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Dorit ist eine Frau mit prächtigen Hüften. Findet Max Krenke, 42. Als ihr langjähriger Ehemann weiß er, wovon er spricht. Es gab Zeiten, da ihn allein der Anblick dieser Hüften in sexuellen Taumel versetzte. Aber tempi passati, Menschen werden älter, das Begehren lodert nach sechzehn Ehejahren nicht mehr ganz so vielfarbig wie im Honeymoon der frühen Verliebtheit. Ein bisschen Auffrischung tut da verdammt gut.
Die Auffrischung heißt Nancy, ist eher blutjung und arbeitet in einem Wellnessschuppen mit dem einladenden Namen Fitness- und Kampfsportstudio Niekisch/Zentrum für Realistische Selbstverteidigung. Im Grunde ihres Wesens ist Nancy Künstlerin, Burlesquetänzerin (was dem Arbeitsfeld einer Nackttänzerin recht nahe kommt). Max im Vollspagat zwischen Dorit und Nancy, das kann ja heiter werden. Wird es auch!
Nach mehreren erfolgreichen Bänden mit Geschichten und Kolumnen, u.a. Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut, war es für Stefan Schwarz höchste Zeit, die Welt endlich mit einem Roman zu beglücken. Hier ist er. Sie werden ihn lieben!
Dorit und Max haben zwei Kinder: Konrad, ein Schwerstpubertierender, schleicht gebeugt wie Lazarus durch diese Phase tückischster Hormonirritation. Und Mascha, die Kleine, die noch ganz viel Muttiduft braucht, die Sache mit ihrem Bruder aber schon perfekt auf den Punkt bringt: «Oh, er hat wieder Pubertät.» Gespräche zwischen Vater und Sohn haben ihren ganz speziellen Reiz. Konrad: «Papa, wie geht Atmen?» Max: «Einatmen, ausatmen, in der Reihenfolge. Halt dich dran und pass auf, dass kein Rauch aus irgendwelchen Tüten dazwischenkommt.»
Die beruflich so toughe Dorit gebietet im Gegensatz zu ihrem Gatten über eine ordentliche Portion Pragmatismus. Ein Merksatz lautet: «Ich bin doch nicht so blöd, mir von meinem Ego mein Einkommen versauen zu lassen.» Begeistert von ihrem aktuellen Leben mit Max ist sie aber auch nicht. Auch wenn er Sachen kann, die andere Männer nicht können, zum Beispiel eine Pho Ca, eine vietnamesische Hühnersuppe, kochen, «die Schusswunden heilen konnte und einen die Gewinnzahlen von morgen träumen ließ». Aber ansonsten? Zu viel Vages Halbgares, Unentschiedenes. Eines können die beiden aber besser als all ihre Freunde: streiten, dass die Fetzen fliegen. Invektiven auf promoviertem Niveau, pointenreich und harpunenscharf; schade nur, dass die Verbalmassaker so selten vor Publikum stattfinden. «Es würde vielleicht einige der Anwesenden irritieren, dass bei uns zwischen freundlichem Prosit und Unterschichtengebell weniger als eine Minute lag, aber wir waren seit fünfzehn Jahren ein Paar, und da fallen beim Streiten schnell mal ein paar Eskalationsstufen einfach weg.»
Max ist ein Mensch, der die Wörter liebt. Im Prinzip nicht schlecht für einen, der als Journalist die Nachmittagssendung eines lokalen TV-Senders zu bestücken hat. Mit seiner türkischen Kollegin Nergez kann er derart freestylemäßig rumassoziieren und schwadronieren, dass dem aknegeplagten Norbert Kruschik am Nachbarschreibtisch die Ohren fast wegfliegen und sämtliche Gehirnwindungen sich verknoten.
