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Thomas Melle: Sickster

© Karsten Thielker


  

«Lieber fetzt alles richtig auseinander, als dass die Lüge mich falsch zuammenhält.» Was für ein Romandebüt! Thorsten, Magnus, Laura: drei Existenzen hart am Abgrund. Drei junge Leute, die sich förmlich um Kopf und Kragen leben. Keine Frage, diese Geschichte kann nicht gut enden. «Melle schreibt mit traumhafter Sicherheit, spannt weite Bögen auf und zieht plötzlich alles auf atemberaubende Weise auf eine Sentenz zusammen. (…) Wo andere Texte kokett mit roten Tüchern wedeln, riecht dieser nach echter Gefahr. Wenn man ihn sticht, dann blutet er. Wo andere Autoren sportlich sind, hat dieser Kraft. Thomas Melle ist ein großer Schriftsteller.» (Robin Detje, Cicero)

«Das beste deutschsprachige Buch, das seit Jahren über jüngere Großstädter geschrieben wurde ... Dass es zudem derart mitreißend erzählt ist, könnte man durchaus als Leistung Thomas Melles bezeichnen – käme einem nach diesem Roman ein Wort wie Leistung nicht derart krank vor.» (Spex «Thomas Melle beeindruckt mit einer ebenso radikalen wie gefühlsgenauen Sprache ... Sanft, derb, direkt erfasst er so Stimmungen, Zweifel, Sehnsüchte, Abstürze, vor allem aber die schleichenden Übergänge.» (Freitag)

Verwirrte Träumer

Es waren Momente, in denen etwas entgleist und der Organismus sich gegen sich selbst wendet, die Thomas Melles 2007 unter dem Titel Raumforderung erschienenen Erzählungen bestimmten – verdichtet in von grellen, sprachlich überhitzen Bildern dominierten Geschichten, die allesamt den Gedanke umkreisten, wonach das Leben womöglich viel unheimlicher sei als der Tod. Seinen ersten Roman Sickster inszeniert Thomas als grelle Untergangsphantasie.

Melle, 1975 in Bonn geboren, erhielt vielfach Lob für seine bizarren, ruhelos vibrierenden und in die Abgründe des Alltäglichen spähenden Geschichten – und legt nun mit seinen ersten Roman auf literarisch konsequente Weise Sickster nach. Er tut es in Form eines unter erzählerischem Starkstrom stehenden Buches, das aus der kalten Mitte einer zu Tode erregten Jugend zu uns kommt. Melle porträtiert darin einstige Hipster, die – unheilbar an einer Art geistiger Dauererregung laborierend – zu Sickstern mutiert sind, Wesen, die vom aberwitzig gewordenen Marschtakt ihres High-Speed-Lebens angetrieben wie von epileptischen Zuckungen geschüttelt durch ihren Alltag taumeln.

Allem voran der von «Zahlenkolonnen, Zettelrauschen und Schnellgetippse» latent narkotisierte «negative Möglichkeitsmensch» Thorsten Kühnemund, der sich als Manager des Ölkonzerns um Kopf und Kragen lebt. Denn umso höher, wagehalsiger seine tagtäglichen Gedankenflüge als kreativer Kopf seines Unternehmens sind, desto brachialer vollziehen sich parallel dazu seine Abstürze, wenn es Nacht wird über der großen Stadt – und Kühnemund, vollgetankt mit Hochprozentigem, abhebt ins Vergessen. Dabei laufen sowohl seine Sexeskapaden als auch sein Alkoholkonsum bald gehörig aus dem Ruder.

Autoreninfo

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Mit Stücken...
mehr über den Autor
Im Partyrausch des Todes

Als Gegenspieler schickt Melle Kühnemunds ehemaligen Schulfreund Magnus Taue ins Rennen, einen ebenfalls bis auf die Knochen frustrierten Auftragsschreiber, der das konzerneigene Magazin WELCOME mit seinen kleinen Erleuchtungen zu veredeln sucht. Sie beide sind Sklaven einer leerlaufenden «Vergeilung des Billigkapitalismus», ausgebrannte Krieger in der großen medialen Schlacht, die bloß noch Betäubung suchen. Dabei zelebrieren sie ihren Ennui jeder für sich mit jener Bitterkeit, die Laura, Kühnemunds Freundin, schließlich hinter Anstaltsmauern bringt. Doch – und daran lässt Melle, dieser sprachmächtige Exorzist, keinen Zweifel: auch für Thorsten und Magnus, diese auf Untergang programmierten, der «Ästhetik des Fehlers» zum Opfer gefallenen Einzelkämpfer, sind bereits Plätze dort reserviert.

In Bildern von bisweilen schneidender Schärfe und Direktheit macht Thomas Melle einem von Techno-Rhythmen untermalten Wahnsystem des Überflusses und des Zuviel die Rechnung auf, in dem der Einzelne jeden Halt verloren zu haben scheint. So werden wir mit angehaltenem Atem Zeuge, wie seine Figuren sich so kopflos in ihren Untergang stürzen wie Motten in flackernde Kerzenflammen. Gefangen, in einem Partyrausch des Todes.

Aus: Rowohlt Revue 92, Autor: Peter Henning)