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Siri Hustvedt: Die Leiden eines Amerikaners

© Peter Peitsch / peitschphoto.com

Eine berührende Familiengeschichte, ein Buch voller Rätsel, eine Reise in die dunklen Regionen unserer Seele: Siri Hustvedt erzählt in ihrem Roman von einem Jahr im Leben zweier Geschwister – einem Jahr der Geheimnisse, in dem ans Licht kommt, was lange verdrängt war.

«Traumhaft und zugleich traumwandlerisch wirken Siri Hustvedts Texte. Diesen Roman muss man einfach in einem Zug lesen. Die Lektüre unterbrechen hieße aus einem faszinierenden Traum gerissen zu werden.» (NDR Kultur) Ihr neuer Roman zeigt in aller Deutlichkeit, wie intensiv sich die norwegischstämmige Amerikanerin mit Neurologie, Linguistik und Psychoanalyse beschäftigt hat – und noch beschäftigt, theoretisch wie praktisch. Siri Hustvedt ist Mitglied der Gruppe «Hope for Depression», und sie engagiert sein längerem an der New Yorker Payne Whitney Nervenklinik, wo sie Schreibkurse für Patienten gibt.

Mit Siri Hustvedt sprach Iris Alanyali. Wir dokumentieren Auszüge des Gesprächs; in voller Länge ist es in der Rowohlt Revue 85 nachzulesen.

DAS INTERVIEW

Die Leiden eines Amerikaners ist ihr bislang persönlichstes Buch – vor allem, weil Sie Texte Ihres Vaters Lloyd Hustvedt verwendet haben: Erik, die Hauptfigur, liest Aufzeichnungen seines toten Vaters Lars Davidsen, der, wie Ihr Vater, ein Sohn armer norwegischer Einwanderer und Skandinavistik-Professor war.
Ja, ich habe das Buch aus Trauer um meinen Vater geschrieben.

… der vor vier Jahren starb.
Er hatte seine Erinnerungen für Freunde und Bekannte aufgezeichnet, und ich fragte ihn, ob ich Teile davon für ein Buch verwenden dürfe. Da wusste ich schon, dass er sterben würde. Indem ich anfing zu schreiben, habe ich mich sozusagen auf seinen Tod vorbereitet.

Trotzdem haben Sie das Buch aus der Perspektive eines männlichen Ich-Erzählers geschrieben.
Ja, Erik ist mein imaginärer Bruder. Auf diese Weise musste ich mein Verhältnis zu meinem Vater nicht direkt zu Papier bringen. Das ist das Schöne am Romaneschreiben: Manchmal erfährt man mehr über sich, wenn man sich in jemanden anderen hineinversetzt.

Träume, Traumata, Erinnerungen

Der Roman ist eine Familiengeschichte voller Geheimnisse. Erik, ein New Yorker Psychoanalytiker, stößt gemeinsam mit seiner Schwester Inga nicht nur auf ein Geheimnis aus der Jugend seines Vaters, sondern muss sich auch mit dessen Kriegstrauma auseinandersetzen. Nebenbei verstört ihn seine schöne neue Untermieterin Miranda, die mit ihrer kleinen Tochter eiin Stockwerk tiefer wohnt. Inga wiederum stößt außerdem auf eine bittere Wahrheit in der Vergangenheit ihres verstorbenen Ehemanns. Die Geschwister kommen aus dem Analysieren gar nicht mehr heraus!
Allerdings. Das Buch handelt schließlich davon, wie unsere Erinnerung funktioniert und wie wir mit Träumen und Traumata umgehen.

Träume seien ein wichtiger Bestandteil unserer Geschichte, sagt Erik einmal. Darin drängen wir in einen höchst emotionalen Teil unseres Ichs vor und schafften Bedeutungen innerhalb unserer Erinnerungen. Ein Trauma hingegen nennt er «das, was wir nicht in unsere Geschichte haben wollen».
Genau, Träume sind Bestandteil unserer Realität, nur auf einer anderen Ebene. Traumata dagegen fallen aus dem Erzählstrang, den wir unser Leben nennen, heraus. Das Erinnerungsvermögen geht anders mit ihnen um, sie sind vielleicht sogar in einem anderen Teil unseres Hirns gespeichert. Und sie kehren auf andere Weise zurück: Wir rufen sie uns nicht wie normale Erinnerungen auf, sie stürzen wie eine Flut über uns herein.

Fanatisch an Psychologie interessiert

Die Geschichten, die der Roman erzählt, sind sehr persönlicher Natur. Doch mit einem Trauma, unter dem Ingas Tochter Sonia leidet, werfen auch die Ereignisse des 11. September 2001 einen Schatten auf das Leben der Figuren.
Mir erscheint das völlig selbstverständlich. Man kann kein Buch über Traumata schreiben, das nach jenem 11. September in New York spielt und dies Ereignis einfach ignoriert. Es war mir aber wichtig, 9/11 nicht als einzigartige New Yorker Erfahrung zu fetischisieren, sondern sie einzubinden in den Strom von traumatischen Ereignissen, die Menschen widerfahren.

Sie sind mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet, Ihre gemeinsame Tochter Sophie ist Musikerin. Wie haben wir uns die Abendessen im Hause Hustvedt/Auster vorzustellen, ein bisschen so wie im Familienleben der Roman-Geschwister Davidsen? Alle sind ungeheuer selbst«bewusst», und zwischen Suppe und Braten werden die Ereignisse des Tages interpretiert und die neuesten Träume analysiert.
Ich bin diejenige, die so fanatisch ist. Obwohl Sophie sich auch für Psychologie interessiert und sich unglaublich gut an ihre Träume erinnern kann – viel besser als ich! Paul interessiert sich für alles Mögliche, aber nicht so sehr für Psychoanalyse. Der arme Mann musste sich während meiner Arbeit am Roman dermaßen viel über Hirnforschung anhören – ich bin fast besessen davon! Aber er sagt netterweise, es sei sehr interessant gewesen, und er habe viel von mir gelernt …