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Samy Deluxe: Dis wo ich herkomm

© ullstein bild

Der Untertitel spricht direkt an, worum es Deutschlands prominentestem Rapper in seinem Buch geht: «Deutschland Deluxe». Ein politisches Statement zu dem Land, das ihm früher oft wie ein Albtraum erschien und das ihm allmählich zur gefühlten Heimat wurde: Dis wo ich herkomm. Der Hamburger Hip-Hopper Samy Deluxe redet Klartext, kommt wie in seinen Songtexten ohne Umschweife zur Sache. Erzählt, wie er als Sohn eines lebenslänglich abwesenden Vaters aus dem Sudan und einer deutschen Mutter ins Leben hinausging, indem er seinen Stil, sein Ziel fand: Musik, Text, Performance, das Gesamtkunstwerk Samy Deluxe. Wie die Verhältnisse ihn und er die Verhältnisse zum Tanzen brachten. Weshalb sein Sohn Elijah der wichtigste Mensch in seinem Leben ist – und was das alles mit Deutschland zu tun hat. Kurz, «warum ich noch immer hier bin».

Seit gut einem Jahrzehnt zählt Samy Deluxe zu den Berühmtheiten der deutschen Hip-Hop-Szene. Reichlich Charterfolge mit Dynamite Deluxe und als Solokünstler, in immer neuen Projekten mit Musikern, Sängerinnen und Produzenten, mit Videoregisseuren, Fotografen und Graffitikünstlern involviert. Seit er Hip Hop für sich entdeckte, arbeitet er wie besessen an der Perfektionierung seiner Lyrics, an Flow, Reimtechnik und Wortspielen, an der Verkettung von Text und Beats. Dies ist seine Geschichte: ein ehrliches, zupackendes und an vielen Stellen auch ziemlich lustiges Buch.

Schade eigentlich, dass wir keine Kinder mehr sind …

«Keine Frage: Ich bin viel zu jung für Memoiren. Aber für irgendwas ist man immer zu jung. Ich war auch zu jung, die Trennung meiner Eltern zu verstehen, meinen Vater im Sudan zu besuchen, ohne Abi von der Schule abzugehen, mit null Plan von zu Hause auszuziehen. Ich war viel zu jung, um zu heiraten, Vater zu werden, Verträge zu unterschreiben, meine eigene Firma zu gründen und von gestern auf heute vom Umsatzmillionär zum Steuerschuldenkönig zu werden. Jetzt will ich all das zu Papier bringen – meine Gedanken, meine Gefühle, meine Ideen, meine Meinung. Die Zeit ist reif.»

Der Vorname Samy kommt aus dem Arabischen, der Muttersprache seines Vaters; er bedeutet «der Durchgeistigte» («das hätte definitiv schlimmer kommen können»). «Mein ‹bürgerlicher› Nachname ist übrigens Sorge, weder verwandt noch verschwägert mit dem sowjetischen Spion Richard Sorge oder dem Erfinder des Sorgerechts.» Seinen Künstlernamen klaubte er bei einer Party im Hamburger Schanzenviertel quasi aus einer Plattenkiste – es war ein Album von Felix de Luxe, das bei ihm im Kopf den entscheidenden Klick auslöste. Von jetzt an also: Samy Deluxe. Oder Big Baus of the Nauf, klangmalerisch für «Big Boss of the North“». Oder: Samsemilla, nach der edlen Cannabissorte Sensimilla,. Oder Wickeda MC. Oder DJ Whodat – ganz nach dme Motto: Ich ist ein anderer.

