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«Ein ganzer Berufsstand ist in Orientierungs- und Rechtfertigungsnot», stellt die Süddeutsche Zeitung treffend fest. Da kommt dieses Buch gerade recht. In «Föhn mich nicht zu» porträtiert der Berliner Lehrer Stephan Serin die neue «Generation Doof» – und beschreibt sein Aufbäumen gegen die Absurditäten des Schulalltags mit Sprachwitz und Selbstironie.
Was müssen Lehrer sich heutzutage nicht alles anhören! «Faule Säcke» seien sie (so Ex-Kanzler Gerhard Schröder), Weltmeister im Langzeiturlauben – und als Beamte «in Zeiten wie diesen» geradezu obszön gut abgesichert. All das war auch dem jungen Lehramtsanwärter S. nicht unbekannt, als er im August 2007 sein Referendariat an der Werner-Heisenberg-Schule in Berlin-Mitte antrat.
Das Lehrerleben ist kein Wunschkonzert, und als jemand mit Fußfehlstellung und seitlich verbogener Wirbelsäule (Skoliose) würde er Triezereien auf sich ziehen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. «Ich war bisher fest davon ausgegangen, meine körperlichen Defizite durch mir gewogene Kleidung kaschieren zu können: meine klobigen orthopädischen Schuhe durch weite, lange Schlaghosen und meine Skoliose, indem ich darauf verzichtete, mit nacktem Oberkörper zu unterrichten und den Mädchen und Jungen so meinen Rücken zur Schau zu stellen …»
Am 22. August 2007 beginnt für Stephan Serin das Referendariat; Fächerkombination: Sozialkunde und Französisch. Die Klippen Lohnstezerkarte, polizeiliches Führungszeugnis und amtsärztliche Untersuchung (Leukozyten im Urin!) liegen glücklich hinter ihm, der Ernst des Lebens kann beginnen. Und zwar an der Werner-Heisenberg-Schule in der Brunnenstraße im Bezirk Berlin-Mitte.
Manches von dem, was Serin aus dem Tollhaus Schule erzählt, klingt wie Kabarett. Speziell die Charakterisierung des sprachliche Niveaus seines Klientels lässt einen laut auflachen und ungläubig zurück. Was wie Gangsta-Rap aus der Bronx klingt, ist gymnasialer (!) Umgangston in Berlin-Mitte: «Hast du U-Bahn? – Hab Bus!– Binisch auch Bus. – Weißdu gestern? – Nee, weiß nich. – Musstu wissen gestern. – Isch? – Musstu wissen. – Was? – Gestern. Isch bin U-Bahn. Isch kein Fahrschein. Isch gefickt von Kontrolleur. – Escht? Musstu schlagen, Kontrolleur. – Nee, nisch schlagen. Kontrolleur Frau. – Escht schwul, die Muschi …» usw. usf. Was ist das – restringierter Code? Babylonische Sprachverwirrung? Oder maximale Sprachökonomie durch Weglassen überflüssiger Sachen wie Verben, Personalpronomina etc.? Von Luxusdingen wie Sinn und Semantik mal ganz zu schweigen ...
Würden sprachliche Umerziehungscamps helfen?, fragt er sich. Eher nicht, leider. Der Kampf gegen Turkiszismen, Arabizismen, Russizismen und andere Zismen ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Zumindest jede Menge neuer Wörter sind in Berlin-Mitte zu lernen: Angesagte Typen sind «endgeil», «porno» oder «mörder», Lehrer sind «Kadaver», alte Säcke eben. Und Serin selbst bekommt als nicht eben hoch aufgeschossener Typ die Ehrentitel «Bonsai» und «Nabelküsser» ab.
«Meine Klausuren bestehen daher einzig aus Ankreuzaufgaben. In ganzen Sätzen schreiben zu lernen, dafür gibt es schließlich die Uni. Andere verlangten von ihren Schülern nicht einmal mehr, Deutsch zu sprechen, solange sie überhaupt irgendeine Sprache benutzten …» Mit der Zeit setzte die Gewöhnung ein, die Macht des Faktischen fordert ihren Tribut. Wie sich Lehrer-Schüler-Pingpong anhört? Zum Beispiel so – Frage: «Cemal! Erläutere mir bitte, wie der Humanismus dazu beitrug, dass die Europäer damals unbekannte Regionen und Kontinente entdeckten.» Antwort: «Kolumbus.» Aha, Kolumbus.
Und so lernte der junge Lehrer S. jede Menge neuer Wörter, die bald auch den eigenen Sprachschatz bereicherten – wie endgeil, porno, tight oder mörder für angesagte Typen (der Rest galt als voll assig). Schüler am unteren Ende der Klassenhierarchie waren Opfa oder Toys, und Lehrer Kadaver, alte Säcke eben. Serin selbst musste sich als nicht eben großgewachsener Mensch an die Spitznamen Bonsai und Nabelküsser gewöhnen.
Skurril und bezeichnend sind auch die Episoden aus dem Lehrerzimmer (die kleinen Schikanen der Platzhirsche, was über Jahre oder Jahrzehnte erkämpfte Privilegien angeht), die Weigerung vieler Altlehrer, den jungen Mann im eigenen Unterricht hospitieren zu lassen, der Macho-Ding mit Leitwolf Murat, die fatale Wahl der eigenen Wohnung in Sichtweite der Schule. E
Eine der lustigsten Geschichten dreht sich, ums Klauen. Als Fatimas Federtasche verschwunden war, rief einer: «der Pole war’s», was sofort Herrn S. mit einer Attacke gegen ressentimentgeladene Klischees auf den Plan rief. Aber die Sache konnte rasch geklärt werden: der Pole war’s wirklich, Karol …