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Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China

Es soll Großvaters letzte Reise werden – China! Weil aber sein Lieblingsenkel Keith die Reisekasse verjubelt hat, bricht der alte Herr allein auf – im Auto. Er kommt bis in den Westerwald, dort stirbt er. Zu Hause unter dem Schreibtisch versteckt, erfindet Keith in fingierten Briefen an seine Geschwister sein eigenes China – und seinem Opa eine letzte verwegene Liebesgeschichte …
Tilman Rammstedts Roman ist wunderbar unterhaltsam, voll turbulenter Verwicklungen, «ein Lügenroman, wie man lange keinen mehr hat lesen können. Münchhausen wäre stolz auf Rammstedt gewesen» (Focus). «Ein herzzreißend komisches Buch über das Abschiednehmen und das Erwachsenwerden.» (taz)


Was zunächst wie ein harmloser, liebevoller Einfall aussah, entpuppte sich als eine Schnapsidee: Die vier Stapperpfennig-Geschwister schenken ihrem Großvater zum 80. Geburtstag eine Reise, auf der ihn Keith begleiten soll, also: muss. Weil er – wider Willen – immer schon Großvaters Auserwählter war, und weil er beim Pinnchenziehen dummerweise das kürzeste Streichholz erwischte. Und wohin will Großvater? Nein, nicht an die Nordsee oder in den Harz, an die Rhön oder an den Gardasee, in die Eifel oder nach Tirol. Nein, China muss es sein, der große Lebenstraum …

China ist überall. Und nirgends …

Im Spielcasino verzockt Keith mit Franziska die komplette Reisekasse: ihr todsicheres System, beim Roulette nur auf die 25 und die 5 zu setzen, funktionierte definitiv nicht. China adé! Franziska, «die, bevor sie meine Geliebte wurde, meine letzte Großmutter war», Franziska – die Einzige, die später Keith’ China-Possenspiel von Anfang an durchschauen wird. Weil sie wie weiß, dass die Beiden gottweißwo sein mögen, aber gewiss nicht in China.

Während der Alte sich allein auf seine letzte Reise macht, die kurz darauf im Westerwald (und für immer) endet, verschanzt sich sein Enkel zu Hause und grübelt, wie er seinen Geschwistern das Drama verkaufen soll. Geld futsch, Reise geplatzt, Opa tot … Und so beginnt Keith’ Exil unter dem heimischen Schreibtisch. «Auf Händen und Füßen kroch ich herum und bewegte mich nur noch in den von außen nicht sichtbaren Bereichen des Zimmers, die Knie mit Spülschwämmen gepolstert. Ich schlief unterm Schreibtisch, ich schmierte mir Brote dort, ich zeichnete einen Sternenhimmel auf die Unterseite der Tischplatte und wartete darauf, dass die zwei Wochen vorbei waren, dass ich glaubhaft aus China zurück sein konnte …»

Jahrelang, jahrzehntelang hatte Großvater die Familie auf sein baldiges Ableben vorbereitet. Er, der niemals Kranke, dessen Freundinnen immer jünger wurden. «Mein Großvater starb nämlich schon, solange ich denken kann, wahrscheinlich sogar länger, und erst kurz vor seinem Tod hat er damit aufgehört. (…) Es war bereits zur Gewohnheit geworden, auf die Todesankündigungen meines Großvaters nur noch mit einem Nicken zu antworten.» Insgeheim hoffte er wohl, irgendwann zu alt zum Sterben zu sein. Als das Alter dann doch in seiner ganzen Unbarmherzigkeit zuschlug, wurde die Begründung für China als Ziel dieser letzten Lebensreise reichlich bizarr (anstatt wie alle Rentner brav zum Beispiel nach Österreich zu fahren): «Ich habe keine Zeit mehr für Österreich.»

Geschenkt ist geschenkt

Als ihn die Krankenhaus-Pathologin vom Tod seines Großvaters unterrichtet, verspricht er, umgehend in den Westerwald aufzubrechen. Jetzt, wo das Ende da und die Trennung endgültig ist, gelingt es Keith nicht, seinen Großvater loszulassen. Und so beschließt er, dass der Westerwald ruhig noch warten kann und es an der Zeit für Nachrichten aus China ist: Verbotene Stadt, Palast der Himmlisch-männlichen Klarheit. Garten der Leuchtenden Vollkommenheit, Tempel der Acht Unsterblichen, Garten der Zehntausend Frühlinge, Tigerkrallen und Feuertopf, Große Mauer und Terrakotta-Armee … Ein letztes große Abenteuer, ein Abschied in kleinen Schritten von dem lästigen, listigen Exzentriker.

Am Ende spendiert Keith in seinen Briefen dem Großvater noch eine ebenso schräge wie schöne Liebesgeschichte mit der ungeheuer üppigen Artistin Lian, dem «Massiv von Macau». Lian, eine Frau von ausufernder Körperlichkeit, eine Weltsensation … Wie wäre es, fragt sich Keith, wenn man den Großvater in den Weiten dieses Riesenlandes einfach verschwinden ließe? Zum Beispiel mit einer anmutigen Chinesin, die mit ihm die östlichen Berge erkunden möchte, wo es so still sei, dass man das eigene Haar wachsen höre …?

Geadelt in Klagenfurt

Als Tilman Rammstedt 2008 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Teile des Textes vortrug, gewann er den Haupt- und Publikumspreis. Auch die Reaktionen im Feuilleton waren überschwänglich. «Ein Buch, aus dem wir nicht aussteigen können, nicht bei diesem Tempo», schrieb die FAZ, «ein Buch, das uns mitreißt, wegreißt, weit fort, und das uns erschüttert, weil wir plötzlich, Tränen lachend, hinter der irrwitzigen, kalligrapahisch verzierten Fassade eine tiefe Wahrheit erblicken.»

«Einfach ungeheuer unterhaltsam. Seltene Kunst.» (Kulturspiegel)