«Für irgendwas ist man immer zu jung …»

Mit elf schrieb Samy die ersten Hip-Hop-Texte, mit 12 begann er zu zu rappen, mit 13 zu beatboxen, mit 14 zu taggen, mit 15 Platten aufzulegen. Der Rest ist bekannt: No Nonsens, Dynamite Deluxe, das Label Deluxe Records, mehr als 1 Million verkaufte Tonträger. Was es an bedeutenden Preisen für einen Rapper hierzulande abzuräumen gibt, hat er abgeräumt: Comet, MTV Europe Music Award, Bravo Otto, Echo etc. Spätestens seit seinem TV-Auftritt bei Sabine Christiansen ist er auch weiten Teilen der nicht hip-hoppenden Öffentlichkeit ein Begriff. Weil er sich dort einmischt, wo’s not- und wo’s wehtut, Samy Deluxe engagiert sich gegen Rechtsradikalismus, Rassismus, Aids. In dem Verein Crossover e.V. versuchen er und der schwarze Basketballer Mark Willoughby Jugendliche aus verschiedenen Kulturen durch Musik- und Sportworkshops zusammenzubringen.

Samy Deluxe’ Autobiographie kommt immer wieder auf eine Frage zurück: Wie stehe ich eigentlich zu Deutschland – ist es mein Land, meine Heimat gar? Oder ist Deutschland doch noch immer der Albtraum, der es einmal war? Als schwarzer Junge in Hamburg als Sohn eines schwarzen Vaters geboren zu sein, der sich früh aus dem Staub gemacht hat – keine leichte Bürde. «Der Durchschnittsdeutsche kannte damals den Sarotti-Mohr und Roberto Blanco, sang in der Vorschule das Lied von den «Zehn kleinen Negerlein» und bewarf sich später beim Kindergeburtstag mit ‹Negerküssen». Schluss. Aus. Kleine, dunkelhäutige Jungs hatten normalerweise dicke, nackte Bäuche, einen hungrigen Blick und bettelten um Brot für die Welt. Im Fernsehen und auf Plakaten. Aber bitte nicht in der Nachbarschaft.»

Sarotti-Mohr, Negerküsse & Zehn kleine Negerlein

Dis wo ich herkomm ist ein sehr persönliches Buch geworden. Weil Samy Deluxe nicht nur die musikalischen Stationen Revue passieren lässt (Stichwort: «Eimsbush Bassment») und dabei auch die weniger heroischen Momente nicht ausblendet, sondern weil er viel Privates preisgibt. Er erzählt von seiner Hamburger Familie und der im Sudan, von der Oma und Tollpatschhund Boris, von Geld und Steuern, Ruhm und Größenwahn, Kiffen und Graffiti.

Es sind die kleinen privaten Geschichten, die das Buch so reizvoll machen. Etwa die von seinem Rapper-Idol Jay-Z, der ihm vor der Verleihung der MTW Awards in Frankfurt mit einem einzigen Satz klarmachte, dass ein bekiffter Vater in der Regel kein guter Vater ist: «Your joint knocked the baby out, man!» Oder jenes Gespräch mit seinem kleinen Sohn Elijah, als dieser ihm frank und frei sagte: «Papa, manchmal wäre ich auch gern weiß.» – «Warum das denn?» – «Weil alle weiß sind.» – „Wer, ‚alle’?» – «Na, alle ‚alle’. Meine Freunde, die in der Schule, im Fernsehen, und alle Superhelden, von Luke Skywalker bis Superman. Und Harry Potter.» – «Weißt du, wenn es Luke und Harry und all die anderen wirklich geben würde und sie dich kennen würden, hätten sie bestimmt auch lieber braune Haut …»

Mit zwei Überraschuungen verabschiedet sich der Top-Rapper von seinem Leserinnen und Lesern: Mit einer Hommage auf einen genialen Tischler. Und einer Plakette an seinem Geburtshaus in Hamburg-Eppendorf; die Inschrift lautet: «In diesem Haus lebte und arbeitete der Komponist ALFRED SCHNITTKE 1934-1998.» Und plötzlich war die Erinnerung wieder da, an jenen Tag, als der Schüler Samy Sorge dem weltberühmten Avantgardekomponisten einmal das Leben gerettet hat. Wenn das kein Zeichen ist …