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Welch charmante Liebeserklärung an ein kleines Dorf in den Marken und seine sehr besonderen Bewohner! Dass der Autor Italien wie seine Westentasche kennt, merkt man auf jeder Seite: Uli T. Swidler lebt seit 20 Jahren dort, wo sein Monte-Dolciano-Roman Toskana für Arme spielt. Nun ist die Fortsetzung erschienen: Das Leben ist eine Nudel. Wir als Leser amüsieren uns köstlich – und fiebern einmal mehr mit Max mit: Wird es ihm gelingen, sein kleines Paradies, seinen ganz eigenen Traum von Italien gegen dummdreiste Neureiche wie seinen deutschen Nachbarn Horst, genannt Spaccone, zu verteidigen?
Toskana für Arme nennen Immobilienmakler die Marken, die sanften Hügel an der Ostküste Italiens im Schatten des Apennin. Max möchte nirgendwo anders leben. Lawinenartig waren sie Anfang der 90er Jahre über den Monte Dolciano hereingebrochen, Engländer, Schweizer, Deutsche. Vor allem die Deutschen. Die alteingesessene Bewohner haben es hingenommen, was blieb ihnen auch anderes übrig.
Max weiß, dass er ohne Gino, den philosophierenden Maurer, der ihm in seinem rustico C’aTommaso (nicht nur hauspraktischen Angelegenheiten) hilfreich zur Seite stand (und steht), niemals ein so inniges Heimatgefühl für diesen abgelegenen Landstrich entwickelt hätte. Ganze 1,62 Meter misst Max’ Freund, der Vollblutitaliener, der sich Tag und Nacht seine Gedanken über Gott und die Welt, Männer und Frauen, Kind und Kegel zu machen scheint (wenn er nicht gerade bei der von ihm – wie von allen Männern der Gegend – heiß verehrten und begehrten Luciana in der Bar Furlo sitzt). Der Monte Dolciano war Max zur wahren Heimat geworden, auch dank Gino.
«Der Anblick dieses kleinen Tals war mir so vertraut geworden in den letzten Jahren. Hierher war ich gekommen, um Anna zu vergessen, als sie mich damals verlassen hatte, hier hatte ich neue Freunde gefunden und eine fast unberührte Natur kennengelernt. Hier schienen die Gesetze der Großstadt außer Kraft gesetzt zu sein, Hier spielte es keine Rolle, welches Auto man fuhr oder welche Klamotten man trug. Hier und in den kleinen Dörfern, sogar in Cagli, lächelten sich die Menschen an, wenn sie einander auf der Straße begegneten …. Ich hatte sie liebgewonnen, die Menschen vom Monte Dolciano, vor allem hatte ich gelernt, auch ihre Eigenarten zu mögen.»
Wären da nur nicht Typen wie Spaccone, die sich langsam, aber sicher auch hier breitzumachen beginnen …
Gino hat ein Problem, porca miseria, ein verdammt ernstes Problem (und, so viel ist klar, die Lösung dieses Problems wird keineswegs aus dem Arsenal philosophisch grundierter Lebenstipps stammen). Gino steht, kurz gesagt, vor dem Ruin. Dem finanziellen Aus. Und das mehr oder minder unverschuldet. Spaccone alias Horst («Faccia da merda!») weigert sich mit fadenscheinigen Gründen, seine Schulden zu begleichen. Die belaufen sich immerhin auf 94 Millionen Lire (nein, das ist jetzt mal kein Tippfehler: vierundneunzig Millionen! d.R.); nun will die Bank seinen Laster und seinen Bagger pfänden, weil er pleite ist. Für Gino wäre dies das Ende. Und genau darauf scheint Spaccone zu warten: dass Gino endlich das Zeitliche segnet, immerhin ist er ja schon siebzig Jahre.
Nachdem Gino in einer Woge glühenden Zorns dem widerlichen Deutschen beinahe den dicken Rotweinwanst mit der Machete aufgeschlitzt hätte, kommen nun andere Methoden zum Einsatz, und auch die haben es in sich. Die liebe Verwandtschaft soll es richten. Die Tafani-Brüder Fosco, Remo und Aurelio werden aus Neapel herbeigekarrt, um Ginos Ehre wiederherzustellen. Auch wenn sie ein paar Sprüche draufhaben – nein, von der Mafia sind sie nicht, auch bei `Ndrangheta und Cosa Nostra stehen sie nicht auf der Lohnliste. Zimperlich sind sie in ihren Methoden nicht. Hier heißt es: bella figura machen.
In diesem Zusammenhang (immer wieder geht es um Fragen der Mobilität mittels Auto, Ape, Moped, Vespa etc.) findet sich eine der vielen hinreißenden Beschreibung italienischer Eigenarten () in Swidlers Buch. Thema: Straßenverkehr, Unterrubrik: Hupen. «Auch anderswo auf der Welt wird die Autohupe benutzt, mal mehr, mal weniger häufig. Aber niemand kann es mit dem neapolitanischen Concerto Grosso aufnehmen, mit dieser atemberaubenden Vielstimmigkeit, in der jeder das letzte Wort haben will und die deswegen niemals verstummt. Manche gehen sogar zwischen Kotelett und zabaione extra für eine Minute hinaus und setzen sich in ihren Wagen, um ein wenig zu hupen, schließlich will niemand riskieren, für tot erklärt zu werden, nur weil man sein Horn eine ganze Weile nicht mehr gehört hat.»
Liebeskummer hatte ihn einst aus Deutschland vertrieben. Nun ist Anna zu ihm zurückgekehrt; ob sie bleiben wird, weiß sie nicht. Zu sehr liebt sie Flair und Kultur von Berlin, Rom, Florenz. Kann er Anna halten und vielleicht sogar dazu bewegen, sein Leben hier am Monte Dolciano zu teilen – oder soll er sie blutenden Herzens freigeben für die Kunst, die sie so sehr liebt? Wie also soll es weitergehen? Am Ende ist es eine von Ginos Weisheiten vom Typ: halb italienisch, halb buddhistisch, die Max zeigt, wie es mit Anna und ihm klappen könnte. Ginos salomonische Ratschlag lautet: Geh es al dente an!
«Al dente! Das ist die Antwort. Nicht weich, nicht hart. Dazwischen. Ihr Deutschen wollt immer alles so entschieden: Schwarz oder Weiß, Freiheit oder Sozialismus, die große Liebe oder die große Kunst, entweder – oder. Wir Italiener sind viel unbescheidener. Wir wollen beides, wir schwimmen zwischen den Polen. (…) Das Leben ist eine Nudel, Max. Ist es zu hart, ist es unverdaulich; ist es zu weich und wabbelig, macht es keinen Spaß.»
Was das für Max und Anna konkret heißt? Gute Frage. Uli T. Swidler hat eine charmante und wunderbar alltagstaugliche Antwort parat … Dass es auch für den alten Gino noch ein (finanzielles) Happy End gibt (Stichwort: 102 Millionen Lire bar auf die Hand) und das frisch renoviert kommunale Theater von Cagli eine triumphale Wiedereröffnung erlebt (mit einem Musical, an dem Max und viele andere Protagonisten dieser Geschichte beteiligt sind), rundet diesen heiteren Roman aufs schönste ab. Und, so viel Glück darf ruhig mal sein – selbst der schwule Engländer Julian findet in dem Schäfer Giuseppe endlich den Mann für die schönen Dinge des Lebens. Grandioso! Die Welt am Monte Dolciano, endlich ist sie wieder in Ordnung!