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Freya von Moltke zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus; gemeinsam mit ihrem Mann Helmuth James bildete sie den Kern des berühmten «Kreisauer Kreises». Sylke Tempel, Autorin der Biographie zum 100. Geburtstag der Widerstandskämpferin, schreibt in ihrem Vorwort: «Als sie und ihre beiden Söhne Kreisau wenige Monate nach seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945 verlassen müssen, hat sie nicht das Gefühl, alles verloren zu haben. Vielmehr nimtm sie, wie sie später sagt, einen Schatz mit sich, den ihr keiner mehr nehmen kann: die Erinnerung an ein „gutes Leben mit meinem Mann“, an vier Monate innigen Abschieds und dazu über tausend Briefe, die Helmuth ihr seit dem Sommer 1929 bis zu seinem Tod geschrieben hat. Lange hat es gedauert, bis man in Deutschland diesen Schatz zur Kenntnis nehmen wollte.»
Pfingsten 1942. Auf Gut Kreisau, südwestlich von Breslau, treffen nach und nach die Gäste ein. Harmlose Sommerbesucher sind es allem Anschein nach, katholische und evangelische Priester, Gewerkschafter, Professoren, Beamte aus Reichsstellen der Hauptstadt Berlin. Man nascht am Mohnstollen der Hausherrin, genießt die schlesische Landschaft, macht Spaziergänge. Und man redet. Man redet über das, was in diesen Tagen für die meisten Deutschen unvorstellbar und für den Großteil von ihnen auch nicht erstrebenswert scheint: Wie könnte eine Zukunft Deutschlands ohne Nazis aussehen?
Die Gastgeber sind Helmuth James von Moltke und seine aufgeschlossene Frau Freya, die Tochter eines Kölner Bankiers. Sie wissen, worauf sie sich eingelassen haben, als sie diesen «Kreisauer Kreis» ins Leben riefen: Man nennt es Hochverrat. Und nicht ganz drei Jahre später, am 23. Januar 1945, wird Helmuth mit seinem Leben dafür bezahlen.
Als er im Konzentrationslager Ravensbrück und im Todestrakt von Tegel auf das Ende wartet, haben sie vier Monate Zeit, voneinander Abschied zu nehmen. Er schreibt ihr Hunderte von Briefen, sie bekräftigt ihn bis zuletzt in der Überzeugung, das Richtige getan zu haben. «Nur wir zusammen sind ein Mensch. Wir sind ein Schöpfungsgedanke», lautet der letzte Satz, den er ihr hinterlässt.
Dieses Buch ist das zutiefst anrührende Zeugnis einer großen Liebe und das Porträt einer unerschütterlichen und warmherzigen Frau. Gleichzeitig aber zeichnet es ein beklemmendes Bild des Alltags in der Nazizeit, als jeder Mensch mit Gewissen sich tagtäglich neu fragen musste: Wie verhalte ich mich zum Regime zu und den Gräueln, die es anrichtet? Wie kann meine Unterstützung für Juden oder Oppositionelle aussehen, ohne dass ich gleich selbst weggesperrt werde? Kurz: Wie bewahre ich Haltung unter lauter Spitzeln, Mitläufern und Henkern?
Nach dem Krieg zog Freya von Moltke mit ihren beiden Söhnen nach Südafrika, anschließend nach Vermont. Später, schon über achtzig Jahre alt, arbeitete sie mit nicht nachlassender Energie an der deutsch-polnischen Aussöhnung, ehe sie am Neujahrstag 2010 starb, fast 99 Jahre alt.
(Aus: Rowohlt Revue 91, Autor; Thilo Vonderheide)