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Steinunn Sigurdardóttir: Der gute Liebhaber

© Thinkstock

«Nicht nur Bücherlesen, auch Bücherschreiben ist unser Nationalsport», sagt Kristján B. Jónasson vom isländischen Verlegerverband. Es dürfte nicht viele Länder auf der Erde geben, in denen das Lesen einen solchen Stellenwert besitzt wie in Island, dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. 320.000 Einwohner, 42 Verlage, davon 35 kommerziell erfolgreich: eine interessante Bilanz.
Seit ihren Romanen Der Zeitdieb, Herzort und Gletschertheater gilt Steinunn Sigurdardóttir als eine der wichtigsten Stimmen der isländischen Gegenwartsliteratur. Sigurdardóttir spielt mit den Erzählformen, schreibt liebevoll und komisch, derb und poetisch zart – wunderbar spröde Liebesgeschichten made in Island, literarische Kleinode. Ein solches ist auch ihr neuer Roman Der gute Liebhaber.


«Doch nur im Traum gehen wir den Weg zu zweit», so heißt der Walzer, den seine Mutter einst für ihn komponierte. Und wie ein Traum, nein, wie ein Spuk erscheint dem Reisenden jene Winternacht, da er, in einer obskuren Kneipe in Reykjavik, die Melodie seiner Kindheit wiederhört.

Im Land der Feen und Elfen

Eigentlich hatte er nur eine Rose vor dem Haus der Frau, die er siebzehn Jahre nicht gesehen hat, der einzigen, die er je liebte, niederlegen wollen, eine Rose, die am nächsten Morgen erfroren sein sollte. Aber dann wird, einem Märchen gleich, aus dem Traum Wirklichkeit. Und fortan leben sie, die so lange, allein durch ein Missverständnis voneinander getrennt waren, Karl und Una, in Freuden und Luxus miteinander, in einem Schloß in Frankreich und auf Long Island.

Eine gute Fee oder, besser, eine Elfe hat dem Glück nachgeholfen, aber weil es sich um ein modernes Märchen handelt, ist sie, Doreen Ash, nichts Geringeres als eine Psychoanalytikerin und Schriftstellerin, Autorin des Bestsellers Der gute Liebhaber. Denn natürlich ist Steinunn Sigurdardóttir, längst über Island hinaus bekannt und erfolgreich, bisweilen schon mit Hálldor Laxness verglichen, eine viel zu kluge, viel zu raffinierte Autorin, um sich mit einer romantischen Saga von Liebesleid und Liebesglück zu begnügen.

Immer wieder wird die Geschichte des reichen Spekulanten Karl Ástuson, der, wiewohl er sich stets neue Geliebte oder, wie er sie nennt, Liebhaberinnen sucht, seiner einzigen Una treu bleibt und dafür schließlich belohnt wird, ironisch gebrochen in diesem fast labyrinthisch verschlungenen Roman, der, voller – bisweilen höchst mokanter – Anspielungen auf Freud und seine Adepten, auf das Verhältnis von Fiktion und Realität und den Literaturmarkt, eine einzige großartige Reflexion über das Wesen der Liebe ist. Über Mütter und Söhne, über Flüchtigkeit und Dauer, über Sehnsucht und Lügen, über Trauer und Tod.

Autoreninfo

Steinunn Sigurdardóttir gehört zu den prominentesten Autoren Islands. Sie studierte Psychologie und Philosophie am University College in Dublin und...
mehr über die Autorin
Lebensliebe und Augenblicksglück

Auch die kluge Psychoanalytikerin Doreen war einst, für einen Abend und eine halbe Nacht, eine von Karls Liebhaberinnen, viel zu dominant für seinen Geschmack. Und sie ist die eigentlich tragische Figur des Romans, Gegenspielerin dieses Glücksmenschen und Schwester zugleich. Denn ist die wahre romantische Liebe nicht jene Liebe, die für immer unerfüllt bleiben muß? Und das Glück? Es dauert für die meisten nur einen Augenblick, für die Träumer manchmal ein Leben lang.

(Aus: Rowohlt Revue 92, Autorin: Annette Meyhöfer)