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Thomas Harlan ist im Oktober 2010 einem schweren Lungenleiden erlegen. Im März erscheinen im Rahmen einer Werkausgabe gleich fünf Titel des streitbaren Autors: Veit, die bis an die Schmerzgrenze getriebene Auseinandersetzung mit seinem Vater Veit Harlan, dem Propagandaregisseur der Nationalsozialisten; die Romane Rosa und Heldenfriedhof, der Erzählungsband Die Stadt Ys. Und Hitler war meine Mitgift, das große Interview, das Jean-Pierre Stephan mit Harlan führte.
Wie Thomas Harlan vom Hätschelkind Goebbels’ zum Unterstützer revolutionärer Prozesse in Chile und Portugal wurde, wie er sich von der biographischen Bürde als Sohn eines Nazi-Propagandisten befreite und zum radikalen Aktivisten bei der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik wurde, das kann man in diesem Großinterview nachlesen, das im Sommer 2006 aufgezeichnet wurde. Spannendere und bewegendere Zeitzeugnisse als dieses dürfte man so leicht nicht finden.
Jean-Pierre Stephan lernte Thomas Harlan im Frühjahr 2001 kennen; damals war er auf der Suche nach außergewöhnlichen Gesprächsgästen für die Talkshow «Boulevard Bio». Stephan war augenblicklich wie elektrisiert von der Aura und der unglaublichen rhetorischen Präsenz Harlans: «Er hatte, was man Charisma nennt, und verfügte über eine geradezu orientalisch anmutende Kunst des Erzählens, die weder das Plaudern kannte noch das Zögern. Seine Sprache war scharf und poetisch zugleich, gespickt mit überraschenden und einprägsamen Wendungen und dazu von einer zuweilen grausamen Treffsicherheit. (…) Noch nie hatte ich vor Thomas Harlan jemanden getroffen, der seinen Zuhörer von der ersten Minute an derart fesselte, durch seine Art zu erzählen wie auch den Reichtum an beinahe unglaublichen Erlebnissen und Reflexionen, jemanden, dessen Biographie auf so eindrucksvolle Weise die deutsche Geschichte spiegelt und dessen Wirken diese so radikal und faszinierend in Kunst verwandelt.»
Im Folgenden zitieren wir aus einigen der wichtigsten Passagen des Interviews: über Harlans ambivalentes Verhältnis zum Kommunismus (einer der grandiosen Harlan’chen Schachtelsätze, die einen leicht schwindlig zurücklassen!), über «Jud Süß», die Freunde Klaus Kinski und Marc Sabathier-Léveque, die Ambivalenz der Erinnerung und das Filmemachen und Schreiben als Terrain der Befreiung.
Immer Kommunist. Nie Kommunist. Ich war, besser, bin, besser, immer noch, wahrscheinlich Kommunist, aber war nie, bin nie, werde nie Mitglied gewesen sein in irgendeiner Kommunistischen Partei, aber der Partei war und bin ich wohl immer noch, vielleicht sogar aus Versehen, so getreulich verbunden, wie es nicht einmal Parteigetreue sein könnten in der Partei, die mir so lieb war und ist, vor allem, weil einer, der nicht Mitglied ist, der kann auch nicht von ihr rausgeschmissen werden, deswegen war und ist sie, die alte, die schöne, die zugrundegerichtete Partei, deswegen ist sie mir so lieb und so teuer und ich lerne nichts dazu …
Sohn meiner Eltern. Ich bin der Sohn meiner Eltern. Das ist eine Katastrophe. Die hat mich bestimmt. Bis 1945 war das ein Glücksfall. Das nenn ich Fallen stellen. Man kann keinen Bogen um sein Unglück machen. Der Glücksfall bestimmt doch bereits das ganze Leben, als er ein Unglücksfall wird, und man kann nicht dagegen an, ist wehrlos, und das ist kein Privatkram, denn alles, was ich von nun an tue, mit sechzehn, wird allein durch diese Katastrophe bestimmt.
Jud Süß. Mein Vater konnte mit Recht behaupten, wie sehr der Mord an jeder Ecke lauerte, aber daß er lauerte, wußte er, wer die Jäger waren und wer die Gejagten, und er hat seine Kraft dafür eingesetzt, sich an dieser Hatz zu beteiligen. (…) Ich kann mir kaum eine größere Schuld vorstellen, als diesen Film so gemacht zu haben, so vornehm, so haßerfüllt, so behutsam, daß der plebejische Charakter des Antisemitismus fast verloren gehen konnte. (…) Ein Mensch, der feststellt, daß er nicht einen Film, sondern ein Mordinstrument produziert hat, denke ich, müßte zu dem Schluß kommen, daß er seiner Mittel nicht Herr ist und darauf verzichten, Filme zu machen.
Klaus Kinski. Kinski, das war die Strahlkraft der Gosse, die verwandelte die Welt im Flüsterton in eine Helligkeit, zu der die Erhabenen unfähig waren. Kinski trotzte sich das Schöne ab. Er riß es sich aus, streichelte es, sich einschmeichelnd, fast singend, bis es geschmeidig war und vereinbar mit dem Dreck im Widerspruch zu ihm. (…) Besessen war ich von ihm, aber von ihm als Kunstwerk, lebendig, wie kein anderes, mit den samtenen Pfoten einer ewig fauchenden Katze. (…) Kinski war tatsächlich eine Leidenschaft für mich, Leidenschaft von nicht allzu langer Dauer, wie die Leidenschaft Marc Sabathier-Léveque eine ewige Leidenschaft war, heute noch eine ist, nicht zu stillen, durch nichts einzuschläfern, durch keine Zeit zu heilen.
Aktivist & Filmemacher. Ich wußte, daß ich mit der Verfolgung aufhören mußte, weil ich mich bereits selbst verfolgte und zwischen dem Angstschweiß des Verfolgers und dem Angstschweiß des Verfolgten kein Raum mehr war für Unterschiede. Die Unterschiede gab es nicht mehr. Ich begann, an Film zu denken. An Filme, die ich schreiben würde, noch nicht machen.
Schreiben, eine Befreiung. Es mußte nur geschrieben werden. Das war eine neue Freiheit, geradezu ein Glücksgefühl, keine Verantwortung mehr haben zu müssen, für den Satz, der entsteht, oder besser gesagt, keine wie auch immer geartete Pflicht übernehmen zu müssen, mir selbst gegenüber oder den von mir geliebten Sachen, dem Kommunismus, der Freiheit, der Befreiung von Sklaverei und Not, dem Antifaschismus, der törichten deutschen Liebe zur einfachen Schönheit, und so fing ich nun an, mich freier zu fühlen beim schreiben und losgelöst von aller Begründung, und deshalb umso mehr verbunden mit dem großartigen Sinn, der in der Sprache auf der Lauer liegt …
Ambivalenz der Erinnerung. Wenn du dich an einen Tag des Monats erinnerst … wo bleibt dann der Rest dieses Monats? Der Rest versteckt sich irgendwo in der Erinnerung, aber wo, das weiß ich nicht, es gibt da eine geheime Verabredung zwischen dem Erzählten und dem Nichterzählten. Und dabei wird dem Erzähler was angetan, aber ich weiß nicht, was.