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Simon Winder: Germany, oh Gemany

© Andreas Weber / istockphoto.com

Künstler, Krieger und gekrönte Häupter: Ein Brite auf Sightseeingtour duech die deutsche Geschichte: geistreich, amüsant und erfrischen respektlos. «Simon Winder dürfte der ERste sein, dem es gelingt zu zeigen, dass Deutschland nicht weniger Spaß macht als Frankreich oder Italien.» (Evening Standard) - «Ein brillantes Friedensangebot an die Deutschen.» (Financial Times)

Was müssen das für Zeiten gewesen sein! Als Germanien, diese «primitive, waldreiche, trostlose Region noch von unsteten, mordlustigen, halb-anarchischen Gesellen» bewohnt war. Als im 30-jährigen Krieg der «blutbesudelte, berserkerhafte» Katholik Tilly Protestanten abschlachtete und die protestantischen Schweden gleichermaßen «von den Helden zur Landplage» mutierten. Oder als die Landkarte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aussah, als sei «eine Puzzlefabrik explodiert».

Aufregende Epochen waren es. Und ausgerechnet ein Engländer versteht es wie kein anderer, sie den Lesern nahe zu bringen – anschaulich, amüsant, respektlos und mit spürbarer Sympathie für die Deutschen. Was ging in den Köpfen der Landesherren vor, fragt er, als sie «säckeweise tropischen Müll» sammelten. Wie sah der Alltag der Untertanen im Biedermeier aus? Und warum konnte Lego, dieses «durch und durch posthanseatische Spielzeug» nur aus dem Ostseeraum kommen?

Very british, very amusing …

Simon Winder, Cheflektor beim renommierten Penguin Verlag, ist kein ausgewiesener Historiker und er spricht fast kein Deutsch. Aber er kennt dieses Land und seine Vergangenheit besser als, sagen wir ruhig, neunzig Prozent aller Deutschen. Jahrelang ist er herumgefahren, hat Büßertreppen erstiegen, Gruften erkundet, Kuriositätenkabinette durchstöbert und dabei vergessene Denkmäler und Bilder entdeckt, an denen er seine Geschichten und Analysen festmacht.

Im Plauderton gelingt es ihm, sowohl die großen Züge der europäischen Historie herauszuarbeiten als auch immer wieder kleine Glanzlichter zu setzen. Karl der Große? «Der Schläger der Deutschen, dessen Kernkompetenz darin lag, mit sagenhaftem Eifer tote Sachsen aufzustapeln». Die späten Habsburger? «Ein erstaunlicher Haufen von Weicheiern.» Eichendorff? «Einer von den netten Preußen». Auch Goethe, ETA Hoffmann oder Sybille Merian haben ihren Auftritt, Deutschlandtypisches wie Wälder, Wölfe und Wandern
wird kurz gestreift und Bruno Schmitz, der das Leipziger Völkerschlachtdenkmal verbrochen hat, als «der schlimmste Architekt der Welt» abgewatscht.

Dieses arme, gebeutelte Deutschland! Wie lange es nur dauerte, bis zusammenwuchs, was ja gar nicht zusammengehörte. Und was dann daraus geworden ist: «Ein ethnisch vollkommen durchmischtes Fundbüro, in dem man nach ‹reinem Blut zuallerletzt suchen sollte.»

Autoreninfo

Simon Winder, 1963 in London geboren, ist Cheflektor beim renommierten Penguin Verlag. Englischen Lesern ist er seit seinem Buch «The Man Who Saved...
mehr über den Autor
Germany, oh Germany!

Winders unterhaltsame Geschichtsschau ist weder kompakte Übersicht noch umfassendes Standardwerk. Nichts weiter will sie sein, als der ganz persönliche Rückblick eines kundigen, eigensinnigen und respektlosen Kopfes: Wie wurden sie eigentlich, was sie sind, diese Deutschen?

Bis zu der «trügerisch herrlichen Luftblase» der Zwanziger Jahre in Berlin, dem «Märchenland der Verworfenen», reicht seine historische Tour de force. 1933 bricht er ab: «Anekdoten erzählen und herumwitzeln geht jetzt nicht mehr». Ein Gentleman weiß, wann Schluss mit lustig ist.

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Peter Mahrholz)