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Kalungas Kind ist die bewegende Geschichte einer Odyssee zwischen Afrika und Ostberlin - eine unglaubliche Geschichte: Schwer verletzt überlebt eine Frau das Bombardement eines Flüchtlingslagers in Südangola durch Flugzeuge des südafrikanischen Apartheidregimes; Stefanie-Lahya Aukongo überlebt das Massaker von Cassinga im Mutterleib. Mit ihrer Mutter wird sie im Zuge einer «Solidaritätsaktion» in die DDR ausgeflogen. Stefanie wird als behindertes Kind geboren; sie ist halbseitig gelähmt. Eine Pflegefamilie nimmt sie auf.
Nach einem halben Jahr, als Stefanies Mutter körperlich wieder genesen ist, beschließen die DDR-Behörden, dass es nun genug der Solidarität sei und schicken die beiden in den Krieg im südlichen Afrika zurück. Doch Stefanies Pflegefamilie kämpft um die Zukunft des Mädchens – und erreicht, dass sie in die DDR zurückkehren darf. Als 14-Jährige reist Stefanie das erste Mal in die fremde Heimat Namibia, auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter …
Ein Buch zu schreiben über das eigene Leben ist immer ein Wagnis. Man wird öffentlich. Was macht das mit Ihnen?
Ich werde andauernd gefragt, wo ich herkomme, warum ich so gut deutsch spreche, schwarz bin, hier lebe. Irgendwann habe ich gedacht, dass ich dann meine Geschichte auch aufschreiben kann. Ich bin erwachsen, ich habe mit Hilfe anderer das Puzzle meines Lebens zusammengesetzt. Es ist auch Zeitgeschichte. Und es ist ein Dank an die, die mir geholfen haben. Erst zu überleben und dann zu leben.
Also keine Angst vor dem Moment, da das Buch auf dem Ladentisch liegt?
Nein. Wenn man überall auffällt – und ich falle überall auf – ist das Leben sowieso anstrengend. Ich bin schwarz, eine Frau, ich bin behindert, ich bin klein, ich betrete nicht gern als erste einen Raum. Aber ich wollte meine Geschichte erzählen. Sie handelt von so grundlegenden Dingen wie Hoffnung, Liebe und Solidarität.
Das sind drei große Worte. Als das Land, das Ihre in einem angolanischen Flüchtlingslager verletzte Mutter, und damit auch Sie, gerettet hat, 1989 verschwand, waren Sie elf. Jetzt leben Sie in einem anderen Land. Wo gehören Sie hin?
Das ist schwer zu sagen. Namibia, wo meine Eltern herkommen, meine Mutter und meine Großmutter leben, ist für mich ein Spannungsverhältnis. Die DDR habe ich als Kind erlebt. Als sie verschwand, wusste ich anfangs nicht, ob die Veränderungen mehr mit meiner Pubertät zu tun hatten oder mit politischen Veränderungen. Mein Mikrokosmos blieb vorerst intakt. Dass ein anderer Wind weht, merkte ich erst ein paar Jahre später. Das solidarische Miteinander ging mehr und mehr verloren. Plötzlich war meine Hautfarbe ein Problem. Aber ich lebe hier. Ich schließe gerade mein Studium ab, ich will dann für Non-Profit-Organisationen arbeiten. Ich wohne mit meiner Pflegemutter und deren Tochter in einem Drei-Generationen-Haus, es gibt also einen anderen verlässlichen Mikrokosmos. Es lohnt sich zu leben.
Haben Sie sich trotzdem manchmal ein anderes Leben gewünscht?
Ja.
Warum heißt Ihr Buch Kalungas Kind?
Ich bin Kalungas Kind. Kalunga ist der Gott meiner Großmutter. Letztlich erzähle ich ja die Geschichte, wie ein großes Unglück geschieht, das aber letztlich Ausgangspunkt dafür war, dass ich lebe. Daran waren viele Menschen beteiligt. Ein Kapitel in meinem Buch heißt «Meine vier Mütter». Ein anderes «Sieben Leben».
Und ein weiteres Das Leben, das ich nie hatte …
Stimmt. Viele Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, darüber schreibe ich auch. Das Leben war immer anstrengend. Ich liebe es.
(Aus: Rowohlt Revue 88, Interview: Kathrin Gerlof)