Seinen Job findet Max nur mäßig sexy, kein Wunder bei Themen wie manischer Radiergummi-Sammelleidenschaft, der Landesmeisterschaft im Strohballenweitwurf oder temperamentvollen Berichten über die Wahl der Miss Erdbeere oder Miss Meerrettich. Beim Spontaninterview mit der militanten, kettenrauchenden, veganen Genossin Rikki Schroedel, einer Aktivistin der ACA (zum Mitschreiben: ACA = Anarchistische Clown Armee), unterläuft ihm dann ein dummer Reflex: Er beugt sich vor, um ihr beim Herauswedeln einer widerspenstigen Strähne aus der Stirn behilflich zu sein. Shame and scandal in the family! «Sexistischer Überfall eines Fernsehreporters!», titelt der Boulevard. Miese PR für Max Krenke, wo doch alles nur eine unglückselige Verkettung von Umständen war.
Nach diversen Übergriffen, eher Missverständnissen, wird Herr Krenke in eine zeitlich unbefristete Auszeit geschickt, nachdem Ombudsfrau Siegrun Wedemeyer, ein Wesen von wahrhaft talibaneskem Moralkodex, ihn ständiger rhetorischer Übergriffe am Arbeitsplatz bezichtigte. «Schluss mit dem Unterhosenkram» hieß es. Und plötzlich hat Max Zeit, viel Zeit.
Und die nutzt er auf seine Art. In Ramon Niekischs Fitnessbude macht er sich in den folgenden Wochen vormittags im Freihantelgehege vor diversen Fleischbergen zum Affen, die auf Namen wie Meikel, Matze und Rodscher hören (letzterer erwürgt ihn beinahe, weil es im Zusammenhang mit Max mal wieder ein Missverständnis gab: «Schwule Sau, ich mach dich platt, ich klatsch dich auf!»). Hier werden gigantische Lasten an der Hantel weggedrückt, dazu bedarf es auch nicht der kognitiven Kompetenz, mehr als akkurate Dreiwortsätze bilden zu können. Was soll’s, sagt sich Max, schlau bin ich selber. «Ich war nicht Bastian Sick, und Grammatikfehler rissen mir nicht den Meldearm hoch.»
Wer in Nancys Nähe sein darf, nimmt selbst Volldeppen wie Rodscher hin. Nancy hat schokoladenkuvertürebraune Augen. Sie sagt schöne Sätze wie «Sie sind nicht dick. Sie stehen falsch». Sie trägt eng anliegende T-Shirts und Leopardenfellpantoletten. Sie hat den umwerfendsten Hüftschwung des Jahrhunderts. Und sie ist von einer fast schon obszönen Gelenkigkeit. Wer kann sich schon hochkant im Spagat in einen Türrahmen stellen, ohne sofort entzweizugehen? Außerdem ist sie Besitzerin eines Pitbullterriers namens Manfred. Auf den Max, abgelenkt durch die tanzende Burlesque-Elfe, volle Kante drauflatscht. Anstatt bei dem Killercaniden aber den sattsam bekannten Tötungsreflex auszulösen, verzieht sich das massige Viech in den hintersten Winkel der Turnhalle. Manfred ist nämlich ein Schisser, die Schande seiner Rasse …
Und so lassen wir uns von Stefan Schwarz mit allergrößtem Vergnügen Richtung Höhepunkt geleiten. Nancys Auftritt im Paternoster der Wiegend’schen Fabrik (für 300 Euro) ist eine heißerotische For-Max-only-Tanzshow, die dieser nie mehr vergessen wird, der reinste Jungbrunnen …
Schwarz-Leser haben immer was zu lachen! Darüberhinaus macht es ungeheuren Spaß, sich an Stefan Schwarz’ Stilmarotten zu delektieren. Der Leipziger ist ein begnadeter Substantivierer (Komposita!) und Neologist, ein ausgefuchster Wörterschmied vor dem Herrn. Extra für die Duden-Redaktion hat er ein paar Verben kreiert wie losmuttern, springteufeln, verfragwürdigen und beseufzen. Und dann dieser Passus: «Es geht nicht dauernd nur um Sex. Sex ist zwanzigstes Jahrhundert.» «Das hast du schon vom Sinn behauptet.» «Stimmt. Sinn ist auch zwanzigstes Jahrhundert. Probier doch mal was anderes.» Das ist großes Damentennis!