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Simone Solga: Mein Leben als Kanzlersouffleuse

© ullstein bild. Boness/Ipon; Asja Caspari

Sie wollen ein paar Tage vor der Bundestagswahl noch rasch kapieren, wie Politik, die ganz große Politik wirklich funktioniert? Warum die Merkels und Steinmeiers, die Westerwelles und Lafonatines das sagen, was sie sagen? Im Falle von Angela Merkel ist das ganz einfach: Sie hat tatsächlich den berühmten kleinen Mann im Ohr, pardon: die kleine Frau. Die hört auf den Namen Simone Solga, und dürfte dem einen und der anderen als Ensemblemitglied der Leipziger Pfeffermühle und der Münchner Lach- und Schießgesellschaft bekannt sein. Hier erleben wir sie in ihrer Glanzrolle: als Souffleuse der Kanzler Schröder und Merkel. Waidmanns Heil, die Treibjagd ist eröffnet!

Jeder, der einmal im Theater war, weiß, was eine Souffleuse ist. Sie liest den Text flüsternd mit und kann Schauspielern einsagen. Wozu ein Kanzler da ist, weiß bei uns auch schon jedes Kind: «In den Aufgabenbereich des Bundeskanzlers gehört die regelmäßige oder auch impulsive Erhöhung von Tabak-, Mineralöl- und Märchensteuer.» Da Politiker meist elend schlechte Schauspieler sind, arbeiten Souffleure und Souffleusen in der Politik unter höchstem Stress. Nicht umsonst ziert das Anforderungsprofil neben klarer Aussprache und schnellem Reaktionsvermögen auch die «Fähigkeit zur geschmeidigen Meinungsanpassung» …

«Sie spielte Cello …»

Wie man Kanzlersouffleuse wird? Nun, es gibt weder einen Königsweg in diese Traumposition noch einen normierten Ausbildungsweg. Bei Simone Solga lief das so: Als gelernte Cellistin trat sie karrieremäßig auf der Stelle; kleine Engagements auf Avantgardefestivals, wenig Kohle. Kein Wunder bei ihrem Ruf als Spezialistin für die Sauerländer Fuge: «ein atonales Werk des Plettenberger Komponisten Rüdiger Havelkamp, der zu Recht nur selten gespielt wird.» Dazu mit Mario einen Lover an ihrer Seite, der sich beruflich als Denkmal eingerichtet hatte: «Für Nichtstun Geld kriegen! Einfach dastehen und nicht sprechen. Herrlich!» Da kam der Anruf von der Künstleragentur gerade recht: «Du spielst mit deinem Cello vor dem Kanzler.» – «Wie jetzt!? Im Kanzleramt? Vor dem Kanzler?»

«Nein, in Bitterfeld. Bevor der Kanzler kommt. Da wird das Bitterfelder Spaßbad eröffnet. Ein Meilenstein beim Aufbau Ost.» Und «Mönchen» soll in Neufünfland die Nationalhymne vergeigen, im Bitterfelder Spaßbad. «Eine dieser klassichen Ostinvestitionen. Ausgelegt für 25.000 Leute. Pro Tag. Tropenraum, Seegang, echte Piranhas, um die Authentizität zu steigern. Solche Projekte braucht der Osten!» Simone ist nicht recht bei der Sache, spielt «Auferstanden aus Ruinen», um dann gerade rechtzeitig noch die Kurve zum «Deutschlandlied» zu kratzen. Und dann passiert das Wunder. Schröder, fahrig bis zur präsenilen Geistesverwirrung (wo bin ich? was tu ich hier? wie komm ich hier raus?), kommt ins Stottern – und greift instinktiv einen Nonsense-Satz mit Endreim auf, den Simone aus alter Gewohnheit gerade vor sich hinplappert: «Na ja, heute ist nicht alle Tage. Ich komm wieder, keine Frage.»

Flüsterer der Macht? Pannendienst für den Kanzler!

Ein Satz, der Geschichte schreibt» (weil er Schröder endlich wieder zum Wahlkampftier werden lässt) – und der ihr auf Vermittlung von Münte den Job als Kanzlersouffleuse bringt: «Frau Solga, ich sage es offen, klare Kante, ganz direkt, ohne Schnörkel, Ihr Reim hat uns aus der Defensive gebracht.» Das Ganze wird vom Boulevard zum «Ruck von Bitterfeld» geadelt. «Der Hans» (also der Hans Eichel) nickt die Honorargeschichte ab, und schon ist aus der chronisch unterbeschäftigten Cellistin aus Leipzig-Gohlis eine seriös bezahlte Kanzlersouffleuse geworden.

Und Mönchen/Mone/Simone macht ihren Job «beim Gerd» richtig gut. Sie peitscht ihn nach vorn zu rhetorischen Höchstleistungen, bändelt mit seinem 2-Meter-Bodyguard Vitali ab, einem persönlichen Gastgeschenk Putins an seinen Männerkumpel Schröder. Und sie doubelt sogar Kanzlergattin Doris bei einem China-Besuch («Wollen Sie meine Frau werden, Frau Solga?»). Bis ihr – ausgerechnet bei einer Münte-Rede! – ein fataler Einflüsterfehler unterläuft («Jawoll! Neuwahlen!»), der den Sozialdemokraten die Wahl und sie die Anstellung kostet.

Schröder war gestern –/b> heute ist Merkel! Das gilt auch für Frau Solga. Kaum von der SPD auf die Straße gesetzt, schon von Angie adoptiert – von der mächtigsten Frau Deutschlands «mit ihrem beinahe mädchenhaften Blick, ihrem manchmal fast hilflosen Lächeln und ihrem unerbittlichen Charme, jede Intrige gegen sie auszusitzen, als handele es sich um einen harmlosen geschwisterstreit.» Das muss der Eros der Macht sein! Aber ob Schröder oder Merkel: Soufflieren in der Politik ist harte Arbeit. «Politiker können doch nicht immer gestochen scharf formulieren – das sind doch keine Fußballspieler!»

Blutgrätsche Trittin, Sozischreck Glos

Es sind die entzückend dreisten Schlenker, die einen beim Lesen ständig laut auflachen lassen. Es muss ja nicht immer allzu politisch korrekt zu gehen. Wir werden Zeuge, wie bei einem Testspiel der Bundestagsfußballauswahl gegen das Parlamentsteam von Kasachstan der grüne Trainer von Westerwelle & Co. mal so richtig Gas gibt: «Jetzt lasst euch den Ball doch nicht von diesen kasachischen Atomtestmutanten abluchsen! Wer hält denn jetzt diesen Mongolen auf? Ja, Trittin, tritt ihn! Super … Hehe, seitdem wir Grünen in unserem Programm Kampfeinsätze zulassen, spielt der viel unbefangener. Obwohl er eine Zeitlang immer im Anzug spielen wollte. Haben Sie die Blutgrätsche gesehen, das macht er einzigartig.»

Oder die grauenvollen Polit-Talkshows, zu denen Frau Solga qua Funktion immer wieder an der Seite von Frau Merkel hinmuss. «Alles untote Wiedergänger. Und dann das Bundeskabinett. Michael Glos! Mit einem Gesichtsausdruck, der sagt: ‹Eigentlich wollte ich ja Pferdemetzger werden. Aber dann hat Papi gesagt: ‹Junge, bei deinem Gesicht werden die Pferde scheu – geh lieber in die Politik und erschreck da die Sozis!› So wie Pastor Hintze. Ich hatte den schon so verdrängt, ich hätte vm Gfeühl her gesagt, der Name stammt aus der Zeit der Reformation. Luther, Müntzer und Hintze.»