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U. Müller/G. Hartmann: Vorwärts und vergessen!

© picture-alliance/dpa, Hendrik Schmidt

«Es wird keine DDR mehr geben. Sie wird nichts sein als eine Fußnote der Weltgeschichte» – dieser bekannte Satz des Schriftstellers Stefan Heym vom 18. März 1990, als die Befürworter einer forcierten Wiedervereinigung die ersten freien Volkskammerwahlen dominierten, hat sich nach Ansicht von Uwe Müller, Reporter der Tageszeitung Die Welt, und der freien Autorin Grit Hartmann an der Wirklichkeit blamiert. Die DDR sei zwar von der politischen Landkarte verschwunden, ihre totalitären Ideale und Ideologien seien aber nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. «Die DDR will nicht verschwinden. Sie besteht sogar in ihren alten Grenzen weiter – als gigantische Wirtschaftssonderzone.»

Mit ihrem Buch legen Müller/Hartmann die «längst überfällige Bilanz des folgenschweren Versagens» in vier zentralen Bereichen vor:
1. Umgang mit dem DDR-Unrecht
2. Parteienentwicklung (SPD, «Blockflöten», PDS/Linke)
3. Eliten in den Medien («Das Schweigen der «Journalisten»), im Öffentlichen Dienst («Durchmarsch der Staatsdiener») und im Sport («Die vereinigte Doping-Republik»)
4. staatlich geförderte Aufarbeitung («Die Diktatur als Bagatelle – Die Aufarbeitung geht stiften»).

60 Jahre zur Herausbildung einer neuen Zivilgesellschaft?

Natürlich bestreiten sie nicht die Erfolge gezielter politischer Intervention auf dem Territorium der Ex-DDR. Ob Infrastruktur, Sanierung maroder Städte oder verwüsteter Landschaft, all das hat sich gründlich seit den Umbruchsjahren 1989/90 geändert. Und doch: «Auf sich allein gestellt wäre Ostdeutschland heute ebenso wenig lebensfähig, wie es die DDR in ihrer Endphase war.» Dramatische Akzente setzt die demographische Entwicklung: Nirgendwo sonst in Europa schrumpft und altert die Gesellschaft so bedrohlich wie in Ostdeutschland; seit der Wiedervereinigung hat sie ein Fünftel ihrer Bevölkerung verloren, so als sei ein Krieg oder eine verheerende Naturkatastrophe über das Land hereingebrochen. Ganze Stadtviertel wurden abgerissen, manche Regionen wirken wie entvölkert. Viele in Ostdeutschland Verbliebene mystifizieren erneut die alte DDR, die sie 1989 mit ihren Massenprotesten zu Fall gebracht haben.

Es sieht ganz danach aus, als behielte Sir Ralf Dahrendorf mit seiner Prognose recht, es werde 60 Jahre bis zur Herausbildung einer neuen Zivilgesellschaft dauern. eine «kommode Diktatur» (Günter Grass) sei das SED-System keineswegs gewesen. Vergleiche mit der NS-Diktatur verböten sich zwar, dennoch wirke das Unrechtssystem DDR nachhaltiger als das auf den Trümmern von halb Europa errichtete Tausendjährige Wahnreich Hitlers. «Nicht nur, weil sie länger andauerte und drei Generationen prägte. Sondern auch, weil sie eine Weltanschauungsdiktatur war, die ihren repressiven Kern mit den Parolen von Antifaschismus, Frieden oder Gerechtigkeit drapierte. Zudem vertrieb sie das Bürgertum und zerstörte zielgerichtet religiöse Milieus – nicht zuletzt darin liegt die geistige Heimatlosigkeit vieler Ostdeutscher begründet.»

Die juristische Ahndung der DDR-Staatsverbrechen sei nicht einmal ernsthaft versucht worden, siehe die Prozessfarce gegen Honecker, Mielke, Stoph, Kessler und andere Verantwortliche des SED-Stasi-Regimes. Der starrsinnige Greis Honecker nannte das Verfahren in grotesker Verkennung der Tatsachen einen «Nürnberger Prozess gegen Kommunisten». Während Honecker seine letzten Lebensjahre so angenehm wie friedlich im chilenischen Luxusexil zubringen durfte, wurde Stasi-Chef Mielke zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt, von denen er fünf absaß – allerdings für eine Tat, die 62 Jahre zurücklag («Mordsache Bülowplatz», Berlin, 9. August 1931). «Mielke hatte sich eines Doppelmordes schuldig gemacht, doch im Register seiner Verbrechen war das gewiss nicht der größte Posten. Ihm ist der falsche Prozess gemacht haben, seine Rolle in der Diktatur haben die Gerichte ignoriert.»

Die DDR lebt ...

Vorwärts und vergessen! ist ein investigatives Debattenbuch, eine materialreiche Bilanz von zwanzig Jahren deutscher Einheit. Es nennt Namen von Tätern und Opfern. Es macht die bürokratischen und ideologischen Strukturen eines Staates transparent, der mehr als 200.000 Menschen aus politischen Gründen ins Gefängnis steckte. Deren Haftstrafen summieren sich auf mindestens 250.000 Gefängnisjahre – dagegen sind 46 kurze Gefängnisstrafen für verantwortliche Haupttäter des Systems ein Schlag ins Gesicht der Opfer. Und es insistiert auf der moralischen Legitimation der Frage, wie die westdeutschen Eliten all dies mit ihrer Politik des Hinhaltens, Aussitzens und der diplomatischen Normalisierung befördern konnten.

Das Fazit der kritischen Studie: «Die Gewaltfreiheit der Revolution ist vielfach bewundert worden – allerdings hatte sie gesellschaftspolitisch ihren Preis. Sie begünstigte von Anfang an die stille Restauration. Der sanfte Übergang zur Demokratie führte über ‹Sicherheitspartnerschaften› an ‹Runde Tische›, wo mit den alten Machthabern der Aufbruch in die neue Zeit ausgehandelt wurde. (…) Neues Revolutionssymbol war die schwarz-rot-goldene Fahne. Das Volk desertierte mittele Beitritt zur Bundesrepublik in die Freiheit und ins Wirtschaftswunderland. Eine wirkliche Erneuerung der Gesellschaft blieb aus.»