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Italien, wie es leibt und lebt! Sage keiner, Zugereiste im Allgemeinen und Tedesci im Besonderen würden dieses spezielle Land nie und nimmer verstehen. Uli T. Swidler pflegt ein ausdauerndes Liebesverhältnis zu Italien mit all seinen Liebreizen und Verrücktheiten.
Im Schatten von Bayer Leverkusen geboren, mit Rockmusik, Journalismus und Radio- und TV-Moderation Geld verdient, packte Swidler irgendwann seine Siebensachen und zog all’ Italia. Seit mehr als zwanzig Jahren lebt er nun auf dem Monte Dolciano (der in Wirklichkeit anders heißt), schreibt köstliche Italien-Romane (Toskana für Arme, Das Leben ist eine Nudel) – und hat nun in seinem ersten Kriminalroman mit Roberto Rossi, dem Poliziotto von Urbino, eine wunderbare, absolut filmreife Figur geschaffen.
Was man sich unter einem Poliziotto vorstellen muss? Anderswo hieße das Streifen- oder Verkehrspolizist. Ein Poliziotto hat den Verkehr zu regeln, wenn eine Ampel ausfällt oder mal wieder eine Hauptverkehrsstraße aufgerissen wird; er stellt Strafzettel aus, leitet Kinder und Omas sicher über die Straße. entsprechend tief ist einer wie Roberto in der Behördenhierarchie angesiedelt. Dabei hätte er es leicht zu Höherem bringen können. Er spricht ungerne darüber, weshalb er damals die Ausbildung zum Commissario der Polizia di Stato in Bologna nicht zu Ende brachte. (Deshalb nämlich: Weil seine Freundin Maria ihn während seiner Abwesenheit nach Strich und Faden mit Nevio Cottelli betrog, jenem cretino, der heute Robertos Chef ist, ein Schleimer, Feigling und Dummkopf vor dem Herrn …)
Was man noch von Roberto Rossi wissen muss: Er fährt einen altersschwachen Fiat Cinquecento, einen roten Topolino, Baujahr 67, mit unsynchronisiertem Getriebe und 18 PS, quasi Buddhismus auf Rädern. Er ist 38, unverheiratet, Junggeselle. Dafür ist er abergläubisch wie kaum ein zweiter. In seinem Auto muss stets eine Agathenkerze liegen – weil die heilige Agathe die Stadt Catania vor zweitausend Jahren vor Pest, Hungerssnot und dem Ausbruch des Ätna bewahrte. Gegen einen kleinen Obolus legt ihm Lana Ferrea die Karten («ansonsten beriet sie eine hochgestellte Persönlichkeit der 62. italienischen Nachkriegsregierung, für die sie sich Tag und Nacht bereithalten muss»). Und ständig zeichnet Roberto Pentagramme auf Papier: bester Gegenzauber!
Es gibt Tage, da sollte man einen Besen umgekehrt in die Tür stellen, mit Salz bestreuen und zu Hause bleiben. Wäre Roberto Rossi dieser guten alten Hexenmaxime gefolgt, wäre zumindest er es nicht gewesen, der die Tote in der Zisterne unterm Palazzo Ducale gefunden hätte. Welch furchtbarer Anblick! Ein bildschönes Mädchen, gehüllt in ein von Blumendraht umwundenes Bettlaken, eine Bibel unterm Kinn und Wachs in Mund, Nase und Ohren. Tod durch eines der stärksten Pflanzengifte, die reine Qual. Carmela Tozzi, Kind bitterarmer Eltern – eine Tragödie.
Weshalb nun gerade unser Poliziotto Roberto mit der Aufklärung des Verbrechens betraut wird, hat seine (spezifisch italienischen) Gründe. Die Carabinieri von Urbino haben gleich zwei Morde an der Backe («russische Touristen, was weiß ich, richtige Morde, capisce? Bum, bum, Kugeln, Blut, Knochensplitter, Spritzer von Gehirnmasse, capisce?») Und da auch sein Vorgesetzter und Erzfeind Nevio Cottelli mit so etwas Unappetitlichem wie einem Mord nicht belästigt werden will, ist Roberto plötzlich Chefermittler im Fall Tozzi.
Ganz allein aber steht der Poliziotto nicht. Die adeligen del Vecchio-Schwestern – die eine mehr, die andere weniger – helfen Roberto auf die Sprünge: Malpomena, Medizinstudentin im 19. Semester, mit allen Wassern gewaschen, unkonventionell, leicht depressiv, zynisch; Antonia: Chefin des Palazzo Ducale; Talia: die schönste Frau von Urbino, Nachtschwärmerin, kennt Gott und die (Männer-) Welt; Raffaela: betreibt ein hyperedles agroturismo auf dem Land.
Und dann ist da noch jener Deutsche, den Roberto gefressen hat: Thilo Gruber – der Typ, der die sieben leerstehenden Häuser in Robertos Heimatdorf Rombolina (und damit quasi das ganze Dorf) kaufen will. (Wie sich herausstellt, ist der Tedesco aber dann doch nicht so übel, und, welcher Zufall!, pensionierter Münchner Kriminalkommissar mit einem reichen Erfahrungsschatz …)
Jeder Seite dieses wunderbar atmosphärischen Kriminalromans merkt man an, mit welchem Vergnügen Uli T. Swidler die Poliziotto-Geschichte ausgeschmückt hat. Charmante Details aus dem italienischen Alltag, verzweigte Seitenpfade, boshafte Porträts: ein großes Vergnügen! Und doch ist das Ende, die Aufklärung des gewaltsamen Todes der schönen Carmela, einfach nur traurig und bitter …