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Simon Becketts Thriller Tiere ist ein gruseliges Buch, erschütternd und tieftraurig. Die Geschichte lässt einen einen am Ende wie zerschlagen zurück – obwohl es weder um einen besonders perfiden Mord, noch um ein von Häme, Gier oder zügelloser Brutalität geprägtes Verbrechen geht. Als Leser ist man irritiert, wie man für Nigel, dieses «Monster mit menschlichem Antlitz» (Simon Beckett), gewisse Sympathien hegt. Eine armselige Kreatur, von Gott und der Welt verlassen, verwirrt und desorientiert – und doch einer, der sich zum Richter über Leben und Tod aufschwingt … Für Tiere, seinen zweiten Kriminalroman (die Originalausgabe erschien bereits 1995), erhielt Beckett den «Marlowe» der Raymond-Chandler-Gesellschaft für den besten internationalen Kriminalroman.
Nigel ist ein eher simpel gestrickter Typ. Nicht allzu helle im Kopf, scheu und verklemmt. Nach dem Tod seiner Eltern ist er in dem Pub The Brown Bear einfach wohnen geblieben, das sie betrieben hatten. Er hat einen schlecht bezahlten Job im Arbeitsamt, als Mädchen für alles ist er fürs Kopieren und einfache Botengänge zuständig. Auch Karen und Cheryl arbeiten im Amt; speziell die rundliche Cheryl mit dem freundlichen Gesicht löst heiße Gefühle in Nigel aus. Mit seinem Leben ist er ganz zufrieden, er hat zu tun, er ist unter Leuten. Und er hat seinen Keller. «Nachdem ich die Kellerabteile mit Gittern versehen hatte, fand ich es zu schade, sie leerstehen zu lassen …»
Nein, genau genommen wohnt Nigel nicht allein im elterlichen Pub. Unten, eingesperrt in den Verschlägen im alten Kellergewölbe, vegetieren seine Mitbewohner. Für ihn sind es Tiere, sozialer Abschaum, Dreck. Wenn er an sie denkt, denkt er an Sachen, nicht an lebendige Menschen. Was mit ihnen geschehen soll, weiß er selbst nicht so recht. Er hat sie aus dem Verkehr gezogen, von der Straße weg gekidnappt. Er hält sie mit Hundefutter und Wasser am Leben – über mehr macht er sich keine Gedanken. Um sich abzulenken, schaut er Comics und seine Lieblingsserien im Fernsehen.
Aktuell sind es vier «Tiere», die er unten im Keller hält. Das Alte, das Dicke, das Schwarze, das Rothaarige. Ob es sich um Frauen oder Männer handelt, spielt für ihn keine Rolle. Er sagt nie «er» oder «sie», wenn er von seinen Mitbewohnern spricht, immer nur: ES. Für ihn ist es Vieh, Schmutz, Abschaum. «Erst jetzt, wo ich es hatte, fielen mir die ganz anderen auf, die draußen herumliefen. Wenn ich im Bus saß und aus dem Fenster schaute, sah ich mit einem Mal die ganzen Kanalratten und Landstreicher und Flittchen. Überall sieht man sie betteln und trinken und so weiter. Es sind auch nicht nur alte. Manche sind jünger als ich. Sie arbeiten nicht und sind zu nichts gut. Sie sind nichts weiter als eine Plage.» Und Nigels Aufgabe ist, die Plage einzudämmen durch einen Akt sozialer Hygiene.
«Ihr seid alle Tiere, deswegen seid ihr ja hier …» Becketts Thriller erzählt auf bedrückend stille Art, wie Nigel zu dem wurde, der er ist: das Drama einer emotionalen Verwahrlosung. Der Vater, im Stahlwerk entlassen, als Pubbesitzer zum haltlosen Säufer degeneriert, die Mutter zu schwach, um den Sohn auf andere Pfade zu leiten. Nigel erschlägt, erdrosselt, erschießt niemanden – und doch sterben durch sein Verschulden in den Schreckensverliesen im Keller des Pubs mehrere Menschen. «Das Rothaarige hatte sich nicht gerührt, seit ich es das letzte Mal gesehen hatte. Es hing direkt vor dem Gitter, seine Füße baumelten in der Luft. Seine Strümpfe waren zu einem Seil zusammengebunden und an das obere Gitterkreuz geknotet …»
Die ganze Zeit über glaubt man, die nahende Katastrophe zu spüren. Vor allem, als es zum Besuch von Karen, Cheryl und Pete kommt: Traurigkeit und Tristesse, die nicht mehr zu steigern ist. Sie hängen rum, trinken schales Bier und Tequila, sehen einen öden Porno, machen sich über die Verklemmtheit des Jungen lustig – und stehen am Ende voller Entsetzen vor den Verschlägen in Nigels Unterwelt …