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2003 starb Siri Hustvedts Vater in einem Pflegeheim in Northfield, Minnesota, an einem Lungenemphysem. Wenige Tage vor seinem Tod hatte sie ihn noch einmal besucht, danach von Brooklyn aus mit ihm telefoniert. Bei seiner Beerdigung hielt sie eine Grabrede, «mit fester Stimme, ohne Tränen», es war der Wunsch ihres Vaters. Zweieinhalb Jahre später hielt sie auf dem Campus des St. Olaf College in seiner Heimatstadt, wo Lloyd Hustvedt lange gelehrt hatte, eine weitere Rede zu Ehren ihres Vaters; da passierte es zum ersten Mal, dass sich ein unkontrollierbares Zittern ihrer bemächtigte.
Seither setzt sich die mit Paul Auster verheiratete New Yorker Schriftstellerin mit dem Phänomen auseinander – mit der Geschichte ihrer Nerven, mit dem komplexen Wechselspiel von Geist, Psyche und Körper, mit der Frage aller Fragen: Woher kommen wir, wohin gehen wir, wer sind wir? Die zitternde Frau ist Siri Hustvedts persönlichstes Buch: das beeindruckende Dokument einer Suche nach dem, was uns im Innersten zusammenhält.
«Ich fühlt’ den Spalt in meinem Geist, / als wär’ mein Hirn zerteilt», heißt es in dem Gedicht von Emily Dickinson, das Hustvedt ihrem Buch voranstellt. Was sie in dem Moment fühlte, als sie an der Alma Mater ihres Vaters mit ihrer Rede beginnen sollte, beschreibt sie so: «Selbstsicher und mit Karteikarten versehen, blickte ich über die etwa fünfzig Freunde und Kollegen, die sich rund um die zu seinem Gedenken gepflanzte Nordische Fichte versammelt hatten, öffnete den Mund zu meinem ersten Satz und begann vom Hals an abwärts zu zittern. Meine Arme zuckten. Die Knie knickten ein. Ich zitterte so stark, als hätte ich einen Krampfanfall. Komischerweise war meine Stimme nicht betroffen» (weshalb es ihr auch gelang, mit einem ungeheuren Kraftakt die Rede fortzusetzen). Bei ihrer Mutter stellte sich der Eindruck ein, als wohne sie «einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl» bei.
Bereits 1982, beim Besuch einer Galerie in Paris, hatte sich das Zucken und Zittern ihres Körpers schon einmal ereignet, Auftakt einer quälenden «brutalen Migräne», die sie erst nach einem Jahr, zahllosen Arztbesuchen, Untersuchungen im Mount Sinai Medical Center und einem furchterregenden Medikamentencocktail einigermaßen in den Griff bekam. «Mein Arzt gab dem einen Namen – vaskuläres Migränesyndrom –, aber wieso ich ein erbrechender, jammervoller, flachgelegter, verängstigter, UNGEHEURER Kopfschmerz geworden war, ein Humpty Dumpty nach seinem Sturz von der Mauer, konnte niemand sagen.»
Kein Zufall also, dass im Zentrum von Hustvedts jüngstem Roman Die Leiden eines Amerikaners ein Psychiater und Psychoanalytiker steht, Erik Davidsen, «mein imaginärer Bruder». Kein Wunder auch, dass sie sich über die Jahre ein stupendes Wissen in diversen Spezialdisziplinen erworben hat (und beeindruckend verständlich darüber schreiben kann): Neurologie, Psychiatrie, Psychoanalyse, Pharmakologie, Biofeedback, Neuropsychoanalyse, Aura- und Schmerzforschung. In diesem Buch kann man ungeheuer viel lernen über Hysterie, Epilepsie und verwandte «dissoziative Störungen»; wichtiger noch ist die Konfrontation mit den zentralen Fragen unserer Existenz – wer wir sind, wohin wir gehen, was uns als Menschen ausmacht, wie Krankheit uns (ver)formt.
Aber all ihr Wissen hilft ihr nicht, eine Struktur in den Wechsel von Zittern und Nicht-Zittern zu bekommen. Wieso überfällt sie bei einem Literaturseminar in Key West das «Schlottern», die «demütigenden Krämpfe» hinterrücks und unerwartet, obwohl sie den gleichen Vortrag ein paar Monate früher ohne Probleme am New Yorker Presbyterian Hospital im Rahmen des Programms Narrative Medizin halten konnte? Sie tappt im Dunkeln; das irritierende Gefühl einer Dualität in ihrem Innern – das Ich und das Andere – will sich nicht verflüchtigen. Eine Panikstörung? Ein Gefühl von Todesnähe, ausgelöst durch den Verlust eines geliebten Menschen? Eine Folge extremer Empathie?
Für letztere Hypothese könnte Siri Hustvedts ausgeprägte Berührungs-Synästesie sprechen («bei der jemand durch bloßes Beobachten am eigenen Leib spürt, wenn eine andere Person berührt wird oder Schmerzen leidet»), im Gegensatz zur Farb-Synästhesie ein eher seltenes Phänomen. Irgendwann macht sie eine überraschende Entdeckung – dass sie nicht die einzige Hustvedt mit auditiven Halluzinationen war: «Offenbar liegt das Phänomen in der Familie. Mein Vater, drei von uns vier Schwestern und meine Tochter, alle hören Stimmen oder haben welche gehört.»
Siri Hustvedt hat gelernt, mit dem Kopfschmerz und dem Zittern umzugehen. Mehr als jedes Medikament hilft ihr dabei eines: Akzeptieren, dass sie diese Probleme hat, bereit sein, sie in ihr Leben zu integrieren. «Leider wird mein Leben im Grenzgebiet der Kopfschmerzen gelebt. An den meisten Tagen wache ich mit Migräne auf, die nach dem Kaffeetrinken abklingt, aber es vergeht kaum ein Tag ohne irgendeinen Schmerz, ein paar Wolken im Kopf, erhöhte Empfindlichkeit gegen Licht, Geräusche. Luftfeuchtigkeit. Fast jeden Nachmittag lege ich mich hin und mache meine Biofeedback-Übungen, die mein Nervensystem beruhigen. Die Kopfschmerzen sind ich, und das zu begreifen war meine Rettung. Vielleicht besteht der nächste Trick darin, auch die zitternde Frau zu integrieren, mir einzugestehen, dass auch sie Teil meiner selbst ist.»