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Der Begriff Aneurysma hatte Ben nichts gesagt. Eine Ader, die anschwillt und dann platzt. Drei Tage noch hielten die Maschinen Sarah am Leben. Als seine Frau starb, war Ben wie erschlagen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, denkt er, als er am Tag nach der Beerdigung ihre Sachen aufräumt. In Sarahs Frisierkommode entdeckt er eine verbeulte Kassette. Als er sie öffnet, erstarrt er vor Schreck. Ein Bündel von Zeitungsausschnitten aus der Daily Mail. Von einem Baby ist die Rede, das direkt nach der Geburt aus einer Londoner Klinik entführt wurde, Steven Cole. Auch die Geburtsurkunde von Jacob, Sarahs autistischem Sohn, liegt in der Schatulle. Beide Jungen sind am selben Tag zur Welt gekommen. Ben wird es eiskalt ums Herz. Eigentlich weiß er es schon in diesem Moment: Jacob ist nicht Sarahs leiblicher Sohn …
Mit seinen Thrillern um den forensischen Anthroologen Dr. David Hunter hat Simon Beckett ein Millionenpublikum in den Bann gezogen. Die Chemie des Todes steht seit sage und schreibe 80 Wochen auf der Taschenbuch-Bestsellerliste. Der Erfolg der Romane basiert – neben brillanten Plots, lebendig gezeichneten Figuren und dem Verzicht auf alle Sensationshascherei – vor allem auf Becketts stupendem Wissen über Forensik, Tatortanalyse und moderne gerichtsmedizinische Verfahren. Die Genauigkeit im Schildern schrecklicher Details ist weniger erstaunlich, wenn man weiß, dass Beckett als Journalist auf der berühmten «Body Farm» des FBI in Tennessee, dem größten forensischen Labor der Welt, hospitieren durfte, dort, wo man alles über Leichen, über die Chemie des Todes, lernen kann.
Obsession, zeigt, dass Beckett es wie kaum ein anderer versteht, seine Leser mit Geschichten zu fesseln, hinter denen komplexe moralische Themen stecken: Fragen nach Legalität und Selbstjustiz, Schuld und Sühne, Rache und persönlicher Verantwortung. Und der Thriller zeigt auch, dass Beckett nicht den Serienhelden Dr. Hunter braucht, um die Spannungsschraube bis zum Anschlag weiterzudrehen. Dabei spielen polizeiliche Ermittlungen hier nur ganz am Rande eine Rolle; eher folgt der Roman einer klassischen Western-Dramaturgie: Zwei Männer, die sich gegenseitig im Weg stehen – zwei Kontrahenten, die sich bis aufs Blut um «etwas» streiten: um einen sechsjährigen Jungen, das autistische Kind Jacob …
Ben quält die Vorstellung, was Sarah zu dem barbarischen Akt der Babyentführung getrieben haben kann. Dass sie selbst damals hochschwanger war, daran besteht kein Zweifel. Aber was ist mit ihrem Kind geschehen? Über die Hebamme Jessica, die Sarahs beste Freundin, erfährt Ben die ganze schreckliche Wahrheit: Sarah hatte auf einer öffentlichen Toilette eine Fehlgeburt; kurz darauf brachte sie einen winzigen Jungen mit nach Hause, als wäre es ihr eigenes Baby. Jessica deckte die Aktion – und aus Steven Cole wurde über Nacht Jacob Murray. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf.
Ein Detektiv wird eingeschaltet, um nach Jacobs leiblichen Eltern zu suchen. Es dauert nur ein paar Tage, bis Mr. Quilley Ergebnisse liefert: John Cole lebt nach seiner Entlassung aus der britischen Armee als Schrotthändler in der Kleinstadt Tunford unweit von London. Seine erste Frau, Stevens Mutter Jeanette, war bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen; mittlerweile ist er mit Sandra verheiratet, einer ehemaligen Prostituierten. Als Ben Cole und dessen Lebensumstände heimlich auszuforschen beginnt, ist er schockiert: «Der Mann war ein durchgeknallter Irrer …» Die Brutalität ist dem stiernackigen Ex-Soldaten ins Gesicht geschrieben; Cole zögert bei der ersten Begegnung mit Ben auch keine Sekunde, seinen scharfen Staffordshire Bullterrier auf den verhassten Konkurrenten loszulassen.
Juristisch stehe er gegen Cole auf verlorenem Posten, das macht Ben die Anwältin Ann Usherwood rasch klar – es sei denn, es gelänge ihm, die Coles als Eltern des autistischen Jungen zu desavouieren. Und genau das will mit der Berufsfotograf mit seiner Kamera dokumentieren – nämlich dass der in seiner eigenen Welt versunkene Junge bei Cole vor die Hunde gehen würde. Jacob braucht wie jedes autistische Kind liebevolle Zuwendung und Sicherheit durch feste Rituale und klare Strukturen. Wie soll Cole in seiner Welt aus Schrott, Hass und Paranoia das dem Sechsjährigen bieten, Cole – ein Soziopath, eine wandelnde Zeitbombe?
Als Jacob duch gerichtliche Verfügung tatsächlich den Coles übergeben wird, liegt Ben in jeder freien Minute im Wäldchen hinter dem Haus auf der Lauer. Was er dort hört und sieht, lässt sein Blut gefrieren. Eine Katastrophe bahnt sich an. Cole oder er – ein Duell auf Leben und Tod nimmt seinen Lauf ...