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Also gut, Wien: Kaffeehaus, Zentralfriedhof, Karl Kraus, Sigmund Freud, Prater, Fiaker, Hofreitschule, Austria/Admira/Wacker. Wer sein Wien-Repertoire literarisch ausfüttern möchte, sollte das mit Stefan Slupetzki tun. Dessen vierter Lemming liegt vor, endlich: die Krimireihe um den Polizisten, später Detektiv, noch später Nachtwächter Leopold Wallisch, genannt Lemming, hat zu Recht eine Fangemeinde weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Für den Fall des Lemming erhielt der Wiener Tausendsassa (Musiker, Illustrator, Erfinder, Aktionskünstler, Autor) den Glauser für das beste Krimidebüt 2004, für Lemmings Himmelfahrt den Burgdorfer Krimipreis: «Ein funkelndes, sprachlich meisterhaftes Stück reinster Weltekel-Prosa, verpackt mit der Zärtlichkeit dessen, der noch in der Lage ist, eine bessere, eine gerechtere Welt zu ersehnen.» (Hessischer Rundfunk) Im Band 3, Das Schweigen des Lemming (auch prämiert!), geht es um einen erhängten Pinguin im Tierpark Schönbrunn, um Löwin, Adler, Bär und Floh als mögliche Täter resp. Tatzeugen und um bizarre Machenschaften im Wiener Kunstbetrieb. So weit alles klar?
Nun also Lemmings Zorn. Es beginnt wie eine schöne Familiengeschichte, mit Glück und eitel Sonnenschein. Ein Kind soll in Kürze das Licht der Welt erblicken, das vom Lemming, und seiner Klara. Es ist ein wunderbar friedlicher Frühlingsmorgen in Wien, der 1. Mai, ehemals Kampftag der Arbeiterklasse und nun ein perfekter Tag für ein Baby, das seine Eltern mit seiner «Hoppla, hier bin ich!»Ankunft überraschen möchte. Und wie Klara mitten auf einem Spaziergang von den finalen Wehen überrascht wurde! Beinahe hätte der Lemming in seiner Panik noch alles versaut, was nutzt ihm da all sein angelesenes, angeredetes Wissen um Steißlagen, Spinal- und Periduralanästesien, vorzeitige Blasensprünge etcetera .
Dank der Hilfe einer tatkräftigen Passantin kommt ein gesunder Junge zur Welt, in den Gemäuern eines Klosters. Angela Lehner, die Geburtshelferin, ist es auch, die dem Kind den Namen Benjamin, also Ben gibt, weil die Eltern des Knaben nur Monstren von Vornamen zu ersinnen in der Lage sind, Sachen wie Roderich, Blasius, Thorward usw. Benjamin, genannt Ben.
So weit das Familienidyll. Dann der Horror: Angela, mit der sich die kleine Lemming-Familie aufs Engste angefreundet hat, wird am Weihnachtstag tot aufgefunden. Selbstmord, sagt die Polizeit. Mord, sagt der Lemming (Giftmord, wie sich später herausstellt). Schicht um Schicht legt Slupetzky eine grausame Geschichte frei. Angela Lehner hatte einen Sohn, sein Name: Benjamin, genannt Ben. Infernalischer Lärm in dem Haus, in dem die Lehners eine Eigentumswohnung haben, zerstört nach und nach alles, was ihnen lieb und teuer ist: Ruhe, Lebensfreude, Arbeitsfähigkeit, Gesundheit, das ganze Leben zerbröselte ihnen zwischen den Händen. Als am Ende der kleine Ben Lehner einen fürchterlichen Tod stirbt, gibt es für seine Eltern nur noch einen Gedanken, einen Lebensinhalt: Rache …
Wer nicht glaubt, dass Lärm in Tateinheit mit Gier, Rücksichtslosigkeit und einem totalen Mangel an sozialer Empathie töten kann, sollte Lemmings Zorn lesen. Aber nicht nur deswegen: Wieder einmal zaubert Slupetzky die perfekte Melange aus Wiener Schmäh und toughem Krimiplot, aus schrägen Figuren und abseitigen Episoden aufs Papier. Können Sie sich – nur ein Beispiel! – vorstellen, dass das Rauchverbot in Wiener Gaststätten einst Stefan Zweig und Sigmund Freud «wie räudige Hunde» hinaus auf die Straße getrieben hätte, um dort fröstelnd und durchnässt die Diskussion um die psychoanalytische Grundierung moderner Literatur fortzuführen? Slupetzky kann!
Für eingefleischte Lemming-Fans beginnt eine harte Zeit. Zwar versucht sich mit Ben ein zuckersüßes Kerlchen in Wien an seinen ersten tapsigen Schrittchen; dafür aber ist an der Vierbeinerfront ein trauriges Ende zu vermelden: Castro, Klaras wunderbarer Leonberger, der jeden Kommissar Rex wie auf ein Würstchen aussehen lässt, stirbt als Kollateralschaden Lemmingscher Aktionskunst und findet seine letzte Ruhestätte unter dem geliebten Nussbaum in Klaras Garten in Ottakring. Ob das der einzige Abgang ist, der uns Schmerz bereitet – darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen …
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Stefan Slupetzky
Rowohlt Digitalbuch
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