![]()
Es gibt Menschen – und der beklagenswerte Autor dieser Zeilen gehört dazu –, die haben stets an Fortschritt geglaubt, dass alles besser, schöner, toller werde. Solche Menschen haben keine Wurzeln und sie haben auch die alten «Titanic»-Hefte weggeworfen. Jetzt in der Krise stehen sie fast nackt da, jedenfalls ziemlich wehrlos. Doch da linst ein bisschen Rettung um die Ecke. Rowohlt beschämt die Großspurigen schon wieder mit einer Best-of-Ausgabe von «Titanic» – diesmal gewissermaßen als Promi-Massengrab aus dreißig Jahren satirischer Vernichtungsarbeit.
Nur zur Erinnerung: TITANIC hat nicht nur Kanzler Kohl als Birne designt, sie hat Außenminister «Genschman» – man darf sagen: – fit zur Wiedervereinigung geflügelt, und sie hat von Anfang an, den Freiherrn von und zu Guttenberg im Visier gehabt und schließlich – «militärisch angemessen» – liquidiert. Vielleicht haben sich die Herausgeber nur verplappert, doch im Editorial deuten sie eine Sensation an: Hat TITANIC die gutsherrliche Doktorarbeit geschrieben?
Wer wäre heute kein Promi? Und so sieht sich auch TITANIC genötigt zu «Übersicht und Orientierung, teilt ein, zählt an, sortiert aus (…) und scheidet Ärsche von Gesichtern. (…) Denn die Prominenten von heute sind die Möbelhauseinweiher von morgen.»
Eines ist jetzt schon sicher, dass Promi-Ordnungssystem dieses Buches wird bleiben, denn es schafft Übersicht und Orientierung im Dschungel des Ruhms. Beginnend mit den Vollpfosten – ganz klar: Tokio Hotel («Vier gute Gründe gegen Kinder»), Anne Will oder Claudia Roth, wobei auch das Positive nicht vergessen wird: «Wenn man Claudia Roth lange und heftig genug schüttelt, so geht die Sage, verwandelt sie sich in eine wunderschöne Erdkröte.»
Dann gibt es die schwierige Kategorie der Spackos – also beispielsweise: Frank Schirrmacher, Sigmar Gabriel, Henryk Emm Broder. Zombies, die als Vakanzen ihrer selbst von Scheinwerfer zu Scheinwerfer irren und um Erleuchtung wimmern. Troglodyten verstehen sich von selbst (Reich-R., Günter Grass, Helmut Schmidt) und konkurrieren mit Gammelfleisch: Joschka Fischer («auf Platz 14 der Weltgeschichte»), Uschi Glas und Richard von Weizsäcker.
Wo bleibt Arnulf Baring?, werden Sie fragen. Er wird nur am Rande erwähnt: die Höchststrafe. Wie es überhaupt sehr gerecht zugeht in diesem Buch: Gefangene werden nicht gemacht. Wie wollen Sie die Krise verstehen ohne dieses Buch?
(Aus: Rowohlt Revue 92, Autor: Walter van Rossum)
in den Warenkorb