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Toni Morrison: Gnade

© Matrix Buchkonzepte

Die sechzehnjährige Florens ist unterwegs, um den Schmied zu holen. Denn der Schmied kann nicht nur Tore bauen, an deren Spitze sich goldene Schlangen küssen, er kann auch heilen. Auf ihrer Reise musste Florens vor betrunkenen Männern auf der Postkutsche fliehen, jetzt ist tiefste Nacht, und der Boden ist matschig vom Schnee, und ihre Schuhe sind zu groß, weil sie Jakob Vaark gehörten, dem toten Jakob Vaark ...

Für ihn kommt jede Hilfe zu spät, aber vielleicht kann der Schmied Rebekka heilen, die Ehefrau, die Jakob in England gekauft hat. Auch Florens ist eine Ware, die Jakob Vaark von einem Schuldner in Maryland akzeptiert hat, obwohl er sie eigentlich verabscheut, die Sklaverei: «Fleisch war keine seiner Handelswaren.» Wir befinden uns in Nordamerika am Ende des 17. Jahrhunderts - und auch wieder nicht, denn eigentlich befinden wir uns in Toni Morrisons Reich, wo Raum und Zeit den Gesetzen von Morrisons Erzählkunst gehorchen und Richtig und Falsch nie eine Frage von Weiß und Schwarz ist.

Jakob Vaarks Frauen

Wir hören Florens erzählen, und dann wird ihre Stimme unterbrochen, und es tauchen die anderen Frauen von Jakob Vaarks Farm auf. Rebekka, die schon sechzehn ist, weshalb sie von ihrem Vater in England gar nicht schnell genug auf ein Schiff in die Neue Welt verfrachtet werden konnte, sobald der Farmer in Amerika gezahlt hatte. Das Negermädchen Sorrow, das von einer Holzfällerfamilie am Strand gefunden und bald Jakob übergeben wird, weil sie nichts kann und nichts will und deshalb zu nichts nutze sei. Und das Indianermädchen Lina, die als einzige ihres Dorfes eine Plage überlebt hat und nach einer Vergewaltigung von der presbyterianischen Familie, die sie aufnahm, zum Verkauf angeboten wird: «Robustes Frauenzimmer, getauft, in allen Haushaltsdingen beschlagen, zu haben im Tausch gegen Waren oder bare Münze.»

Lina ist die erste, die Jakob auf die gerade geerbte Farm holt, um seinen Besitz vor dem Eintreffen der Ehefrau auf Vordermann zu bringen, und gemeinsam erobern sie sich das Land – so gut man etwas, das der Natur gehört, erobern kann: Lina merkt schnell, was für ein lausiger Farmer Jakob ist, zu ungeduldig, um Saat aufgehen zu sehen, und zu stolz, um Nachbarn um Rat zu fragen. Wie anders wird da doch das Leben, als erst Rebekka und später Florens eintreffen! Geduld haben die Frauen, und sie lachen über ihre Irrtümer und lernen aus ihren Fehlern.

Während Jakob seine Farm immer verbissener als reines Aushängeschild seines Erfolgs betreibt, betrachten die Frauen die Landwirtschaft als ein Abenteuer. Die harte Arbeit und ihre Erfahrungen mit der Welt da draußen, so unterschiedlich die auch gewesen sein mögen, schweißen sie zusammen, auch die nutzlose Sorrow, der man wenigstens Näharbeiten anvertrauen kann, hat ihren Platz. Hier finden sich vier Frauen, jede auf ihre Art verraten und verkauft, jede auf ihre Art stark und unabhängig, und bauen sich so etwas wie ein Leben auf, bis das Unheil über ihre Enklave hereinbricht.

Autoreninfo

wurde am 18.2.1931 in Lorain, Ohio, USA, als zweites von vier Kindern eines schwarzen Arbeiterehepaares geboren. Nach dem Besuch örtlicher Schulen...
mehr über die Autorin
Zwischen Liebe und Gnade

Gnade ist wie ein poetisches Puzzle, dessen Teile sich der Leser Seite für Seite zusammen sammeln muss, nein darf, denn die Belohnung ist ein kleines Kunstwerk, eine spielerische Variation von Liebe, jenem großen Roman, für den Morrison 1988 den Pulitzerpreis bekam. Wieder geht es nicht nur um die Liebe in all ihren Formen, zwischen Mann und Frau, zwischen Freundinnen und zwischen Mutter und Tochter, sondern auch um ein anderes Herzensthema der Nobelpreisträgerin, der Sklaverei – in all ihren Formen. Denn zu der Zeit, in der «Gnade» spielt, ist Sklaverei noch nicht auf Menschen schwarzer Hautfarbe beschränkt. Junge Engländer müssen die Kosten ihrer Überfahrt als Leibeigene abarbeiten, bevor sie in der neuen Welt ihr Glück versuchen können, und auf den Schwarzen Brettern der Städte werden neben den «arbeitsamen Negerjungen» auch «gesunde deutsche Frauen« angeboten.

Und dann wäre Toni Morrison nicht Toni Morrison, vergäße sie die Herrschaftsverhältnisse zwischen Mann und Frau: So geht etwa Rebekka ganz selbstverständlich davon aus, dass Ehefrauen geschlagen werden, allerdings, so die Regeln, «nicht nach neun Uhr abends, nur aus gutem Grund und nicht aus Wut». Jeder gehört hier irgendwie irgendjemandem, die Kunst besteht darin, sich seine persönliche Freiheit und Integrität zu bewahren.

Es wird schlimmer, es wird schöner

Doch das alles kümmert Florens wenig in dieser Nacht, sie weiß nur, dass sie den Schmied bald wiedersehen wird, den Mann, der ihr, wie sie sagt, ein Leben «gegeben» hat. Florens ist dem starken, stolzen Schwarzen verfallen, seit sie ihn dabei beobachtet hat, wie er mit dem Blasebalg das Feuer anfachte: «Ein Schimmer von Wasser läuft dein Rückgrat hinunter, und ich erschrecke mich vor mir selbst, weil ich es ablecken will. Ich renne weg in den Kuhstall, damit aufhört, was da in mir passiert.» Aber natürlich hört es nicht auf, im Gegenteil, es wird schlimmer und es wird schöner, und als Florens den Schmied dann wiedersieht, wird alles anders.

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autorin: Iris Alanyali)