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Susanne Falk: Das Wunder von Treviso

© Christoph Silas Neal; Nanke Siemon

Das kleine Dorf in Venetien leidet unter seiner kompletten Bedeutungslosigkeit. Gott sieht alles – außer Treviso So kann es nicht weitergehen, beschließt Pfarrer Don Antonio. Er lässt eine Madonnenstatue präparieren, die beim nächsten Gottesdienst rote Tränen weint. Eine Offenbarung! Ein Wunder! Ein Geschenk Gottes! Pressevertreter und Pilger überfluten Treviso, der Ort blüht auf, die Geschäfte florieren, beste Stimmung allüberall, sogar eine für unmöglich gehaltene zarte Romanze zwischen der Schwester des Bürgermeisters und Friseur Luigi entspinnt sich. Alles könnte so schön sein und genauso weitergehen – da schickt der Vatikan einen Gesandten nach Treviso schickt …

Kurz nach der Publikation ihres Romans Das Wunder von Treviso stellt die Autorin Susanne Falk dem Bürgermeister von Treviso einige Fragen zur Bedeutung des Wunders für sein Dorf und über Trevisos Zukunftsaussichten. Und natürlich geht es um die Frage aller Fragen: Wie viel Schummelei rund um die Madonna von Treviso sind erlaubt, um Menschen, Geld und Medienleute in die Perle Venetiens zu locken.

Original und Fälschung

Falk: Bürgermeister Fratelli, das Wunder der weinenden Madonna von Treviso hat sich als Fälschung herausgestellt…
Fratelli: Als grandiose Fälschung!
Falk: Ja, wenn Ihnen das lieber ist, können wir es auch als grandiose Fälschung bezeichnen, aber Tatsache ist ja, dass das Wunder kein echtes Wunder war.
Fratelli: Nun, da haben Sie leider recht. Dass die Madonna präpariert war, hat von der überwiegenden Mehrheit der Einwohner Trevisos selbstverständlich niemand gewusst. Das ganze ging allein auf die Initiative des ehemaligen Pfarrers von Treviso zurück, der, wie Sie vielleicht wissen, aus seinem Amt entlassen wurde. Und der Schnitzmeister Salvatore Tarlo war selbstverständlich auch daran beteiligt, aber sonst, ich schwöre es, hat kaum jemand davon gewusst!
Falk: Wer ist «kaum jemand»?
Fratelli: Der Dorfarzt, Doktor Lorenzo. Und bei der Schwester des Pfarrers bin ich mir nicht ganz sicher, aber sonst niemand.

Madonna mia!

Falk: Das heißt also, Sie streiten ab, mit der ganzen Sache etwas zu tun zu haben?
Fratelli: Das streite ich sogar ganz entschieden ab! Ich wurde getäuscht, heimtückisch getäuscht, so wie die Einwohner Trevisos auch!
Falk: Und die Pilger, vergessen Sie die Pilger nicht.
Fratelli: Ja, selbstverständlich auch die.
Falk: Nun könnte man aber durchaus behaupten, dass Treviso von dem vermeintlichen Wunder profitiert hat…
Fratelli: Da sind Sie falsch informiert. Wir haben anfangs sehr viel Geld in den Ausbau des Fremdenverkehrs von Treviso gesteckt, weil wir mit einem größeren Ansturm von Pilgertouristen im Ort gerechnet haben, aber dann, nachdem der Schwindel aufgeflogen war, blieben die erwarteten Touristenströme aus und die Gemeinde auf den Schulden sitzen.
Falk: Welcher Art waren diese Investitionen?
Fratelli: Nun, zunächst haben wir uns um die Instandsetzung der sanitären Einrichtungen Trevisos bemüht. Des Weiteren kamen einige Maßnahmen im Infrastrukturwesen hinzu, wie etwa die Einrichtung von Busparkplätzen, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, usw. Dazu noch die Gerichtskosten…
Falk: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann meinen Sie mit sanitären Einrichtungen das Pissoir am Platz.
Fratelli: Sehr richtig.
Falk: Und der Bus der Linie 174 zwischen Castello und Treviso…
Fratelli: …fährt nun wieder in regelmäßigen Abständen.
Falk: Sie nennen jeden ersten und dritten Mittwoch in ungraden Monaten regelmäßig?
Fratelli (hat den Einwand überhört): Leider aber konnten wir den dringend benötigten Ausbau von Arbeitsplätzen in unserem Dorf nicht vorantreiben, was dazu führt, dass immer mehr junge Arbeitnehmer unsere Kommune verlassen müssen. Selbst mein eigener Neffe Giorgio ist ins Ausland gezogen, weil er hier für sich keine berufliche Zukunft gesehen hat. Er lebt jetzt in Finnland.
Falk: Herr Bürgermeister, ich würde gerne auf eine Publikation zu sprechen kommen…
Fratelli (unterbricht): Dieses Buch! Da stehen doch nichts als Lügen drin!
Falk: Haben Sie es denn schon gelesen?
Fratelli:
Nein, aber meine Sekretärin hat mich darüber informiert und ich kann nur sagen: Die Rolle des Bürgermeisters in diesem Roman entspricht ganz und gar nicht der Faktenlage!
Falk: Nun, es handelt sich dabei ja auch um einen Roman, der…
Fratelli (unterbricht erneut): Ja, aber die Leute nehmen es doch für bare Münze. Und wie stehe ich nun da? Als der dicke Dorftrottel im fleischfarbenen Hemd.

