählt die, dem ihr Buch den Titel verdankt. Der Akazienkavalier hält eine eigentlich unscheinbare Begegnung mit einem quirligen, lustigen Mann fest, den Ulla Lachauer bei einem Spaziergang durchs frühmorgendliche Odessa im Mai 1993 traf – eine Liebeserklärung an die Stadt am Schwarzen Meer mit ihrer extravaganten Völkermelange: «Im südlichen Licht zeigte sich eine bildschöne und heitere Stadt, eher zerzaust als sichtbar verwundet, wie ‹vom Schlaf verquollen und ermattet› …» Und der «charakteristische Maienduft», der die Odessiten wie die Besucher von nah und fern trunken macht? Kommt von den Akazien, da ist sich die Besucherin aus Westfalen ganz sicher …