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Serdar Somuncu: Der Antitürke

© picture-alliance/ZB, Fotograf: Peter Förster

Er ist einer, der rabiate Etikette wie «Bullterrier des deutschen Kabaretts» oder «Prophet der Provokation» wie von selbst auf sich zieht: Serdar Somuncu, 1968 in Istanbul geboren. Nach dem Studium von Schauspiel, Musik und Regie in Maastricht und Wuppertal inszenierte er mehr als 100 Theaterstücke, bevor er mit ersten eigenen Programmen durch die Republik zu ziehen begann. Als er 1996 das erste Mal mit einer szenischen Lesung aus Hitlers Mein Kampf auf die Bühne stürmte, merkte ganz Deutschland auf: Hoppla, ein Türke, pardon: Deutschtürke, der aus dem Unbuch schlechthin rezitiert! Mehr als 250.000 begeisterte Zuschauer und Zuhörer wurden Zeugen der komisch-groresken Dekonstruktion eines deutschen, pardon: deutsch-österreichischen Massenmörders. Alt- und Neonazis ist Somuncu seither so verhasst, dass er nicht selten mit kugelsicherer Weste auftritt.

«Siegfried – Otto – Magda – Untermensch – Nationalsozialismus …»

In Der Antitürke stellt Somuncu sich und uns eine einfache Frage: Woher kommt der Türke – und warum gerade hierhin? Dabei pfeift er lustvoll auf Augenmaß und Political correctness – und entlarvt gerade so, messerscharf ironisch und mit jeder Menge empirischer Belege, die gängigen Klischees, die das deutsch-türkische Verhältnis belasten. Er hält Deutschen wie Türken den Spiegel vor, indem er die subtilen Mechanismen von Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Volksverdummung Schritt für Schritt auseinandernimmt.

Mit dem Namen Somuncu fängt doch schon alles an. Der Deutsche sagt «Somuncku» und nicht «Somuncu», mit Betonung auf der zweiten Silbe und weichem c. «Statt also zum Beispiel ständig zu fordern, dass die in Deutschland lebenden Türken besser Deutsch sprechen sollen und so zu tun, als wäre Integration nur die Aufgabe der türkischen Seite, könnte man doch als Deutsche auch seinen Beitrag dazu leisten, indem man die elementaren Regeln des Türkischen lernt, um wenigstens die fremden Namen richtig auszusprechen …» Aber das wäre ja des Guten zuviel verlangt, und so wird es weiterhin zu slapstickartigen «Dialogen» wie diesem kommen: «Somuncu heiß ich.» – «Können Sie das buchstabieren?» – «Ja, das kann ich.»

Bei all den wechselseitigen Zuschreibungen von Macken und Mängeln sollte eines klar sein: So wie «der Russe» in den Zeiten des Kalten Krieges als personifizierte Bedrohung auf ewig durch unsere Köpfe marschierte, so wird auch «der Türke» nicht einfach «von hier» verschwinden. Es ist nun einmal eine unleugbare Tatsache, dass fast alle derer, die «der Deutsche» als Türken ansieht, ebenso deutsch sind wie er selbst: in Deutschland geboren, deutscher Pass, deutsche Steuernummer, deutsches Wahlrecht. «Vielleicht denken Deutsche und Türken wirklich immer noch, sie wären nur übergangsweise zusammen in diesem Land und würden eines fernen Tages wieder in ihre Heimat reisen. Doch wohin sollen sie dann reisen? In die Türkei? Diese Heimat gibt es nicht mehr … Die vermeintliche Fremde ist schon längst ihr neues Zuhause geworden.»

Zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn

Türken und Deutsche leiden im Prinzip unter den gleichen Komplexen. Die Deutschen sind in den Augen der Türken nicht gastfreundlich, kaltherzig und arrogant, sie essen vorwiegend Schweinshaxe mit Sauerkraut und Schwarzwälder Kirschtorte usw. Und umgekehrt weiß der Deutsche vom Türken genau, dass der das Chaos liebt, ein totaler Familienmensch ist, von Pünktlichkeit keinen Schimmer hat, Döner isst und klammheimlich mit Osama Bin Laden sympathisiert ... Alles Quatsch. Wer weiß schon wirklich, was typisch türkisch oder typisch deutsch ist? «Muss man auf Fragen wie zum Beispiel ‹Woran erkennen Sie, dass Sie deutsch sind?›, antworten: ‹Na ja, ich wache manchmal nachts auf und trage heimlich Wehrmachtsuniform auf nackter Haut …»

