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Waschtl ist zurück! Wer Na servus gelesen hat, wird sich vermutlich wie Bolle freuen, dass Sebastian Glubrecht mit Ja mei jetzt nachlegt. In seinem Debütroman konnten wir lesen, wie es seinen «Helden» Sebastian als Wahlberliner aus beruflichen Gründen nach München trieb. Dort verliebte er sich in die hinreißende Vollbayerin Roni, und schon bald war ihm klar, dass es für ihn kein Zurück nach Berlin geben würde: So sehr hatte er sich in Stadt, Land und Leute verguckt, dass er für immer dableiben wollte ...
Sebastian Glubrecht versucht erst gar nicht, den autobiographischen Background seiner Romane zu leugnen: Den gebürtigen Hannoveraner (und Berliner aus Leidenschaft) hatte einst eine Schwangerschaftsvertretung in den Süden gelockt. Und wie das Leben so spielt: Er wurde mit offenen Armen empfangen, lernte die schrägen Bräuche und Traditionen der Bajuwaren kennen und schätzen. Und verliebte sich in eine Frau (die im wirklichen Leben beim nichtfiktionalen Sebastian Uli heißt …
Lange Rede, kurzer Sinn: Nun soll geheiratet werden. Seine Berliner Kumpel, allen voran Spezl Jochen, glauben, dass ihr Sebastian (alias Butzi) nun in der Ferne endgültig den Verstand verloren hat. Heiraten! Eine Bayerin! Schwund gibt’s immer, denkt sich der Neu-Bayer; wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Als wäre das Heiraten nicht so schon kompliziert genug! Allein der Heiratsantrag: wann? wo? wie? Sebastian (in Bayern Waschtl genannt) hat sich ein Konzert der heiß verehrten Pixies ausgesucht. Fast wäre das schief gegangen, bei der Irrsinnslautstärke und anderen Irritationen …
Roni ist schon eine sehr spezielle Frau: eine Doktorandin der Brauereiwissenschaft, hübsch und schlau – und mit einem Faible für die kreative Veränderung stehender Redewendungen. Andere sind, wenn sie sich aufregen, auf 180, Roni «auf 250»; Sodom und Gomorrha macht sie, ohne mit der Wimper zu zucken, zu «Saddam und Camorra». Aber komischerweise klingen ihre recycelten Sprüche so frisch und passend, als wären sie neu geprägt (na ja, zumindest einige): Klappe zu – Abendbrot. Oder: Wird das ein Gang nach Cabanossi? Wie man in den Wald hineinfährt, so fährt man auch heraus. Oder: Hunde, die bellen, beißen mich …
Sehr hübsch sind die Kapitelüberschriften in Ja mei (und ihre Übersetzung!), ein kleiner Grundkurs im bairischen Idiom. Sauber beianand (hochdeutsch: In guter Verfassung). Fuizufuigfui (hochdeutsch: Viel zu viel Gefühl). So is aa wieda ned (hochdeutsch: Der hier vorliegende Sachverhalt gestaltet sich komplexer, als man auf den ersten Blick vielleicht annehmen würde). Servus, oide Fischhaut (hochdeutsch: Guten Tag, alter Bekannter). Hauptsach is, doss gschnackselt wird (hochdeutsch: Es ist wichtig, dass man gut miteinander auskommt). A geh! (hochdeutsch: Ich akzeptiere Ihre Meinung, teile sie aber nicht) …
Apropos Hochdeutsch. «Seids Preißn?», fragt die apart geschminkte Mittfünfzigerin, ihre Vermieterin in spe. «Er scho, i ned», versucht Roni das bayerische Urviech zu beruhigen. Was auch gelingt. Die Wohnung ist perfekt gelegen und perfekt geschnitten, und doch: «Für mich ist das der Immobilie gewordene Albtraum … Im Flur hängen so viele Geweihe, dass ich kaum die Wandfarbe erkennen kann: Hörner von Rehen, Hirschen, Antilopen, die gewaltigen schaufeln eines Elchs, dazu präparierte Vögel mit anklagend aufgesperrtem Schnabel, ausgestopfte Tiergesichter und drei Dachse, die nebeneinander Männchen machen.» Normalerweise ist ein solches Jägerambiente der Tod jeder Erotik, aber ganz so schlimm ist es dann doch nicht gekommen, wie der allerletzte Satz des Romans vermuten lässt …
