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Sollten Sie zu denen gehören, die automatisch ins kulturelle Hohlkreuz gehen, wenn der Name Thomas Pynchon fällt, dann können Sie sich jetzt entspannen. Hier kommt der spannendste und lustigste Pynchon aller Zeiten – und ist doch ein echter Pynchon: Natürliche Mängel.
Larry – Doc – Sportello hat Probleme. Der Smog von Los Angeles im Frühjahr 1970 vernebelt ihm das Hirn, und die vielen Joints sorgen dafür, dass er dem Rhythmus seines Hirns manchmal nicht hinterherkommt. Dabei läuft es ge-rade nicht gut. Der weiße Privatdetektiv mit dem Afrolook wacht neben der Lei-che von Glen Charlock auf, und noch schlimmer, daneben hockt bereits Detective Lieutenant Bjornsen, genannt Bigbfoot, weil er Türen lieber eintritt als die Klinke zu benutzen und der bei Hippies rot sieht und bei so Typen wie Doc: Knallrot.
Gehören Sie zu denen, die gerne Mühe hatten, Phil Marlowe auf seinen Wegen in Raymonds Chandlers Krimis zu folgen? Dann sind Sie hier richtig: In «Natürliche Mängel» ist alles Labyrinth. Das Brisante an dem toten Charlock ist, dass Doc gewissermaßen doppeltes Interesse an ihm hatte. Einerseits sollte er ihn auftreiben, weil er Schulden bei einem Klient von Doc hatte, andererseits gehörte er zur Entourage eines gewissen Mickey Wolfmann, Immobilenhai und Bauspe-kulant jüdischer Abstammung, der sein Leben von der Arischen Bruderschaft beschützen lässt, so eine Art reinrassenwahnsinnige Hells Angels. Und Wolfmann soll umgelegt werden von seiner Frau und deren Geliebtem – sagt zumindest Shasta, Wolfmanns derzeitige Geliebte, bei der auch Doc immer noch ein paar erotische Aktien hat. Nur, Shasta hängt an der Nadel, und Wolfmann verschwin-det wirklich.
Und vor der Küste Kaliforniens dreht der fliegende Holländer seine Runden, ein Gespensterschiff mit dem schönen Namen «Golden Fang» – was in etwa Goldener Reißzahn bedeutet. Und das Schiff hat seinem Namen im Laufe seiner Geschichte alle Ehre gemacht, mal als Heroin-Dschunke des CIA, als Bombenleger in schwerer politischer See oder als Drogendampfer der Unterwelt von Los Angeles – oder ist es die Oberwelt?
Willkommen bei Thomas Pynchon: Mit seinem siebten Roman nähert sich das Gesellschaftskolossalgemälde der Vollendung: Die Politik, die Geheim-dienste, das große Geld, die Drogen, der Krieg. Verschwörungstheorie! Hört man die Freunde geordneter Verhältnisse rufen. Vermutlich würde Pynchon antworten: es gibt Verschwörungen, also gibt es Verschwörungstheorien. Und wenn die Rea-lität keine Verschwörung ist, warum sollte man dann von ihr erzählen? Doch Pynchon antwortet nie. Man weiß, dass er 73 Jahre alt ist. Es gibt ein paar Fotos von ihm, die sind über vierzig Jahre alt. Er soll in New York leben. Aber das weiß keiner so genau. Der unauffindbare Autor ist längst Teil seines Werks, das von der Unauffindbarkeit der Welt handelt.
Und was der Leser im realen Leben vielleicht schon aufgegeben hat, das holt ihn bei der fiebrigen Lektüre von Pynchons Roman ein: Sinnsuche. Nein, nicht die große mit Weihrauch und Unendlichkeit, sondern die kleine: Was ist wer und wer ist was? Ist der totgesagte Surfrock-Musiker wirklich tot? Die Welt ist eine tückische Interpretationsaufgabe. Hat man das eine Rätsel gelöst, tritt einem Lieutenant Bigfoot Bjornsen die Tür ein. Was bedeutet das?
Am Anfang besteht die Romanrealität aus gefühlten 4000 Puzzlestü-cken pro Quadratzentimeter, das Tempo ist hoch, verdammt hoch, aber allmählich bewegen wir uns auf Augenhöhe mit Doc. Der Mann ist high und wir sind es nach spätestes hundert Seiten. Alles leuchtet! Alles fließt!
Doc Sportello ist ein sonderbarer Typ, aber irgendwann begreifen wir, dass dieser zersauste Hippie aus der Familie der großen Detektive stammt. Sher-lock Holmes las im Wirrwarr der Dinge wie in einem Fahrplan – nachdem er sich mit Opium und Violine in Trance gebracht hatte. Doc hat einen ganzen Koffer voller Rauchwaren, die ihm erlauben, sich in einer halluzinierenden Realität an-gemessen zu bewegen. Deshalb ist dieser Pynchon auch ein echter Pynchon: Lite-ratur als Exerzitie ekstatischer Erkenntnis.
(Aus: Rowohlt Revue 90, Autor: Walter van Rossum)