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Seit 1963 ist er von der Bildfläche verschwunden: Thomas Pynchon, der «berühmteste Abwesende der modernen Literatur» (FAZ). Er ist der Mann, den (fast) niemand kennt. Der sich vor einem halben Jahrhundert aus der Öffentlichkeit verabschiedete. Der älteste junge Mann der Gegenwartsliteratur – sein letztes veröffentlichtes Konterfei stammt von 1957. Immerhin seine Stimme kennt man von mehreren Auftritten bei den «Simpsons». Pynchon hat von jeher polarisiert – jeder seiner Romane hat feurige Bewunderer wie kalte Verächter im Schlepptau. Zu welchem Lager die beiden folgenden Rezensenten zählen, versteht sich von selbst: «Gegen den Tag ist ein Wunderwerk moderner Prosa.» (Fritz J. Raddatz) «Pynchon lesen ist wie ein Sabbatical von all dem Müll, der uns umgibt. … Ein maßloses Meisterwerk!»
Das gesicherte Wissen über den großen Unsichtbaren ist rasch referiert: 1937 in Glen Cove, auf Long Island als Sohn eines Landvermessers geboren. Studium der Physik und später der englischen Literatur an der Cornell-Universität (u.a. bei Vladimir Nabokov). Technischer Redakteur bei den Flugzeugwerken Boeing in Seattle. Werke: V. (1963), Die Versteigerung von No. 49 (1966), Die Enden der Parabel (1973), Spätzünder (1984), Vineland (1990), Mason & Dixon (1997), Gegen den Tag (2006), Inherent Vice (2009).
Gegen den Tag, Pynchons Nr. 6, ist eine aberwitzige Geschichte auf 1596 Seiten, dünn und leicht gelbstichig wie Bibelpapier. Die Schrift auf dem Umschlag: gedoppelt. Das rote Siegel: kryptisch (vermutlich nur von professionellen Pynchonites zu entschlüsseln). Aber der Mann hat anderes im Sinn als simple Spielchen mit Spiegelungen, Doppelungen und parallelen Identitäten. Sein Konzept heißt Bilokation: Pynchons Romanfiguren können in zeitlich und räumlich getrennten Welten völlig unabhängige Leben führen. Derartige Zauberei ist exquisites Futter für die klandestin operierende Armee der Pynchon-Archäologen in aller Welt.
Der historische Hintergrund des Mega-Romans reicht von der Chicagoer Weltausstellung 1893 bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Wir sind hier überall und nirgends unterwegs, in Chiapas und Irkutsk, Göttingen und New York, Hollywood und Paris. Über Zeiten und Kontinente hinweg geht die Reise mit dem wasserstoffgetriebenen Luftschiff INCONVENIENCE. An Bord: fünf Glücksritter der Lüfte, die «Freunde der Fährnis» – und der Henry James lesende Hund Pygnax. Entsprungen sind die Aeronauten mit klingenden Namen wie Randolph St. Cosmo, Darby Suckling oder Chick Counterfly der Jugendbuchserie «Chums of Chance».
Gegen den Tag erzählt vom Leben und Sterben des anarchistischen Minenarbeiters Webb Traverse, der mit klug platzierten Dynamitstangen der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen will und von gedungenen Killern des Industriebarons Scarsdale Vibe umgebracht wird. Außerdem geht es (unter anderem!) um die zapatistische Revolution in Mexiko, das unheilvolle Rumoren auf dem Balkan vor dem Ersten Weltkrieg, den Einsturz des Campanile von San Marco in Venedig im Jahre 1902, spiritistische Bewegungen im London der Jahrhundertwende, das rätselhafte «Tunguska-Ereignis» (Sibrien, 1908), den Tornado Thorvald, einen sprechenden Kugelblitz («Ich heiße Skip, und du?»), nicht zu vergessen substantielle Diskurse über Kartoffelsalat, Ukuleles, reflektierende Teigwaren u.v.m.
«Ein aufgeblasenes Monsterpuzzle», zürnte Michiko Kakutani, die so einflussreiche wie berüchtigte Chefkritikerin der New York Times. Andere mäkelten, 1596 Seiten seien für einen Roman «unanständig dick» und garantiert weniger nützlich als ein normaler Haushaltstoaster. Denis Scheck kommentierte diese McBook-Haltung diverser US-Rezensenten lakonisch: «Gewisse Kunstwerke erfordern nun einmal so viel an Aufmerksamkeit und schlicht und einfach auch an Lesezeit.»
Außerdem – wer diesen Backstein von einem Abenteuerroman bis zum Ende liest, wird reich beschenkt: «Poetisch explodiert die Sprache, grell leuchten die Sätze, es ist ein Gleiten und Schweben über Oberflächen, die aussehen wie unsere Welt und doch nach ganz anderen Gesetzen funktionieren.» (Die Zeit) Es bleibt «die Euphorie, einen literarischen Ozean überquert und eines der größten Abenteuer der Gegenwartsliteratur bestanden zu haben» (Focus).
Entfremdung und Paranoia, Entropie und Utopieverlust, Raubtierkapitalismus und Revolte – das waren schon immer Pynchons Themen. Seine Spezialität: der rasche Wechsel zwischen literarischen Genres (Comic, Abenteuerroman, Liebesschnulze, Krimi, Wildwestschmonzette) und mäandernde Exkursionen ins Reich realer und utopischer Technologien. In Schwindel erregender Rasanz vermag Thomas Pynchon die Konturen des uns Vertrauten aufzulösen. Wer sich seinem Kommando überlässt, segelt mehr oder minder entspannt über Riemann’sche Räume, vierdimensionale Landschaften und die wundersamsten Relikte der Populärkultur.
Der Focus-Rezensent nennt Gegen den Tag «ein 1596 Seiten langes Empfehlungsschreiben an die Akademie in Stockholm». Das dürfte Elfriede Jelinek, die gemeinsam mit Thomas Piltz Die Enden der Parabel ins Deutsche übersetzt hat, durchaus gefallen: «Es ist ein Witz, dass er den Nobelpreis nicht hat und ich habe ihn. Ich halte Pynchon für einen der bedeutendsten lebenden Schriftsteller, weit vor Philip Roth übrigens. Ich kann doch den Nobelpreis nicht kriegen, wenn Pynchon ihn nicht hat. Das ist gegen die Naturgesetze …»