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Tom Robbins: B wie Bier

© Les LePere (Illustration)

Was macht eigentlich Tom Robbins, «der Altmeister des Untergrund-Romans» (FAZ), «der beste Schriftsteller der Welt» (Thomas Pynchion)? Das dürfte sich in den vergangenen Jahren so mancher gefragt haben, für den einst Romane wie PanAroma, Jitterbug Perfume oder Buntspecht Kultbücher waren, Kategorie: absolute Lieblingsbücher. Zumindest das wissen wir nun: Tom Robbins, Jahrgang 1936, Westcoast-Happeningkünstler und Autor wilder Romane und Reiseberichte, hat ein wunderbares Bier-Märchen für «erwachsene Kindsköpfe» geschrieben, «weise, verrückt, ein bisschen traurig» (Süddeutsche Zeitung). Hier ist es …

Erzählt wird die Geschichte der kleinen Gracie Perkel, die mit ihren Eltern in Seattle lebt, der Welthauptstadt des feinen Nieselregens. Und diese Gracie trinkt an ihrem sechsten Geburtstag nolens volens eine Dose Bier auf ex. Filmriss. Als sich die Welt vor Gracies Augen wieder etwas langsamer dreht, schaut sie ein winziges Wesen prüfend an. «Ich bin die Bierfee», verdammt noch mal», stellt sich die libellenartige Kleine vor. Von ihr lernt Gracie bei einem Ausflug alles, was normale Menschen über Bier wissen sollten. Vor allem erfährt sie, dass es eine geheimnisvolle, abenteuerliche Welt neben der normalen Welt der Erwachsenen gibt, getrennt nur durch eine hauchfeine Naht …

«Die Welt ist herrlich unvorhersehbar, Kleines»

In der Schule, ja sogar in der Kirche war Gracie schon übel aufgefallen, und beide Male hatte es mit Bier zu tun. (Eine merkwürdige Fixierung für eine noch nicht mal sechsjährige amerikanische Göre, könnte man meinen …) Ihr Onkel Moe Babbano, ein gutmütiger philosophierender Freak, ein Freigeist (und für alle auße Gracie ein «Spinner») hat sie an seinem Bier nippen lassen, eine wahrhaft bittere Erfahrung für den zarten Gaumen eines kleinen Mädchens. Aber Moe lässt auf das Gebräu aus Gerste, Hopfen, Hefe und Quellwasser nichts kommen: Das Elixier sei «phänomenal inspirierend, dass es die Seele ergreift und in jene ätherische Sphäre erhebt, wo sich, um mit Baudelaire zu sprechen, sämtliche menschlichen Flausen vereinen.» Alles kapiert soweit?

«Ist Bier so was wie Pepsi für komische alte Männer?» Ganz kapiert hat Gracie die Magie dieses weltweit beliebten Gesöffs (140 Milliarden Liter pro Jahr!) nicht. Das sollte sich aber an ihrem Geburtstag schlagartig ändern – der Tag, an dem sie sechs wurde. Eigentlich wollte Moe sie zu einer Bierbrauerei mitnehmen (ein wirklichfeines Geburtstagsgeschenk für Kinder!), aber ihrem Onkel ist etwas dazwischengekommen, nämlich eine schöne Podologin namens Dr. Madeline (!) Proust (!), in die er sich Knall auf Fall verliebt und sie in ihn, sodass beide blitzartig nach Costa Rica auswandern, um sich der Liebe hinzugeben etc. (Das wäre ungefähr die Kurzfassung.) Und genau über diesen Verrat ihres Lieblingsonkels ist Gracie so wütend, dass sie die erstbeste Dose, die sie im Kühlschrank findet, aufreißt, auf ex hinunterstürzt und …

… die Bekanntschaft eines kleinen geflügelten Wesens macht. Die Bierfee sieht aus wie eine Libelle, die auf den Hinterbeinen steht. Blitzende große Augen, wallendes rotes Haar, schlanke Figur. Und ehe sich Gracie versieht, ist sie – hui! – unterwegs auf einer Erkundungsreise durch die eigentümliche Welt der Bierproduktion. «Alles Bier beginnt als Getreide», in der Regel mit Gerste, erfährt sie, als sie mit der Bierfee langsam über einem Getreidefeld kreiselt. Es folgt ein Abstecher zu jenem merkwürdigen Gemüse, das nicht mal Veganer anrühren würden: Hopfen. Aus beidem entsteht die Stammwürze, die in den Gärtanks mit Hefe versetzt wird und so lange vor sich hingärt, bis ein köstliches Bier aus allen diesen Zutaten der Natur entstanden ist. So weit, so gut.

Hopfen und Malz, Gott erhalt’s

Aber die Bierfee ist keine PR-Frau der Bierindustrie, die platte Produktinformationen und Marketingphrasen herunterleiert. Ihr geht es um die spirituelle Seite des Ganzen. Bier, erklärt sie Gracie, sei eine spektakuläre Kreuzung der vier Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser, aber das wichtigste sei das fünfte Element: MAGIE. «Bier im richtigen Maß – es darf nicht zu wenig und definitiv nicht zu viel sein – befördert einen gelegentlich durch diesen Riss und führt einen so dicht ans Portal des Geheimnisses, dass man einen raschen, verzückten Blick hineinwerfen kann. (…) Wie sehen Ewigkeit, Lachen oder Freiheit aus? Es ist das Gesicht, das alle Menschen besaßen, bevor sie geboren wurden, der Witz, den sie endlich kapieren, wenn sie gestorben sind. Es ist die Bedeutung der Bedeutung, das Andere, das kein Gegenüber kennt.» (Ein Hoch auf die parallele Realität! Kein Wunder, dass Pynchon auf Robbins steht …)

Hallo Eltern und sonstige Erziehungsberechtigte, nicht dass ihr glaubt, hier würden Kinder und Jugendliche zum Alkoholgenuss verführt. Das Gegenteil ist der Fall: Zu viel Bier kann verheerende Folgen haben, kann das Schlechte im Menschen nach außen treiben. «Eines musst du mir noch versprechen. Du darfst erst wieder Bier trinken, wenn du mindestens achtzehn wird. Und du darfst nie im Leben Bier trinken und Auto fahren.»

Auf Ihr Wohl, Mr. Robbins!

Und doch wird hier eine kosmische Wahrheit ausgesprochen, nämlich «dass Bier Tag für Tag Millionen Menschen hilft, fröhlich und beduselt zu sein, und einmal in hundert Jahren zu einer Begegnung mit dem Geheimnis führt», zu jenem magischen Moment …

Übrigens hält das Leben für Gracie eine große Überraschung bereit. Sie zieht mit ihrer Mutter Klara nach Costa Rica, zu ihrem bierseligen Onkel Moe. Aber das ist jetzt schon fast eine andere Geschichte …