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Eine Ehekrise hat die New Yorker Dichterin Mia aus der Bahn geworfen. In ihrer Heimatstadt in Minnesota will sie ein neues Leben beginnen. Der Sommer ohne Männer zeigt Siri Hustvedt von einer ungewohnten Seite – verspielt und äußerst komisch. Iris Alanyali sprach in New York mit der Autorin.
Eine betrogene Ehefrau, die gestärkt aus der Krise hervorgeht und lebenskluge Freundinnen findet, ein paar skurrile Alte und ein paar gemeine Highschool-Girls – fast könnte man «Der Sommer ohne Männer» als die Sorte Unterhaltungsroman bezeichnen, die Amerikaner «Chick Lit» nennen, «Hühnerliteratur»…
… entschuldigen Sie bitte, aber diesen Begriff weise ich entschieden von mir! Sind alle Romane mit weiblichen Hauptfiguren chick-lit? Gibt es Kerle-Literatur? Ich habe vor kurzem eine Frau getroffen, die mir erzählte, sie lese aus Prinzip keine Romane, die von Frauen geschrieben sind. Nur aufgrund einer nachdrücklichen Empfehlung habe sie es mit einem meiner Bücher versucht. Sie liebte es – aber deshalb finde ich ihr Vorurteil nicht weniger dumm.
In Der Sommer ohne Männer wird die 55jährige New Yorker Dichterin Mia von ihrem berühmten Ehemann für eine Jüngere verlassen und landet für kurze Zeit in einer Nervenheilanstalt. In Ihrem letzten Roman Die Leiden eines Amerikaners verarbeiteten Sie den Tod Ihres Vaters, Die zitternde Frau beschreibt eine Nervenkrankheit, unter der Sie litten – jetzt fragen wir uns natürlich sorgenvoll: Wie autobiographisch ist Ihr jüngstes Buch? Ist alles in Ordnung bei unserem New Yorker Traumpaar Siri Hustvedt und Paul Auster?
Die Idee zu dem Roman kam von all den wahren Geschichten über Männer, die aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung und Erklärung, ihre Frauen für eine Andere verlassen. Mein Mann hat mich nie verlassen. Ich habe meinen Mann nie verlassen. Ich war auch noch nie als Patientin in einer psychiatrischen Klinik. Mia ist eine Romanfigur. Ich habe keine Ahnung, woher sie auftauchte, aber als ich erst einmal eine Stimme für sie gefunden hatte, floss sie nur so aus mir heraus. Ich hatte eine wunderbare Zeit als Mia!
Und Mia hat eine ziemlich wunderbare Zeit in ihrer Heimatstadt Bonden in Minnesota, wohin sie nach ihrem Nervenzusammenbruch flieht. Sie selbst stammen aus Northfield, Minnesota …
… und wie Mias Mutter lebt meine Mutter dort in einem Seniorenheim. Für die fünf alten Damen, die Mia kennenlernt und «die Schwäne» nennt, habe ich mich von einigen Mitbewohnerinnen meiner Mutter inspirieren lassen.
In dem Roman geht es ja nicht nur um Beziehungen zwischen Geschlechtern, sondern auch zwischen Generationen. Mia fährt nach Bonden, um ihrer Mutter nahe zu sein, und schließt Freundschaft mit den «Schwänen», besonders Abigail, die subversive Stickereien anfertigt, idyllische Motive voller erotischer Anspielungen.
Wie Mia fahre ich sehr gerne nach Northfield zurück, und wie Mia verstehe ich mich ausgezeichnet mit meiner Mutter. Northfields so vertraute Straßen und Häuser erinnern mich an meine Kindheit, aber ohne Wehmut. Ich bin gerne erwachsen, und es macht mir nichts aus, fast 56 zu sein. Im Gegenteil, ich freue mich auf weitere Abenteuer in meinem Leben und in meinen Romanen.
Interessanterweise beginnt der Roman nach dem Zusammenbruch, also nach einem wichtigen Einschnitt in Mias Leben, und ist nicht der dramatische Höhepunkt dieser Geschichte einer Ehekrise.
Das ist sehr richtig. Ich wollte mit dem Buch versuchen, einen Aufbruch zu beschreiben – eine Unterbrechung, eine Pause zwischen zwei Arten zu leben.
Mia und Boris, ein berühmter Neurowissenschaftler, sind dreißig Jahre verheiratet. Mias Problem ist nicht nur, dass Boris’ Affäre zwanzig Jahre jünger ist als sie und einen deutlich größeren Busen hat, sondern die Tatsache, dass ihr Leben, ihr Fühlen und Denken nach dieser langen Zeit so eng mit Boris verwoben sind. Das, was man als Zeichen einer glücklichen Ehe deuten könnte, diese Verschmelzung mit dem Partner, wird Mia zum Fluch: «Beinahe inzestuös» nennt sie es einmal selbstkritisch.
Und jetzt verändert sie sich allmählich, sie entwickelt sich weiter. Schon allein, weil sie in Bonden unterschiedliche Quellen entdeckt, aus denen sie Lebensglück schöpfen kann. Ihre Trauer und ihre Wut verebben, während sie sich mit anderen Menschen beschäftigt – Menschen, die anwesend sind, nicht abwesend.