Mit Wut und Witz lässt Somuncu die Luft aus den dämlichsten und dreistesten im Umlauf befindlichen Klischees. Die meisten haben was gegen Juden, obwohl sie noch nie im Leben persönlich mit einem zu tun hatten. Dieses Prinzip ist quasi beliebig übertragbar. Der Pole? Klaut schwere deutsche Autos, weiß man doch. Der Russe? Ist schwermütig. Der Neger? Ist faul und dumm. «Der schlechteste Ausländer aber ist und bleibt der Türke. Der Türke ist unberechenbar, fremd, eigensinnig und hinterhältig – fast eine Art Ersatzjude.» Vor lauter Leitkultur- und sonstigen zündlerischen Ersatzdebatten sieht Somuncu die Gefahr, dass wir «mehr als vierzig Jahre, nachdem der erste türkische Gastarbeiter in Deutschland angekommen ist, vor den Trümmern eines gescheiterten Integrationsexperimentes» stehen könnten. Und die Schuld daran trügen dann beide Seiten.

Sich selbst schont Somuncu in seinem furiosen Rundumschlag durchaus nicht. Man sieht förmlich, wie Zornesfalten seine Stirn zerfurchen, wenn er schreibt: «Manch ein Türke verkauft schon gerne einmal seine Seele dafür, dass er ein wenig Anerkennung bekommt. Auch in habe seinerzeit lieber den ‹Quotenkanaken› gegeben, um einen Job zu bekommen, statt abzulehnen und darum zu kämpfen, dass man mir die Chance gibt, das Klischeebild der Türken zu widerlegen.» In der Lindenstraße etwa hatte auch er einen gut bezahlten, textlich hoch anspruchsvollen Auftritt: «Kollega, nix verstehn», und aus die Maus. Dafür musste Serdar Somuncu sich auch noch Perücke und den «typisch türkischen» Schnauzbart ankleben lassen. Zuhälter, Drogendealer, Autoverchecker, das waren die Rollen, die einem wie ihm zugedacht waren. Bis er ein für allemal Schluss damit machte, für Deutsche den «Standardtürken» oder «Quotenkanaken» zu geben. Was nicht heißt, die Perlen von Kanakdeutsch zu verleugnen, comedyreife Slangbrocken wie «Spinnst du, Alder, oder was? Komm, gemma raus. Ich weiß, wo dein Haus wohnt …»

Typisch deutsch, typisch türkisch? So ein Quatsch!

Was heißt schon türkisch? «Manche Türken fasten, andere nicht. Manche Türken essen Schweinefleisch, andere nicht. Manche tragen Kopftücher, andere nicht. Manche Türken sind katholisch oder evangelisch, andere sind orthodox. Selbst die islamische Gemeinde ist aufgeteilt in mehrere Konfessionsgruppen, in Schiiten, Sunniten und Alewiten. Die heutige Türkei ist mittlerweile vor allem ein buntes Völker-, Religions- und Kulturgemisch aus den Einflüssen europäisch-nahöstlicher Kultur.»

Und deshalb gehöre die Türkei auch endlich in die EU; die gebetsmühlenartig wiederholten Gegenargumente seien ärmlich. «Der Türke sei kein Europäer. Der Türke sei kein Demokrat. Der Türke sei ein grauer Wolf im Schafskäsepelz. Der Türke sei nicht belehrbar und unberechenbar. Der Türke mache sich schnell breit und bringe seine bucklige Verwandtschaft mit …» Wie bitte, fragt Serdar Somuncu? «Die größte Kirche des Christentums steht in Istanbul, Noahs Arche ist am Fuß des Berges Ararat in Ostanatolien begraben, und Troja liegt in Kleinasien. Die großen Kulturschätze Europas liegen auf türkischem Boden – und die Türkei soll dennoch nicht zu Europa gehören?»

Neben ein paar goldenen Regeln für einen freundlicheren, offeneren Umgang von Türken und Deutschen miteinander hat der «Bullterrier des deutschen Kabaretts» noch einen ganz praktischen Tipp für seine deutschen Mitbürger auf Lager: Lernt Türkisch! «Es lohnt sich, denn dann verstehen Sie in Zukunft wenigstens, ob Ihr Nachbar Ihnen gerade den Dschihad erklärt oder nur eine Tüte Milch haben will, wenn er sagt: ‹Türkce konuskmak zor degil, sadece biraz ilgi ve sabir lazim.›»