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Thomas Harlan: Veit

© Archiv Harlan

Einen «absichtlich in die Länge gezogenen Abschied» nannte Franz Kafka im Brief an den Vater seine schriftstellerische Tätigkeit: «nur dass er zwar von Dir erzwungen war, aber in der von mir bestimmten Richtung verlief». Thomas Harlan, seit vielen Jahren schwer lungenkrank, hat seinen Brief an den Regisseur von «Jud Süß» bloß noch diktieren können, an fünf Tagen im Frühsommer 2010, wenige Monate vor seinem Tod. Fremd sei ihm das Buch daher, heißt es im Vorwort, und dennoch habe es vielleicht einen Sinn, habe er «vielleicht so etwas Ähnliches wie die Wahrheit» gesagt.
Diese neunzig Seiten, nur Veit überschrieben, sind sein Vermächtnis, sind Klage und Anklage zugleich, voll der Wut gegen den «Hersteller von Mordwerkzeugen», den «Lügner», «tatenlosen Gewaltmenschen» und «tadellosen Gewalttäter» – und voller verzweifelter, weil unmöglich erscheinender Liebe zu dem «Unglücklichen, von seinem Sohn Verratenen».


Damals, 1964, als Veit Harlan auf Capri im Sterben lag, hatte er nach seinem Ältes­ten gerufen, dem verlorenen, dem verstoßenen Sohn, seinem unnachgiebigsten Verfolger. Die Gerichte hatten den Propagandaregisseur, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Ende der 40er Jahre freigesprochen. Der Sohn gewährte ihm diesen Ablass nicht, im Gegenteil, die Unfähigkeit, Verantwortung für die antisemitische Hetze zu übernehmen, all die Lügen vergrößerten nur des Vaters Schuld: Er hatte sein «Verbrechen gern begangen».

Lügen, Schuld und Scham

Damals, 1964, hatte Thomas Harlan, Sohn aus der Ehe mit der Schauspielerin Hilde Körber, der «Knabe am Hofe Hitlers», dem Goebbels eine Maerklin-Eisenbahn schenkte, schon mehrere Gegenleben hinter sich, in Paris im Umkreis von Michel Tournier und Gilles Deleuze, gerade 19, entschlossen, künf­tig nur mehr französisch zu schreiben. Er hatte Waffen geschmuggelt für die Hagana, mit Klaus Kinski ein Kino angezündet, in dem Filme des Vaters liefen, war mit dem Freund nach Israel gereist, schließlich ging er nach Polen, «zur Pflege des Brechreizes über die verseuchten deutschen Lande», zu Recherchen über das Warschauer Ghetto zunächst, später um für den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Beweise gegen Naziverbrecher zu sammeln.

Veit Harlan drehte derweil, trotz Boykottaufrufen, immer weiter Filme, «Sterne über Colombo» oder «Die Gefangene des Maharadscha». Und Thomas Harlan, das schwarze Schaf der Familie, schrieb mit ihm zusammen das Drehbuch zu «Der Fall Dr. Sorge», ausgerechnet zu der Geschichte des Sowjetagenten; natürlich musste der Film umgeschnitten und umbenannt werden, in «Verrat an Deutschland». «Goebbels’ wunderbare Wünschelrute» war zerbrochen, aber in der FSK, der Freiwilligen Selbstkontrolle, schien er wieder unterwegs zu sein, so Thomas Harlan, weniger niederträchtig, von eher kläglicher Gestalt mit all den Aufrufen zum Kampf gegen die Kommunisten, die Homosexuellen, die «Schänder des Vaterlands». Zu welch schrecklichen Seichtigkeiten zwang man nun den großen Regisseur, der doch nur seiner Kunst gelebt hatte!

Wenigstens durfte Veit Harlan sich brüsten, das Ghetto-Stück des Sohnes, «Ich selbst und kein Engel», (mit-)inszeniert zu haben, nur machte der schon wieder Skandal, rief bei der 50. Vorstellung zur Anklage gegen Kriegsverbrecher auf. 1964 zeigte ihn Hans Globke als Landesverräter an. Auf Capri sagt der Vater ihm, er habe ihn verstanden, seine Kämpfe, auch die gegen ihn, weinend sagt er es, ja, «es kann sein, dass ich dich verstanden habe»; die Einschränkung, das Vielleicht, entwertet das Wort, das der Sohn so gerne gehört hätte: «Lass mich Dich für wahr halten.» Aber dies bedeutete, Verantwortung zu übernehmen, endlich, für all das Leid, die Schmerzen, das Grauen, für den Tod Dora Gersons, seiner ersten Frau, ermordet in Auschwitz.

