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Uli T. Swidler: Toskana für Arme

© Martin Haake (Illustr.)

Welch charmante Liebeserklärung an ein kleines Dorf in den Marken und seine sehr besonderen Bewohner! Dass der Autor Italien wie seine Westentasche kennt, merkt man auf jeder Seite: Uli T. Swidler lebt seit 20 Jahren dort, wo sein Monte-Dolciano-Roman spielt. «Ein durch und durch reizendes Buch, das Lust macht auf unsere verrückten, lieben Nachbarn.» (BZ)

Am Tag, als Luise beerdigt wird, verliert Manfredo für lange Zeit sein Gesicht. Mindestens zehn Zentimeter zu kurz ist die Grube, die er, der Bestatter, ausgehoben hat. Der Sarg mit der Deutschen hängt schräg und bewegt sich nicht mehr. «Che ignorante!» stöhnt Gino, der Maurer gequält. Und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Die Augustsonne knallt auf den Friedhof von Monte Dolciano. Padre Don Stilvio meditiert, fassungslos über dieses Trauerspiel, still in sich hinein, und während Manfredo mit Schaufel und Spitzhacke nach unten springt und wie ein Maulwurf Erde auszuwerfen beginnt, erinnert sich Max, der Erzähler, wie das alles begann vor 15 Jahren, als er, einer der ersten Ausländer am Ort, ein rustico, ein kleines Häuschen kaufte und Luise und die anderen nach und nach kennenlernte.

Die Marken – Italienisch für Fortgeschrittene

Toskana für Arme nennen die Immobilienmakler die Marken, die sanften Hügel an der Ostküste Italiens im Schatten des Apennin. Und so sind denn auch, mi scusate, alle die hergezogen, deren Geld nicht für eine Villa bei Florenz oder Siena reichte. Da ist Luises Mann Horst, den alle nur spaccone - Großmaul - nennen, und der glaubt, schon mit den ersten Gläsern Wein die italienische Lebensart aufgesogen zu haben wie kein zweiter - stronzo, eh! Da sind Christian und Susanne, die den Handwerkern jede Menge Geld schulden, da gibt es die Hermanns aus dem Schwarzwald, die sich mit ihren vier Töchtern wie Erdmännchen im Bau vergraben, da ist Julian, der schwule Engländer mit dem Riesencharme, der sich von Abendessen zu Abendessen schnorrt. Und da ist Valerie - nein, Valerie ist nicht gekommen ... porca miseria!

Wie eine kleine Lawine waren sie Anfang der 90er Jahre über den Monte Dolciano hereingebrochen, die Ausländer. Aber dessen alteingesessene Bewohner versuchten tapfer, das Beste daraus zu machen. Sie nahmen die Neubürger herzlich auf und tüchtig aus, luden sie ein und verstanden sie nicht, bekämpften sie und freundeten sich an und standen nur gar zu oft fassungslos vor ihrer Arroganz, ihrer Penetranz und, alora, ihrem Bestehen auf präzisen Absprachen, eingehaltenen Terminen und korrekten Rechnungen.

Max freilich, Max hatte Glück gehabt. Denn er hatte als einen der ersten Gino kennengelernt, Gino, corretto, den Maurer mit dem Hang zur Philosophie, ganze 1,62 Meter vom Scheitel bis zur Sohle. Gino hatte ihm die Wasserleitung gebaut, hatte den bürokratischen Kram ganz unbürokratisch erledigt, ja er hatte ihm, Max, sogar sein großes Herz weit geöffnet - und am Ende ungeniert eine Rechnung präsentiert, die um runde hundert Prozent überteuert war.

Autoreninfo

wurde neben Bayer Leverkusen geboren, machte Rockmusik, studierte in Köln, schnupperte Theaterluft und arbeitete viele Jahre als Autor und Moderator...
mehr über den Autor
Max und wie er die Welt sieht

Doch das ist Schnee von gestern. Max hatte schnell gelernt. Er hatte kapiert, dass man sich nicht vorführen lassen darf, und trotzdem sein Gegenüber das Gesicht wahren lassen muss - nichts geht über bella figura. Max, der aus Liebeskummer aus Deutschland geflüchtet war, mag die Menschen um sich herum. Und er lässt ihnen die höchste Art der Wertschätzung überhaupt zuteil werden: Aufmerksamkeit und alle Zeit der Welt. Die alte Sestina, die sich für ihren letzten Tag als Schäferin schwer in Schale wirft, begleitet er noch einmal auf den Berg. Mit Granci, dem Griesgram mit dem abgelaufenen Nachtwächterausweis, legt er sich an, um die zugewachsene Bocchiabahn für das Dorf zu roden. Und wie alle Männer vergöttert er die schöne Wirtin Luciana, und fragt sich, wie alle Männer, warum sie, porco mondo, ausgerechnet den blassen Orlando erwählt hat.

Max beschönigt nichts, verklärt niemanden und kann und will sich doch dem Charme, der Großzügigkeit und der Lebensfreude der Marchigiani nicht entziehen. Er liebt das Land zu jeder Jahreszeit, arrangiert sich mit fiesen Stallfliegen, treulosen Hunden und selbst dem alten Franco, der auf seinem Land nach Trüffeln gräbt, ohne die Löcher zuzuschütten. Nur eines meidet er wie der Teufel das Weihwasser: Die selbstgekelterten Weine, die, porca puttana, nur eine, nämlich abführende Wirkung haben. Und das alles schreibt er schließlich auf – in einem warmherzigen, witzigen Buch, das ein Dauerlächeln auf das Gesicht des Lesers zaubert. Denn seine Freunde, Nachbarn, Nervensägen geraten ihm nie zu Karikaturen. Sie bleiben facettenreiche Menschen aus Fleisch und Blut – allein, was er über die Pyramidenhände, die Armschwünge und die inbrünstig aneinandergepressten Handflächen der «unmissverständlichen italienischen Gebärdensprache« zu sagen vermag, ersetzt Dutzende von zeitgemäßen «Italien-von-ganz-innen«-Reiseführer.

Schließlich kommt, é cosí, la vita, auch die Liebe nicht zu kurz, und selbst Manfredo, der Unglücksrabe mit dem zu klein gebuddelten Grab, macht am Ende eine figura più bella: Er nimmt den Kampf gegen die nervtötenden Tiefflieger auf. Und er gewinnt. Porca madosca!

(Aus: Rowohlt Revue 87, Autor: Thilo Vonderheide)