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Sebastian Schnoy gilt als Deutschlands unterhaltsamster Historiker. Smørrebrød in Napoli avancierte 2009 zu einem Überraschungsbestseller. Sein neues Buch trägt den programmatischen Titel Heimat ist, was man vermisst: eine vergnügliche, erfrischend unkorrekte Suche nach dem, was uns erdet und bindet, was uns Halt, Geborgenheit und ein Gefühl von Zuhause gibt, ganz egal wo wir uns gerade aufhalten. Tiefgründig und klug und doch leicht und beschwingt begründet Schnoy, weshalb Heimatgefühle alles andere als reaktionär und ewiggestrig sind. Das herauszufinden, war ihm kein Weg zu weit (Sunset Motel, Key West, Florida) und kein Ambiente zu skurril (Pension Gisela, Harz) …
Lust auf ein Stündchen Heimatkunde? Dann sind Sie herzlich eingeladen. Wir stellen einige Fragen, in denen es um nationale Identität und das Selbstbild der Deutschen,, um das «Woher» und «Wohin», kurz: um Heimat im engeren und weiteren Sinne geht. Und Sebastian Schnoy antwortet – als Historiker und Kabarettist.
Probleme mit dem Deutschsein? «Ohne es wirklich zu merken, pflegte ich nicht nur in New York, sondern auf all meinen Reisen diese besonders deutsche Angewohnheit, meine Herkunft zu verleugnen. Es war der krampfhafte Versuch, nicht als Deutscher aufzufallen und erst recht nicht als deutscher Tourist. (…) Und so geht es einer großen Schicht von sensiblen Deutschen bis heute: Im Ausland „Hallo, ich bin Deutscher“ zu sagen, fühlt sich für viele so an, als sagte man: „Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Göring.“»
Macht Heimatlosigkeit unglücklich? «Auf Dauer macht es unglücklich, kein bestimmbares Heimatgefühl und keine nationale Identität zu haben, denn sie sind elementar für die Persönlichkeitsbildung, für die innere Verortung. Mit diesen Wurzeln zieht man in die Welt, lebt in anderen Ländern, lernt ihre Sprachen – ohne definierbares „Woher“ kann es auch kein „Wohin“ geben. Wie sich mit Vietnamesen, Norwegerinnen und Amerikanern austauschen, wenn man nur zuhören, aber nicht erzählen kann?»
Typisch Deutsches – wie zum Beispiel …? «Spazieren zu gehen gehört zum Kern unserer Kultur, so wie Moslems gen Mekka beten, Spanier Flamenco tanzen und Österreicher Verwandte gefangen halten.»
Und abgesehen vom rituellen Sonntagsspaziergang? «Niemand weiß, woran es liegt, aber die Deutschen haben immer vor irgendetwas Angst, meistens vor der Zukunft. Von ihr gibt es bekanntlich im Überfluss und das Schlimmste: Sie kommt direkt auf uns zu! Deshalb ist die Furcht so groß und des Deutschen liebstes Hobby das Jammern.»
Versöhnen statt spalten – ist auch das typisch deutsch? «Wenn die Verkäuferinnen eines Kaufhauses im französischen Lyon entlassen werden sollen, besetzen sie ihre Filiale; ihre deutschen Kolleginnen würden in diesem Fall anbieten, auf Lohn zu verzichten. Dort sperrt man den eigenen Vorstand einfach tagelang im Sitzungsraum ein und nennt das Bossnapping. Hier würde auf Urlaub verzichtet, gebettelt und appelliert, dass man es doch gemeinsam schaffen können, während in Lyon längst die Herrenabteilung in Flammen steht.»
Heimat ist also – was genau? «Heimat zeichnet sich durch das aus, was bleibt. Für mich ist ein Stück Heimatgefühl zum Beispiel auch der Bohnenkaffee, den meine Oma mit der hand in einem Filter aus Porzellan aufbrüht. ER duftet und schmeckt himmlisch. – Egal, wohin man fährt und wie weit weg, unsere Heimat fährt immer mit, selbst wenn sie in uns schmerzliche Erinnerungen weckt und wir sie gerne vergessen wollen. – Mit der Muttersprache ist es wie mit der Heimat: Solange sie einen umgibt, fällt sie nicht groß auf, erst wenn sie weg ist, vermisst man sie.