Hannibal ante portas

Falk: Herr Bürgermeister, Sie werden in dem Buch auch als Mann beschrieben, der perfekt sitzende Anzüge trägt und dem die Völkerverständigung ein besonderes Anliegen ist.
Fratelli: So? (freundlicher) Das wusste ich nicht. (lächelt) Aber in der Tat kann ich mich gut daran erinnern, dass wir sehr viele spanische und deutsche Pilger in Treviso begrüßen durften, denen ich selbstverständlich meine volle Aufmerksamkeit gewidmet habe und die ihren Aufenthalt bei uns, und das möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, stets sehr genossen haben. Das wurde mir immer wieder bestätigt.
Falk: Wie wird es denn jetzt mit Treviso in den kommenden Monaten weitergehen? Und wie gestaltet sich das Verhältnis zu Ihrem Amtskollegen in Castello della Libertá?
Fratelli: Darüber kann ich nicht viel sagen, ich bin hier per Gemeinderatsbeschluss quasi zur Verschwiegenheit verpflichtet. Nur so viel: Wir arbeiten an einer neuen touristischen Attraktion für Treviso, die, soviel sei gesagt, die unseres Nachbarortes Castello bei Weitem übertreffen wird, denn auch Treviso hatte einst einen berühmten Besucher!
Falk: Darf man fragen, um wen…?
Fratelli: Hannibal.
Falk: Hannibal???
Fratelli: Ja, Hannibal. Der mit den Elefanten.
Falk: Gab es zu Hannibals Zeiten Treviso überhaupt schon?
Fratelli: Wir haben bei der Römerstraße, die Sie im Übrigen besuchen sollten, wenn Sie schon einmal da sind… Also, bei der Römerstraße wurden im Zuge der Bauarbeiten für einen Busparkplatz Knochen gefunden, die sich nach eingehenden Untersuchungen… (dramatische Pause) als Elefantenknochen herausgestellt haben!
Falk: Und das beweist, dass Hannibal hier durchgezogen ist?
Fratelli: Sehr richtig. Wir planen derzeit die Einrichtung eines städtischen Museums mit einer Sonderschau zu Hannibals Feldzug über die Alpen, insbesondere seines Aufenthalts in Treviso. Geplant wäre außerdem die Errichtung eines Zeltplatzes im hannibalistischen Stil eines Soldatenlagers. Und in der örtlichen Trattoria wird es ein Hannibal-Menü auf Tellern in Form von Elefantenfüßen geben, mit einem Stoffelefanten für Kinder als besondere Überraschung!
Falk: Das klingt ja…
Fratelli: Unglaublich, nicht wahr? Wir suchen derzeit noch nach einem Sponsor.
Falk: Herr Bürgermeister, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.