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Sascha Lobo, Werbetexter und bekannter Blogger, beschreibt in seinem Roman Strohfeuer die hedonistisch-euphorische Aufbruchstimmung der stürmischen Dotcom-Jahre.
Welcher Unternehmer, Werbetexter oder Dienstleister rieb sich während der boomenden Dotcom-Goldgräberphase Ende der 90er Jahre nicht verwundert die Augen, als junge Internet-Talente mit subtilem Gespür für das ungeheure Web-Potential fast über Nacht Millionenrenditen einfuhren und ihre New-Economy-Firmen plötzlich Kult-Status besaßen? Selbst die abstrusesten Ideen schienen erfolgversprechend und schnell realisierbar zu sein. Der «rote Irokese» Sascha Lobo, 35, Start-up-Unternehmer und Internet-Fan der ersten Stunde, inzwischen zum Experten im Online-Beirat der SPD avanciert, beschreibt diese grotesken «Strohfeuer»-Exzesse in einem grandiosen selbstironischen Stil wie Episoden eines modernen Schelmenromans.
Sein Held und Ich-Erzähler Stefan ist Werbetexter und wird von der turbulenten Dotcom- Aufbruchstimmung kurz vor der Jahrtausendwende mitgerissen. Als Organisator einer chaotischen Millenniumsparty in einem leerstehenden Berliner Loft lernt er die aparten Frauen Lena, Sandra und Kathi näher kennen, mit denen er sich aus dem alten Jahrtausend begeistert rausknutscht und rausvögelt. Außerdem trifft er den quirligen «Konzept-König» Thorsten, für den die Welt eine große Spielwiese und Zockerhöhle zu sein scheint.
Der hat Optionen auf Solaranlagen mit günstigen Stromtarifen je nach Wetterlage sowie andere verrückte Web-Ideen im Angebot und beeindruckt den New-Economy-Neuling Stefan mit seiner Kombination von Glücksspiel-Mentalität und grenzenloser Gier. Diese beiden hemmungslosen Glücksritter haben sich wahrlich gesucht und gefunden und verfolgen sofort ihre verrückten Internet- Projekte. Für ein lukratives Großprojekt in Sassnitz wird neben dem klassischen Computer-Nerd von der Uni auch ein Schauspieler mit rudimentären Internet-Kenntnissen angeheuert, der sich als geniales, lernfähiges Supertalent erweist- das riskante, spontan durchgezogene Manöver erweist sich als «Hammer»-Hit, doch andere Vorhaben wie etwa das Downloaden von Benzin mit Internet-Gutscheinen erweisen sich als Flop.
Der Nervenkitzel dieser New-Economy-Achterbahnfahrten ist die Ersatzdroge für Stefan und sein herrlich chaotisch-kreatives Team. Als er während einer Dienstfahrt im maroden VW-Käfer mit defekten Bremsen, kaputtem Gaspedal, ausgefallenen Bremsleuchten und nur einem funktionierender Gang einen Streifenwagen im Rückspiegel entdeckt, geht ihm durch den Kopf: «Ich war ein Zirkusartist im Löwenkäfig, der auf einem Einrad mit brennenden Tellern jonglierte, Schweiß stand mir auf der Stirn» – genau diese artistische Leistung wurde ihm als Werbetexter, Internet-Unternehmer und Kommunikationsstratege permanent abverlangt: Hammerharter Stress, kombiniert mit maximalem Lustgewinn.
Über Sascha Lobos Selbstvermarktungs-Strategie als flammroter Internet-Irokese oder seine allzu blauäugige «Big Brother is good for you»-Mentalität, die das Netz für eine Art harmloses schwarzes Brett hält, kann man sicher geteilter Meinung sein. Doch der routinierte Werbetexter entpuppt sich hier als brillanter, amüsanter Erzähler – mit dem autobiographisch geprägten Dotcom-Schlüsselroman «Strohfeuer» ist ihm jedenfalls ein großer Wurf gelungen, der es auf Anhieb in die Bestsellerlisten schaffen dürfte.
(VAus: Rowohlt Revue 90, Autor: Peter Münder)