Wir erleben Mia keineswegs als Wrack, sondern als eine kluge, ironische und eigentlich sehr lebenslustige Frau. Mias Nervenzusammenbruch ist eine vorrübergehende psychotische Störung, das so genannte Durchgangssyndrom. Nach anderthalb Wochen konnte sie wieder entlassen werden. Benötigte Mia den Zusammenbruch, um sich zu befreien?
Das ist eine sehr tiefgehende Frage. Der englische Psychoanalytiker D.W. Winnicott hat die Angst vor einem Nervenzusammenbruch und seine Notwendigkeit vielleicht am besten beschrieben. Er war der Ansicht, dass manche Menschen erst zusammenbrechen müssen, bevor sie heilen. In einem Aufsatz schrieb er: «Die Patientin kam und brauchte zwei Jahre, um zusammenzubrechen und so krank zu sein, wie es für sie notwendig war.» Ich habe Mia eine psychische Krankheit verliehen, die von extremem Stress ausgelöst werden kann, einer Scheidung oder einem Todesfall etwa, oder wenn man Zeuge eines schrecklichen Unfalls wird. Es ist außerdem eine Krankheit, von der man sich komplett und ohne Folgen erholen kann.
In den Leiden eines Amerikaners ging es um einen Psychoanalytiker, in «Die zitternde Frau» um Ihre Nervenkrankheit. Auch in «Der Sommer ohne Männer» spielen Psychoanalyse, Hirnforschung und Neurowissenschaft eine zentrale Rolle. Haben Sie jemals daran gedacht, sich ein unkompliziertes Hobby zuzulegen?
Ich werde weiterhin das Verhältnis von Geist und Hirn studieren. Demnächst wird ein Aufsatz von mir über Erinnerung, Gefühl und Gehirn in der Fachzeitschrift «Neuropsychoanalysis» veröffentlicht. Die Wiener Sigmund-Freud- Privatstiftung hat mich dazu eingeladen, im Mai die diesjährige Siegmund-Freund-Vorlesung anlässlich von Freuds Geburtstag zu halten. Ich werde über Subjektivität und Intersubjektivität in Kunst und Wissenschaft sprechen. Nächstes Jahr halte ich in Florenz einen Vortrag über «Psyche, Soma, Pneuma». Mein Interesse geht also weit über eine Beschäftigung mit meinen eigenen Nerven hinaus. Es ist ein leidenschaftliches intellektuelles Interesse, das ich weiterzuverfolgen gedenke.
Können Sie überhaupt noch umgangssprachlich davon reden, dass Ihnen jemand «auf die Nerven geht» oder Sie «verrückt» macht, oder haben diese Redewendungen ihre Unschuld verloren?
Zum Glück kann ich Mitgliedern meiner Familie sehr wohl noch sagen, dass sie mich wahnsinnig machen, ohne deshalb bei mir selbst gleich Geistesschwäche diagnostizieren zu müssen. Und trotz meines Interesses für Neurologie versuche ich, mit Freunden und Familie nicht zu oft darüber zu sprechen. Was schon deshalb ziemlich einfach ist, weil die meisten Nicht-Fachleute keine Ahnung haben, von was zum Teufel ich da rede.
Eigentlich ist dieser Sommer doch voller – wenn auch abwesender – Männer, über die nachgedacht oder geredet wird. Da ist nicht nur Boris: Mias Nachbarin streitet sich ständig mit ihrem Ehemann, und auch in Abigails Vergangenheit spielt eine männerdominierte Gesellschaft keine besonders rühmliche Rolle.
Wir leben in einer Welt voller Männer und Frauen. Wir sind alle Kinder eines Mannes und einer Frau. Es wäre ziemlich eigenartig, sich nur mit einem Geschlecht zu beschäftigen. Außerdem leben wir immer noch in einer sehr patriarchalischen Kultur, in der Männer mehr Macht haben als Frauen. Patriarchalische Formen verschwinden nicht, nur weil die Männer gerade nicht da sind. Auch wenn in den USA und Europa unverhohlener Sexismus sehr viel weniger toleriert wird als früher, sind Vorurteile gegenüber Frauen noch lange nicht verschwunden.
Im Roman zitieren Sie ein paar haarsträubende Beispiele aus der Wissenschaft. Die Überzeugung einiger Forscher Ende des 18. Jahrhunderts etwa, wonach Denken für Frauen schädlich sei, weil diese «umfangreiche Hirntätigkeit alle anderen Organe» auslauge und damit die Fortpflanzung gefährde.
Und es gibt genug Beispiele aus der Gegenwart!
Mia mokiert sich über einige zeitgenössische – männliche – Hirnforscher, die mit ihren Untersuchungen erklären zu können meinen, weshalb es viel weniger weibliche Mathematiker, Piloten und Maschinenbauingenieure gebe. Dabei würden Gene, so Mia, doch von der Umwelt bestimmt, und das Gehirn sei plastisch und dynamisch: «Es entwickelt und verändert sich mit der Zeit unter dem Einfluss dessen, was da draußen ist.»
Man muss schon dumm und taubstumm sein, um zu nicht zu erkennen, dass wirkliche Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern noch eine ziemlich unvollkommene Angelegenheit ist. In Der Sommer ohne Männer geht es nicht zuletzt um Unterschiedlichkeit im philosophischen Sinne: Wann und wie verändert man sich? Was ist Veränderung? Ich behaupte: Die Ähnlichkeit zwischen Männern und Frauen ist größer als ihre Unterschiedlichkeit.
Aus: Rowohlt Revue 91. Das Interview führte die New Yorker Autorin Iris Alanyali.)