Egal: vier Magenbitter später ist man handelseinig geworden und per du mit Walli und Arni. Allzu viel Zeit haben die beiden Heiratswilligen auch nicht, um nach Alternativen zu suchen. Noch haben die beiderseitigen Eltern nämlich keine Ahnung von den Plänen ihrer Kinder. Ronis Eltern Regina und Knoll sind da kein Problem, sie ziehen selbst bei der Realisierung der Schnapsidee an einem Strang, sich von mexikanischen Wanderarbeitern in Texas ein Haus bauen zu lassen: «Af da Veranda sitza, Kolibris oschaugn, a Countrymusi hean und jen Dog an Barbecue», so sieht Knoll das. Dagegen haben sich Waschtls Sozialarbeiter-Eltern so weit auseinandergelebt (vielleicht auch wegen eines gewissen Golflehrers), dass alle Zeichen auf Scheidung zu stehen scheinen. Aber das wird ja wohl nicht das Glück von Roni und Waschtl sabotieren dürfen. Des passt scho!
Die elterliche Erst- und Zweitversorgung ist nicht das Einzige, was Sebastian graue Haare büschelweise sprießen lässt. Ausgerechnet der Typ, der Roni damals hat sitzen lassen, um sich in Nepal rundum selbstzuverwirklichen (als Fair-Trade-Ausbeuter und Pseudo-Gutmensch), Christoph, steht vor der Tür – und kann, kaum ist er von Roni eingelassen worden, die Hände nicht von ihr lassen. Und dass Jochen, Sebastians best buddy aus Berliner Tagen, sich bei ihnen einquartiert, weil er in der Münchner Agenturszene fett reüssieren will, macht das voreheliche Leben auch nicht gerade geschmeidiger.
Zu den lustigsten Szenen gehört das Vorstellungsgespräch beim Dorfpfaffen in Dumbling, wo Roni zu Hause ist und die Hochzeit samt Weihrauch, Gebet und Gesang konsequent römisch-katholisch vollzogen werden soll. Das Gespräch zwischen dem erzgeduldigen Pfarrer und dem leicht renitenten Zugereisten kommt nicht so recht in Gang, wie folgender Dialog zeigt. Frage: «Wos is fia aich da Sinn von da Ehe?» Antwort: «Koitus.» (Effektpause.) «Am besten ohne Kondom. Richtig?» Frage: «Is da Trauzeuge katholisch?» Antwort: «Nein. Der ist Kommunist.» Fazit 1: «Sie san oiso Atheist … Woins Eahna Kinda taufen lossen?» «Ja» (sagt Roni). «Nein» (sagt Sebastian). Fazit 2: «Des is schee. I trau aich.» «Ich hingegen traue Ihnen nicht …» Na ja, `s kimmt, wie`s kimmt.
So richtig geht die Gaudi aber erst los, als Roni die so weitverzweigte wie wilde Verwandtschaft ihres Liebsten in Tiefenwalde kennen lernt. Ein ziemlich exzentrisches Vergnügen! Ehe die beiden endlich glücklich in den Hafen der Ehe einlaufen, passiert noch dies und das an Ausschweifungen, speziell beim Junggesellen- und Junggesellinnenabschied. Eine Kuh wird überfahren (und verendet kläglich); ein Stripper kommt (und geht); eine Scheune wird abgefackelt (was die Laune nicht hebt); das Hochzeitskleid ist verschwunden (und taucht dank Schraubertoni doch noch unversehrt aus Nunjas Trümmerauto wieder auf); die Braut wird entführt usw. usf.
Aber Ende gut, Affe tot – bis des da Dod aich scheidet…
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Sebastian Glubrecht
rororo 224 S.
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