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«Man reibt sich die Augen über dieses Buch und kann es kaum fassen: ein Kleinod von einem Roman, erschütternd schön und mühelos vollkommen.» (FAZ) Fast fünfzig Jahre war die Kurze Geschichte von der ewigen Liebe wie vom Erdboden verschluckt, so als habe sie sich nach ihrer ungarischen Erstveröffentlichung 1963 dematerialisiert, als habe es sie einfach nie gegeben. «Kaum zu glauben dass dieser wunderbar poetische und wunderbar illusionslose Roman mehr als vierzig Jahre unbemerkt blieb.» (DeutschlandRadio Kultur) «Das Unglück einer ersten, vergeblichen Liebe ist hier vollkommen erzählt - so poetisch wie möglich und so trostlos wie nötig.» (Der Spiegel)
Dass Rubin mit seinem kleinen Meisterwerk in seiner Heimat damals nicht reüssieren konnte, versteht sich von selbst. 1956: ungarischer Volksaufstand; 1958: Ministerpräsident Imre Nagy wird nach einem Geheimprozess gehängt; rund 400 Menschen werden wegen Unterstützung des Aufstands bis 1963 hingerichtet; die mehr als zwei Jahrzehnte währende Ägide János Kádárs, ein zaghafter Liberalisierungsansatz(«Gulaschkommunismus»). Und dann ein solcher Roman! «Der glasklare Ton dieser ideologiefreien Prosa war dem politischen Geist des Poststalinismus offenbar einfach zu fremd», schreibt Ingeborg Harms in ihrer hymnischen Besprechung in der FAZ. «Dabei gebührt der Kurzen Geschichte ein Platz unter den aufregendsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts auf Augenhöhe mit Henri Alain-Fourniers Großem Meaulnes und Scott Fitzgeralds Großem Gatsby.»
Erzählt wird die Geschichte einer obsessiven Liebe vor dem Hintergrund des gescheiterten Ungarn-Aufstands von 1956: der Liebe des Ich-Erzählers Attila Angyal zur schönen Orsolya Carletter. Er ist ein hoffnungslos romantischer Taugenichts. Um die Angebetete auf ewig an sich zu binden, würde er alles tun – selbst grausam schlechte Gedichte zu Papier zu bringen, die allenfalls für linientreue Gazetten abdruckbar sind. Für Attila zählt nur der Augenblick. Er, der ohne Vater aufgewachsene Dichter aus bescheidenen Verhältnissen, hat Talent, aber keine Prinzipien; seine Jugend zu vergeuden ist ihm solange kein Problem, wie er Orsolya darüber nicht verliert.
Für seine Renommiersucht im kommunistischen Kulturbetrieb verachtet sie ihn; jede Verrenkung ist nichts als verlorene Liebesmüh. Attila fristet eine prekäre Existenz: «Für die Uni nicht geeignet, durch den Auftritt in der Ujbold literarisch abgestempelt, Verlage betrauten mich bestenfalls mit Korrekturaufgaben, und der Buchhändler, bei dem ich um Arbeit ersucht hatte, hatte mich nicht einmal als Verkäufer einstellen wollen. Aber immerhin hatte ich eine Bleibe und verfügte über unermesslich viel Zeit und hatte eine Geliebte, auf die ich warten konnte …»
Die Deutsch-Ungarin Orsolya Carletter ist mit traumatischen Erfahrungen aus dem Krieg nach Ungarn zurückgekehrt, «abgemagert und kellerbleich wie ein polnisches Flüchtlingsmädchen»; das Haus mit der elterlichen Apotheke haben sich die neuen Herren längst unter den Nagel gerissen. Im Krieg hätten Attila und sie auf verschiedenen Seiten gestanden – was in ihren erbitterten Streits auch immer mal wieder durchscheint. Was sie zusammengebracht hat und zusammenhält, ist ein explosives Gemisch, eine Liebe mit selbstquälerischen Exzessen, gezeichnet von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, von den gewaltigen Mächten Faschismus und Stalinismus. Das Schicksal hat Orsolya bitter und zynisch gemacht; am Ende willigt sie in die Vernunftehe mit dem grundbiederen und kommunistisch-linientreuen Militäringenieur Sándor ein. Anders als Attila hat sie längst alle Illusionen von der reinen, ewigen Liebe verloren. Sie weiß: Wer sich nicht arrangiert, geht im Ungarn dieser Jahre unter.
Die gesellschaftlichen Umstände, unter denen Szilárd Rubins Figuren handeln, wirken auf reizvolle Weise anachronistisch. Es ist der Bericht aus einer untergegangenen Welt, auch wenn diese Zeit gerade einmal fünfzig Jahre her ist. Was Rubins Roman zu einem seltenen Genuss macht, ist die Leuchtkraft seiner sinnlichen Prosa. Wenn er Kleidungsstücke beschreibt oder Körper, Naturstimmungen oder Gegenstände des täglichen Gebrauchs, dann geht von ihnen ein Leuchten aus, alles wird greifbar, berührbar, spürbar («taktil und von gelebter Zeit durchdrungen», wie Ingeborg Harms notiert).
Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung, als Attila begreift, dass er Orsolya für immer verloren hat. «Du wirst nie in einen Hafen einlaufen», kanzelt sie ihn ab. „Früher hast du noch mein Mitgefühl erregt, und ich liebte die jungenhafte Verlorenheit, mit der du zu mir ins Bett geschlüpft bist: Du hattest etwas Bezauberndes. Allerdings hätte ich damals auch einen furchtsamen Hundewelpen in mein Bett geholt.“ Orsolya wird nicht mehr zu ihm zurückkehren. Aber statt in Melancholie und Selbstmitleid zu versinken, beginnt er sich Schritt für Schritt aus seiner destruktiven inneren Lähmung zu lösen und sich auf die Suche zu machen: nach einer erträglichen Existenz jenseits der großen, alles verzehrenden Liebe.
«Mein Leben hing davon ab, ob es mir gelingen würde, wenigstens einen Punkt in meiner Vergangenheit zu finden, an dem ich mich festhalten konnte, an dem sich, wenn auch noch so winzig, Leben verbarg, das mit Orsolya nichts zu tun hatte …»