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Das Spiel mit komplexen Erzählperspektiven und vieldimensionalen Handlungssträngen ist Thorsten Beckers Spezialdisziplin. Das zeigt sich auch in seinem virtuosenen Luther-Roman Das ewige Haus: drei historische Zeiten, vier Erzählinstanzen und ein ganzes Labyrinth von Neben- und Seitengeschichten. Um es vorwegzunehmen: Becker ist ein großer Wurf gelungen – ein starker Beitrag zur Luther-Dekade, die 2017 in der 500-Jahr-Feier von Martin Luthers Wittenberger Thesenanschlag ihren Höhe- und Endpunkt haben wird. «Eine packende Lektüre!» (Südwestrundfunk)
Die Erzählkonstruktion ist raffiniert angelegt. Sie basiert auf dem «Trick, so zu tun, als sei das, was der Leser leist, nicht von dem, der es verfasst hat, als stehe der Autor also im Dienste eines hehren Auftrags, indem er ein fremdes Werk der Öffentlichkeit zuführt» (Berliner Zeitung). Thorsten Becker wählt diesen intertextuellen Dreh, weil er ihm einen weiten historischen Erzähl- und Interpretationsrahmen eröffnet. Sein Erzähler ist der ehemalige Schauspieler und desertierte Wehrmachts-Pilot Baron Wolfgang von Wolzogen, den es ins tiefste Kasachstan, nach Alma Ata, verschlagen hat, wo er einen unvollendeten Luther-Roman edieren und herausgegeben soll, Das ewige Haus. Dessen Autor, Gisbert Gutsche, hatte, so erfahren wir, 1943 in Berlin mit seiner Frau Eva und den beiden Töchtern Selbstmrod begangen, um die Deportation ins Vernichtungslager zu verhindern.
Wolzogens Auftrag ist klar: den deutschen Reformator Martin Luther genau so zu «positionieren», wie es der Sowjetpropaganda ins Konzept passt, als Märtyrer wider den deutschen Ungeist. Ständig wechselt Becker die Zeitebenen; indem er historische Personen und Situationen ständig parallelisiert, entstehen aufregende Konstellationen, etwa wenn er die Bauernkriege des Aufrührers Thomas Müntzer mit dem Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland kurzschließt. Oder wenn er die Liebesgeschichten zwischen Luther und der entlaufenen Nonne Katharina von Bora, seiner späteren Frau, und die der Gutsches ineinander spiegelt. Das mag historisch nicht immer plausibel und auch politisch nicht immer korrekt sein und ist doch ein glänzender Coup: Becker schlägt Funken aus dem von der Historie beschwerten Material, dass es eine Freude ist.
Für zwei Hauptfiguren des monumentalen Romans gibt es historische Vorbilder – Gutsche und Wolzogen. Der Schriftsteller Jochen Klepper wählte 1942 mit seiner Frau Johanna und deren Tochter Renate den Freitod. Klepper, Sohn eines protestantischen Pfarrer und Schöpfer zahlreicher noch heute gesungener Kirchenlieder, hat tatsächlich ein Romanfragment hinterlassent, eben Das ewige Haus, das von der Flucht Katharina von Boras und ihrer Ankunft im Leben des Reformators handelte. Die Figur Wolzogens erinnert an den Fliegerleutnant Heinrich Graf von Einsiedel, der von sowjetischem Boden aus mit dem Bund Deutscher Offiziere den Kampf gegen Nazideutschland vorantreiben wollte.
Theologie und Kriegführung, Marxismus, Geschichtsschreibung u.v.m.: Dutzende kluger Diskurse, Anspielungen, Kommentare und exegetischer Spitzfindigkeiten durchziehen das gut 500 Seiten starke Werk, Beckers bislang ehrgeizigsten historischen Roman. «Thorsten Becker ist ein Meister in der Reanimation historischer Personen. Mit stilistischer Eleganz und listiger Rhetorik befreit er sie von der Patina widersprüchlicher Auslegungen, ohne sie in ihrem folgenreichen handeln zu entlasten. » (Deutschlandradio Kultur)