Autoreninfo

Thomas Harlan wurde 1929 geboren als Sohn der Schauspielerin Hilde Körber und von Veit Harlan, dem Regisseur des nationalsozialistischen...
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Kunst ohne Moral?

Auch wenn «Jud Süß» nur ein Versuch war, «das Land auf seine Morde einzustimmen», auch wenn andere, Alexander Kluge etwa, die Wirkkraft des Films bestritten, den Himmler der SS zur «Anregung» vorführen ließ. Auf einer Postkarte hatte Veit Harlan damals dem Sohn geschrieben: «Die Juden arbeiten gern mit mir.» Dazu all das Gerede, noch immer, von der Kunst, die ewig sei, von keinem Regime zu verbiegen und zu missbrauchen: Noch im letzten Kriegsjahr, nach dem elenden Durchhaltefilm «Kolberg», hatte er ausgerechnet am «Kaufmann von Venedig» gearbeitet, allein um des «Glanzes seines unerschöpflichen Berufs» willen? Oder aus Liebe zu Kristina Söderbaum, der Reichswasserleiche, die nun, auf Capri, die zwölf Paar Trauerrandstrümpfe probiert, die der Quelle-Versand ihr hat zukommen lassen?

Kann es eine Kunst ohne Moral geben, das ist eine der zentralen Fragen dieser Szenen eines Kampfes. Ohne Verantwortung? Kann es ein Leben ohne Wahrhaftigkeit geben? Aber wie ist die Wahrheit auszuhalten? Die Schuld, die Scham? Und wozu? Wenn der Richter, der Veit Harlan zweimal freisprach, einer von Hitlers furchtbaren Juristen war? Wenn im Bürgerbräu-Keller Kiesinger die Arme ausbreitet und «Veit» schreit. Wenn überall die Täter wieder an der Macht sind, die «unerschöpflichen Tadellosen, Väter der neuen Republik». Sie zu bekämpfen, das hatte sich Thomas Harlan zur Berufung gemacht, zum Beruf. Das Buch darüber, «Das Vierte Reich», finanziert von dem kommunistischen Verleger Giangiacamo Feltrinelli, hat er nie geschrieben, hat sich in der Lotta continua engagiert, hat später gegen Pinochet gekämpft und einen Film über die portugiesische Nelkenrevolution gemacht.

Der kurze Brief zum langen Abschied

Aber dieser obsessive Aufklärer, gnadenlose Ankläger, der eines der quälendsten Dokumentarstücke über einen SS-Mörder drehte, «Wundkanal», eine «Hinrichtung für vier Stimmen», foltert sich, nicht nur in diesem Vermächtnis, mitunter am heftigsten selbst. So ist der kurze Brief zum langen Abschied mehr als nur eine so brillant geschriebene wie peinigende, so klug gedachte wie verstörende Auseinandersetzung mit dem Vater und mit der Geschichte, sondern auch eine stete Selbsthinterfragung, die zur Selbstzerfleischung wird. Die Schuld, die nicht zu tilgende, will er auf sich nehmen, die der Vater nicht erkennen wollte oder konnte.

Doch die Jahre haben kein Ende, die Geschichte geht weiter, auch wenn man nicht mehr darüber sprach, weil die Schufte wegstarben, weil die Erinnerungen blass geworden sind und die «Münder faul». Thomas Harlan wurde nie faul. Als ihn seine Krankheit hinderte, weiter Filme zu drehen, schrieb er Romane, Rosa, Heldenfriedhof, dokumentarische Fiktionen über den Holocaust. Und er hat mit Veit, diesem wichtigsten Dokument seiner Obsession, ein bedeutendes Stück Zeitgeschichte hinterlassen. Nichts darf vergessen sein, das ist Thomas Harlans Legat. «Jud Süß» stimmte das Land auf die Morde ein.

(Aus: Rowohlt Revue 91, Autorin: Annette Meyhöfer)